Familiengeschichte
Von Melsungen um 1395 bis ins 21. Jahrhundert
Herkunft – von Melsungen nach Pommern
Die urkundlich gesicherte Stammreihe der Familie beginnt nicht im Adel, sondern auf dem Land: 1318 wird in Melsungen (Nordhessen) ein »Gerlacus apud forum« genannt, 1332 der Schöffe »Gerlach an deme markede«. Gerlach zu Obermelsungen (um 1395 – um 1469/70) gilt als erster sicher fassbarer Träger der Stammreihe, ein Bauer. Über mehrere Generationen blieb die Familie in Melsungen ansässig, ehe Martin Gerlach II. (um 1560–1638) um die Wende zum 17. Jahrhundert nach Nienburg an der Saale zog und dort Bürgermeister und Richter in anhaltischen Diensten wurde. Nach der Familienüberlieferung erhielt die Familie bereits am 10. August 1433 in Rom von Kaiser Sigismund einen Ritter- und Wappenbrief; urkundlich belastbar ist diese Verbindung zur Melsunger Linie jedoch nicht – im Register des Buches von Jürgen von Gerlach ist der angebliche Empfänger »Jakob« mit dem Zusatz »angeblich 1433« geführt. Den Namen selbst führt die Familiengeschichte von 1903 auf den heiligen Gerlach zurück, einen Ritter aus dem Belgien des 12. Jahrhunderts, der nach seiner Bekehrung in Jerusalem für die Johanniter die Schweine hütete. In der Familie war die Legende unbekannt, bis Ludwig von Gerlach sie 1856 im Abgeordnetenhaus von dem Abgeordneten August Reichensperger erfuhr; einen Zusammenhang nennt die Quelle nicht belegt, aber nicht unmöglich. Die Urkunden selbst sind gedruckt: Der Stettiner Staatsarchivrat Georg Kupke gab 1929 bei Herrcke & Lebeling »Familiengeschichte derer von Gerlach. Band I: Urkunden 1347–1687« heraus, achtundvierzig Seiten mit neun Tafeln, als ersten Band der Reihe »Beiträge zur Geschichte der Familie v. Gerlach«. Die Urkunden dazu sind benannt. Ludwig Armbrusts Geschichte der Stadt Melsungen von 1905 druckt die Schöffenreihe von 1318, in der »Gerlacus apud Forum« an erster Stelle steht, und die von 1332 mit »Gerlach an deme Markede«; eine Untersuchung im Archiv für Sippenforschung hält beide für denselben Mann. Das Genealogische Handbuch des Adels setzt die erste urkundliche Nennung des Geschlechts auf 1447 mit einem Gerlach zu Obermelsungen und auf 1448 mit Contze Gerlach in Melsungen, nach den Rechnungen des Rentmeisters und Schultheißen zu Melsungen im Staatsarchiv Marburg; die sichere Stammreihe lässt es mit Martin Gerlach beginnen, dem Bürgermeister und Richter zu Nienburg. Contze Gerlach ist von 1448 bis 1469 greifbar, in Melsungen und auf dem Hof Schwerzelfurt: Die Urkunde, mit der ihm, seiner Frau Emmele und ihren Erben der Hof in Landsiedelleihe gegeben wird, liegt wohlerhalten in Marburg. Schwerzelfurt lag südlich der Stadt zwischen Adelshausen und Fahre, erst ein Dorf, dann ein einzelner Hof, zuletzt wüst.


Köslin, Berlin, Pommern – der Weg in den Adel
Aus der Nienburger Linie ging Lebrecht Gerlach (1669–1742) hervor, Hofgerichtsrat am Hofgericht Köslin in Hinterpommern. Er erhielt am 2. September 1735 die preußische Anerkennung und Erneuerung des Adelsstandes und gilt damit als Begründer der preußischen Linie der Familie. Sein Sohn Friedrich Wilhelm von Gerlach (1711–1780) wirkte als Geheimer Oberfinanzrat im Generaldirektorium in Berlin, am Hofe Friedrichs des Großen, und legte mit dem Erwerb der Güter Schwemmin (1765) und Parsow (1772/1779) den Grundstein für den späteren pommerschen Familienbesitz. 1773 wurde die von ihm benannte Warthebruch-Kolonie Gerlachsthal (heute Gostkowice) gegründet.

Zwei Zweige – Parsow und Rohrbeck
Nach Friedrich Wilhelms Tod teilten seine Söhne 1780 das Erbe: Ludwig Wilhelm August von Gerlach (1751–1809) erhielt Parsow und Schwemmin und begründete damit den Parsower Zweig; sein jüngerer Bruder Carl Friedrich Leopold von Gerlach (1757–1813) erhielt die übrigen pommerschen Güter und erwarb 1805 zusätzlich das Gut Rohrbeck in der Neumark – die spätere Stammresidenz der berühmten »Gerlach-Brüder« und Ausgangspunkt des Rohrbecker Zweigs. Das Gut Schötzow blieb bis 1805 im gemeinsamen Besitz beider Brüder, seit dessen Erwerb 1781.

1806–1815 – Der Oberbürgermeister und die vier Brüder im Feld
Carl Friedrich Leopold von Gerlach, Präsident der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer und Geheimer Oberfinanzrat, wurde 1809 während der französischen Besatzung der erste nach der Steinschen Städteordnung gewählte Oberbürgermeister von Berlin und blieb es bis 1813; die Stadt Berlin ehrte ihn später mit einem Ehrengrab auf dem Domfriedhof II. Seine vier Söhne aus der Ehe mit Agnes von Raumer – Wilhelm, Leopold, Ernst Ludwig und Otto – zogen 1813 als Freiwillige in die Befreiungskriege gegen Napoleon: Kämpfe in Schlesien und bei Leipzig, der Rheinübergang bei Kaub 1814, der Feldzug in Frankreich und 1815 Ligny und Waterloo.

Recht und Reaktion – die Gerlach-Brüder
Aus Carl Friedrich Leopolds Ehe mit Agnes von Raumer stammten die vier Brüder, die das politische und geistige Bild Preußens im 19. Jahrhundert mitprägten. Der älteste, Wilhelm von Gerlach (1789–1834), wurde Vizepräsident des Oberlandesgerichts Frankfurt (Oder); in der »Demagogenverfolgung« verweigerte er 1819–1822 als Kammergerichtsrat Untersuchungen gegen den Verleger Georg Reimer, Turnvater Jahn und E. T. A. Hoffmann. Ludwig Friedrich Leopold von Gerlach (1790–1861) wurde General der Infanterie und Generaladjutant Friedrich Wilhelms IV. – einer der einflussreichsten Berater des preußischen Königs in der Reaktionszeit nach 1848. Ernst Ludwig von Gerlach (1795–1877), Jurist und Publizist, war Mitbegründer der Konservativen Partei und der »Neuen Preußischen (Kreuz-)Zeitung« (1848); gemeinsam mit Leopold prägte er die konservative »Kamarilla« um den König. Mit Bismarck brach Ernst Ludwig zweimal: 1866 lehnte er den Krieg gegen Österreich und die Annexionen ab, 1873/74 folgte im Kulturkampf eine Anklage wegen seiner Schrift »Die Civilehe und der Reichskanzler« und der Abschied als Gerichtspräsident. Der Historiker Hans-Joachim Schoeps nannte ihn den »einzigen systematischen Theokraten der Neuzeit«. Der jüngste Bruder, Otto von Gerlach (1801–1849), war Theologe, Pfarrer an der Berliner Elisabethkirche und zuletzt Hof- und Domprediger.


Die Häuser Rohrbeck und Nordhausen, die »Ottonen«
Aus den vier Brüdern gingen drei Häuser hervor. Aus Wilhelms Nachkommen entstand das Haus Rohrbeck: Dr. Friedrich von Gerlach (1828–1891), Landrat und Oberpräsidialrat, Jakob von Gerlach (1830–1908), Landrat und Präsident der Berliner Missionsgesellschaft, sowie Martin von Gerlach (1860–1929), Pfarrer, und Servatius von Gerlach (1868–1950), Major. Aus Leopolds Nachkommen ging das Haus Nordhausen hervor, mit Berndt von Gerlach (1828–1889), Landrat und Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses, und seinem Sohn Berndt-Leopold von Gerlach (1879–1948), Rittmeister. Ottos Nachkommen wurden in der Familie »die Ottonen« genannt: Konrad von Gerlach (1836–1875), Divisionspfarrer, sein Bruder Leopold Friedrich von Gerlach (1839–1874), Hauptmann, und dessen Neffe Otto von Gerlach (1869–1924), Oberstleutnant.
20. Jahrhundert und Gegenwart
Die pommersche Hauptlinie unter Landrat August von Gerlach (1830–1906) und seinem Sohn Carl August von Gerlach-Parsow (1883–1945) vereinigte zuletzt die Güter Parsow, Schwemmin, Trienke und Drosedow in einer Hand. 1945 zerschlug die Rote Armee diesen Besitz endgültig; Carl August wurde verschleppt und ermordet. Die Fideikommissbibliothek von Parsow und die Bausubstanz der Güter gingen weitgehend verloren. Erhalten blieb das Gerlach-Rohrbecksche Familienarchiv an der Universität Erlangen-Nürnberg: rund 17.000 Dokumente – etwa 15.000 Briefe von fast 9.000 Korrespondenten sowie Tagebücher (1815–1877) der Brüder von Gerlach –, die 1954 der Universität übergeben wurden; 2012–2015 wurde der Bestand neu erschlossen und ist seither vollständig im Kalliope-Verbund katalogisiert. Die heute weit verzweigte Familie pflegt diese Tradition in einem Familienverband mit regelmäßigem Familientag; 2015 erschien die von Jürgen von Gerlach verfasste Familiengeschichte »von Gerlach. Lebensbilder einer Familie in sechs Jahrhunderten«. Ein zweiter, kleinerer Bestand liegt seit 2017 und 2023 in Göttingen: Das Familienarchiv von Thadden, das die Universitätsbibliothek aus Familienbesitz geschenkt bekam, enthält unter der Signatur K 14 eine eigene Serie »Familie Gerlach (Rohrbecker Archiv)« – acht Mappen in einem Kasten. Darin liegen Klaus von Gerlachs Arbeiten über die vier Brüder, dreihundertdreiundneunzig Blatt Maschinenschrift mit handschriftlichen Korrekturen, seine Untersuchung der Bismarck-Briefe, Joachim von Gerlachs Nachkommentafeln von 1966 und Kupkes Urkundenband. Der Weg dorthin führte über Ehrengard von Gerlach, die 1888 nach Trieglaff heiratete. Der Bestand ist in Teilen gewachsen: Ein Teilnachlass, den das Archiv als »Sonderarchiv« führt, kam erst später hinzu, gegeben vom Zweig Tessen von Gerlach-Parsow.
Andere Familien von Gerlach
Der Name Gerlach führt in Literatur und Internet häufig zu Verwechslungen mit nicht verwandten Familien. Am bekanntesten ist die schlesische Familie von Gerlach, 1840 für den Berliner Polizeipräsidenten Karl von Gerlach (1792–1863) geadelt; zu ihr gehört der Publizist und Pazifist Hellmut von Gerlach (1866–1935). Ebenfalls nicht verwandt sind die hessischen Freiherren von Gerlach (Freiherrenstand 1838) sowie mehrere weitere, im Buch von Jürgen von Gerlach eigens abgegrenzte Gerlach-Familien.
Zeittafel
- 1318
Erste Erwähnung eines »Gerlacus apud forum« in Melsungen
- 1395
Gerlach zu Obermelsungen – Beginn der urkundlich gesicherten Stammreihe
- 1433
Wappenbrief der Familie von Gerlach in Rom (Familienüberlieferung)
- 1560
Martin Gerlach II. zieht nach Nienburg an der Saale (anhaltische Dienste)
- 1735
Preußische Anerkennung und Erneuerung des Adelsstandes für Lebrecht Gerlach
- 1765
Friedrich Wilhelm von Gerlach erwirbt Gut Schwemmin (Hinterpommern)
- 1772
Beginn des Erwerbs von Parsow (schrittweise bis 1779)
- 1773
Gründung der Warthebruch-Kolonie Gerlachsthal
- 1780
Erbteilung: Parsower und Rohrbecker Zweig entstehen
- 1781
Gemeinsamer Erwerb des Gutes Schötzow
- 1786
Heirat Carl Friedrich Leopolds mit Agnes von Raumer
- 1805
Carl Friedrich Leopold von Gerlach erwirbt Gut Rohrbeck in der Neumark
- 1808
Ludwig Wilhelm August von Gerlach wird erster Präsident des neu gegründeten Oberlandesgerichts Köslin
- 1809
Carl Friedrich Leopold wird erster gewählter Oberbürgermeister Berlins; Fideikommiss Parsow-Schwemmin testamentarisch bestimmt
- 1813
Die vier Brüder ziehen als Freiwillige in die Befreiungskriege gegen Napoleon
- 1819
Demagogenverfolgung: Wilhelm von Gerlach verweigert Untersuchungen gegen E. T. A. Hoffmann
- 1840
Charlotte von Gerlach geb. von Beyme erwirbt Gut Drosedow
- 1848
Ernst Ludwig von Gerlach gründet die Konservative Partei und die Kreuzzeitung
- 1861
General Leopold von Gerlach stirbt in Potsdam
- 1874
Bruch Ernst Ludwigs mit Bismarck; Abschied als Gerichtspräsident im Kulturkampf
- 1877
Tod Ernst Ludwig von Gerlachs in Berlin
- 1945
Verlust der pommerschen Güter durch die Rote Armee; Carl August von Gerlach-Parsow ermordet
- 1954
Familienarchiv (~17.000 Dokumente) an die Universität Erlangen übergeben
- 2015
Erscheinen des Buches »von Gerlach. Lebensbilder einer Familie in sechs Jahrhunderten«
- Heute
Familienverband pflegt Erinnerung, Stammbaum und Gemeinschaft
Quellen: Wikipedia-Artikel zu Ludwig Wilhelm August von Gerlach, Leopold von Gerlach (General), Ernst Ludwig von Gerlach und Otto von Gerlach; Gerlach-Rohrbecksches Familienarchiv an der Universität Erlangen; Wikimedia Commons (Portraits, Schloss-Parsow-Foto, Rohrbeck-Lithografie Sammlung Duncker gemeinfrei, Zeichnung der vier Brüder von Gerlach, Friedrich Meier zugeschrieben, gemeinfrei). Angaben nach bestem Wissen. Jürgen von Gerlach: von Gerlach. Lebensbilder einer Familie in sechs Jahrhunderten (Deutsches Familienarchiv 160), Insingen 2015. Hans-Christof Kraus: Ernst Ludwig von Gerlach, 2 Bde., Göttingen 1994. Alle Quellen.
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