Schloss Parsow

Kluka, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0
Stammgut der pommerschen Linie der Familie, erworben 1779 durch Geheimen Finanzrat Friedrich Wilhelm von Gerlach. Das Schloss beherbergte eine Fideikommissbibliothek mit 4.000 Bänden zur pommerschen Geschichte – eine der bedeutendsten privaten Sammlungen Hinterpommerns. Dazu kamen Gemälde, Porzellan und Fayencen; von alledem blieb 1945 nichts.
Chronik
- 1172
Ein Herrensitz in Parsow ist nach Helmut Sieber in einer Urkunde Herzog Kasimirs I. belegt; die ursprüngliche Anlage war vermutlich eine durch Graben und Palisade geschützte Fluchtburg.
- 1227
Erste Nennung unter dem Namen Parsow: Herzog Barnim I. und seine Mutter schenken das Dorf dem Kloster Marienbusch (Pommersches Urkundenbuch I Nr. 242); 1252 an Hermann von Gleichen, den späteren Bischof von Cammin.
- 1252
Bischof Hermann von Cammin übernimmt vom Kloster Belbuck im Tausch gegen Zehnten und 82 Hufen bei Mielno die Dörfer Błotowo, Brodno und Parsowo im Land Kolberg – so der Katalog des Kösliner Museums zur Stadtgeschichte. Der Vorgang steht gedruckt: Friedrich von Dreger nahm die Urkunde 1748 als Nummer CCXXVIII in den ersten Band seines Codex Pomeraniae Diplomaticus auf. Sie nennt Hermann »Caminensis ecclesie Electus«, den erwählten Bischof, und sagt, wo die drei Dörfer liegen – »in territorio Colbergensi«. Als Zeugen stehen dabei Hermanns Vorgänger Wilhelm, der auf das Bistum verzichtet hatte, die Äbte von Usedom und Stolp und der Propst von Cladessow. Datiert ist sie auf den Freitag vor dem Sonntag Invocavit, im ersten Jahr der Wahl.
- 1255
Ein Warnzeichen für die weitere Forschung. Derselbe Band Dregers druckt als Nummer CCLXVIII eine zweite Urkunde über ein Parsow: Herzog Barnim I. schenkt am 25. Juli 1255 den Zisterziensern von Kolbatz »das Dorf, das Parsow heißt« und beschreibt seine Grenzen – von der Grenze Babins bis in den Wald Drenca, der die Grenze von Belitz scheidet, dann an die Grenzen von Woltersdorf und Gardna und zurück nach Babin, mit Äckern, Wäldern, Wiesen, Weiden, Teichen, Fischereien, Bächen und Mühlen. Gemeint ist damit aller Wahrscheinlichkeit nach ein anderer Ort: Kolbatz liegt südlich von Stettin, die genannten Nachbardörfer liegen dort, und das Kolberger Parsow war drei Jahre zuvor an das Bistum Cammin gekommen. Der Name kommt in Pommern mehrfach vor; die beiden Urkunden gehören nicht zusammen.
- 1658
Erlöschen der Familie von Parsow; der Große Kurfürst belehnt den Schlosshauptmann Jakob von Heydebreck mit dem Gut (bei Sieber irrtümlich 1558, Lorenz von Parsow).
- um 1700
Parsow ist Sitz der von Bonin: Margarete Klara von Bonin »aus dem Hause Parsow« (1689–1737) heiratet 1713 Wedig Bogislav von Kleist auf Klaptow; 1769 wird Henning Ernst von Heydebreck auf Parsow geboren (Gotha).
- 1765
Friedrich Wilhelm von Gerlach erwirbt das Nachbargut Schwemmin – erster Gerlachscher Besitz in Hinterpommern.
- 1772/1779
Friedrich Wilhelm von Gerlach, Geheimer Oberfinanzrat, erwirbt Parsow – nach Brüggemann (1784) »ganz Parsow nebst dem Dammbruch« durch Vergleich vom 7. Mai 1779; andere Quellen nennen 1772 bzw. einen schrittweisen Kauf ab 1764.
- 1782
Ludwig Wilhelm August von Gerlach lässt den heutigen Mitteltrakt errichten.
- 1782–1910
Das Schloss entsteht in drei Abschnitten: der Mittelbau 1782, der Nordflügel 1860, der Südflügel 1910. Der zweigeschossige Bau trägt ein Walmdach mit Ochsenaugen; über dem halbrunden Mittelrisalit mit dem Haupteingang sitzt die Wappenkartusche der Familie. Trotz der klassizistischen Züge, die der letzte Besitzer ihm gab, bleibt der Grundriss dem barocken Landhaus verpflichtet.
- 1798–1816
Das Gut stellte dem Berliner Haus der Rohrbecker Vettern die Leute. Der alte Diener Bunde stammte aus Parsow, hatte schon dem Großvater gedient und brachte es in diesem Dienst auf ein Vermögen von vier- bis fünftausend Talern. Der Bauer Lüttke in Parsow war in den siebziger Jahren als Bedienter mit nach Amsterdam gereist; 1816 sprach der junge Leopold ihn dort noch und hörte ihn mit großer Liebe von dem längst verstorbenen Herrn reden. Und von 1798 bis 1801 lebte Adelheid von Gerlach, die Tochter des Parsower Onkels und spätere Frau von Bassewitz, im Berliner Haus. Leopold zieht daraus in seinen Aufzeichnungen einen Schluss, der zeigt, wie ein Konservativer des 19. Jahrhunderts auf die Bauernbefreiung sah: Diesen »hörigen« Leuten sei es im Alter besser gegangen als den jetzigen freien Dienstboten.
- 1809
Im Testament von Ludwig Wilhelm August von Gerlach werden Parsow und Schwemmin zum Fideikommiss bestimmt. Erster Inhaber wird sein Sohn Carl Heinrich von Gerlach (1783–1860).
- 1816
Der junge Leopold von Gerlach spricht auf dem Gut noch den alten Bauern Lüttke, der vierzig Jahre zuvor seinen Großvater als Bedienter auf einer Dienstreise nach Westfalen und Amsterdam begleitet hatte. Ein weiterer Parsower, der alte Diener Bunde, hatte schon dem Großvater gedient und im Berliner Haushalt der Familie ein Vermögen von vier- bis fünftausend Talern erworben.
- 1843
Im Pommerschen Wappenbuch Bagmihls erscheint die Besitzfolge von Parsow im Druck – geliefert vom Landrat des Kreises Fürstenthum, der selbst auf das Werk subskribiert hatte.
- 1860
Nach Carl Heinrichs Tod übernimmt sein Sohn Bogislav von Gerlach (1822–1874) das Fideikommiss; er lässt danach einen Nordflügel im Tudorstil anbauen.
- 1860–1874
Bogislav von Gerlach (* Parsow 28. Mai 1822), Zögling der Ritterakademie Brandenburg, Fähnrich im Garde-Kürassier-Regiment, 1840 als Leutnant verabschiedet, bewirtschaftet zunächst Schwemmin und folgt dem Vater als Fideikommissherr; verheiratet mit Luise Karoline von Alvensleben (* 1842), Tochter des Generalmajors Karl Johann von Alvensleben und der Elisabeth geb. von Bassewitz. Er stirbt am 1. November 1874 auf Parsow (Leers 1914; Wikipedia).
- 1866
Die amtliche Grund- und Gebäudesteuerveranlagung für den Regierungsbezirk Köslin führt Parsow zweimal: der Gutsbezirk misst 2.753,95 Morgen – rund 703 Hektar – bei 2.370,68 Talern Reinertrag und knapp 227 Talern Grundsteuer, der Gemeindebezirk 331,79 Morgen bei 261,05 Talern. Der Kreis heißt damals noch Fürstenthum.
- 1867
Die Königliche General-Kommission für Pommern schließt die Auseinandersetzung über ein altes Recht ab: Das Lehmholen aus dem Torfmoor zu Warnin wird mit Verfügung vom 5. März aufgehoben. Der betroffene Hof bekommt als Entschädigung drei Morgen und einhundertfünf Quadratruten Torfmoor, zugelegt durch Dekret vom 28. Mai. Der Vorgang steht im Grundbuch des Dorfes und zeigt, wie die alten Gemeinheiten Stück für Stück abgelöst wurden.
- 1877
Für das Dorf wird ein Grundbuch nach neuem Recht angelegt: »Parsow. Band I. Blatt 1 bis 18«, ein Lederband, dessen gedruckter Rückenschild ursprünglich 23 Blätter ankündigte und von Hand berichtigt wurde. Blatt I trägt die Überschrift »No. I. des Hypothekenbuchs« und beschreibt einen im Gut Parsow belegenen Bauernhof; erster eingetragener Besitzer ist der Schulze Martin Gottlieb Brunk, dessen Erwerb auf Kaufverträge von 1811 und 1816 zurückgeht. Die Eintragungen laufen bis 1930. Auf Blatt 14 steht der Landwirt Wilhelm Beilfuß mit seiner Frau Anna, ab 1928 der Landwirt Albert Beilfuß – derselbe Name, den das Kreisblatt 1907 als Gemeindevorsteher führt. Der Band ist erhalten, liegt heute in Polen und ist in fünfzig Aufnahmen gesichert.
- 1874
August von Gerlach (1830–1906), Landrat des Kreises Köslin, übernimmt das Fideikommiss.
- Was in Koszalin liegt
Drei Einheiten führt der Bestand des Amtsgerichts Körlin im Staatsarchiv Koszalin zu Parsow: unter Signatur 156 das Grundbuch des Dorfes, Band I, Blatt 1 bis 18; unter Signatur 1736 eine Erbhöferolle der Gemeinde mit sechs Blättern aus der Zeit des Reichserbhofgesetzes; und unter Signatur 155 ein eigenes »Grundbuch von dem Gute Parsow, Band I, Blatt Nr. 1«. Das letzte ist das Blatt des Ritterguts – der Familienbesitz selbst. Dorfgrundbuch und Erbhöferolle sind gesichert. Das Blatt des Gutes fehlt.
- 1880/1881
Im Dorf entsteht die neugotische Kirche der Apostel Petrus und Paulus. Ihre Ausstattung stammt aus dem 16. bis 18. Jahrhundert – sie wurde also aus dem Vorgängerbau übernommen und ist bis heute erhalten. Das Kirchenpatronat lag bei der Familie. Das Kirchliche Amtsblatt vermerkt 1881, der Kirchenpatron, Landrath von Gerlach, habe die »sehr schöne neue Kirche« aus eigenen Mitteln erbaut.
- 1881
Aus dem »handschriftlichen Buche in der Parsow Bibliothek« – einer Familienchronik mit Nachrichten zu Friedrich Wilhelm, Christiane Sophie und Ludwig von Gerlach – wird am 27. August eine Abschrift für das Rohrbecker Familienarchiv gefertigt (heute Gerlach-Archiv Erlangen).
- 1885/1886
Eine Malerin arbeitet im Haus: Auf Parsow entsteht ein Pastell der zweiundzwanzigjährigen Asta von Gerlach, im Jahr darauf in Köslin eines des Fräuleins Luise. Elf Jahre später kommt Rosa Petzel wieder und nimmt dieselbe Luise ein zweites Mal auf, inzwischen verheiratete von Richthofen. Drei Bilder, die ihre Tagebücher verzeichnen; wo sie geblieben sind, weiß niemand.
- 1888
Ein Adressbuch der Gutsbesitzer verzeichnet »Parsow Df. u. Gutsbez., 250 E.« und weist den Ort dem Amtsgericht Körlin und dem Landgericht Köslin zu. Die Angabe zum Amtsgericht passt allerdings erst zur Lage nach 1905; der Band dürfte jünger sein als sein Titeljahr.
- 1905
Das Gesetz vom 15. Juni 1905 über die Änderung der Amtsgerichtsbezirke Köslin, Kolberg und Körlin – gegeben im Neuen Palais, unterzeichnet von Wilhelm II. und dem Reichskanzler Fürst von Bülow – legt dem Amtsgericht Körlin die Gemeinden Schwemmin und Parsow sowie die Gutsbezirke Schwemmin, Parsow und Warnin aus dem Kreise Köslin zu. Aus dem Kreise Kolberg-Körlin kommen zugleich die Gemeinden Rabuhn und Rüwolsdorf mit den Gutsbezirken Alt-Marrin, Neu-Marrin und Zürkow hinzu. Das Gesetz tritt am 1. Juli 1905 in Kraft; die Familiengüter Parsow, Schwemmin und Rabuhn liegen von da an im selben Gerichtsbezirk.
- 1906
Carl August von Gerlach-Parsow (1883–1945), Rittmeister, wird Gutsherr; 1910 Errichtung des Südflügels, 1922 einheitliche Neugestaltung des Gesamtensembles.
- 1907/08
Das Kreisblatt zeigt, wie das Dorf verwaltet wurde. Für den Gutshof zeichnet Administrator Clamp, für Gut und Gemeinde der Gemeindevorsteher Beilfuß; daneben erscheinen der Rentier Neitzel und der Schlossgärtner Runge. Zum Amtsbezirk Parsow erklärt der Kreistag 1907 allerdings, es sei dort weder eine zum Amtsvorsteher geeignete Person vorhanden noch die zeitweilige Wahrnehmung des Amtes zu regeln – der bisherige Gutsherr August war ein Jahr zuvor gestorben, sein Sohn erst vierundzwanzig.
- 1912–1921
Über die Radüe führte lange eine Fähre, die mehrere Menschenleben gekostet hatte. 1912 baut der Turnverein Danzkrug mit Einwilligung des Parsower Gutsherrn, dem das jenseitige Ufer gehört, einen Steg. Als die Flussregulierung – sie kostete rund 400.000 Mark und kürzte den Lauf um mehr als fünfzehn Kilometer – den Bogen abschneidet, über den der Steg führte, verweigert er einen zweiten Bau. Die Buchhorster legen in einer Nacht an der alten Furt selbst einen; er blieb liegen, bis ihn im Winter 1921 das Treibeis wegriss (Aus dem Lande Belgard, 3. Jahrgang 1924).
- 1917/18
Carl August lässt im Parsower Wald einen Gedenkstein für seine Kriegspferde setzen (»Garde-Drag[oner]«, »Osten – West«, »Mein Kriegsfreund Lotta«, 1914, 1917/18) – der bis heute erhaltene »Pferdefriedhof« etwa anderthalb Kilometer vom Schloss (Głos Słupski, Januar 2005).
- 1919–1930
Die Kösliner Adressbücher zeigen den Ort als Mittelpunkt eines kleinen Verwaltungsbezirks: Standesamt, Amtsbezirk und Gutsbezirk heißen Parsow, die Post liegt in Nassow, das Kirchspiel ist Altmarrin. Standesbeamter ist der Lehrer Pöppel, später Pagel; Amtsvorsteher ist der Gutsherr. Gemeinde und Gut zählen 246 Einwohner (9. Oktober 1919) und 252 (16. Juni 1925).
- 1922
Carl August beantragt beim Auflösungsamt für Familiengüter in Stettin die Aufnahme eines Familienschlusses zur Auflösung des Fideikommisses Gerlach-Parsow; Termin 31. März 1922 (Reichsanzeiger 13. Februar 1922).
- 1925–1935
Auflösung des Familienfideikommisses Parsow – die Akte des preußischen Justizministeriums liegt im Geheimen Staatsarchiv (I. HA Rep. 84a Nr. 44502); 1935 folgt die Anerkennung eines Schutzforstes der Familie (Nr. 44503).
- 1929
Auf Gutsland bei Danzkrug, gut dreihundert Meter von der Radüe auf einer sandigen Kuppe, kommt ein vorgeschichtliches Gräberfeld ans Licht. Die Gräber liegen nur dreißig bis fünfzig Zentimeter tief, oft zwei bis sechs Meter voneinander: Steinkisten aus kunstvoll ineinandergefügten Feldsteinen, in jeder eine Urne mit Leichenbrand unter einer Deckplatte. Die Ausgräber datieren sie in die Zeit um ein halbes Jahrtausend vor Christus. Damit reicht die Siedlungsgeschichte des Ortes weit über die erste Urkunde zurück.
- 1931
Am 27. November wird für den Betrieb ein Sicherungsverfahren nach der Osthilfe-Verordnung eröffnet (Ostsee-Handel Jg. 12, 1932, Nr. 2). Das Verzeichnis im »Ostsee-Handel« führt Parsow in der Gruppe »Köslin-Land UE I« an fünfter Stelle von sechzehn Gütern; als Treuhänder ist die Landberatung Pommern G. m. b. H. in Stettin eingesetzt. In derselben Gruppe stehen die Nachbarn Streckentin, Hohenfelde, Varchminshagen, Strachmin, Schulzenhagen, Tessin B, Wusseken, Schübben, Barzlin, Funkenhagen, Güdenhagen, Eckerndauß, Gieskow, Kolberg und Kasimirsburg – die Krise erfasste den ganzen Landkreis.
- 1938
Die Bogen halten auch die Worte fest. Beim Binden sagte man auf: »Ich habe vernommen, daß unsere Herrschaft ist aufs Feld gekommen. Ich will Sie zubinden mit lieblichen Bändern, mit lieblichen Sachen. Viele Komplimente weiß ich nicht zu machen. Ich tu es nicht um Ehre und [unleserlich], sondern um die Ehre der Herrschaft allein. Ich habe gebunden mit meiner groben Hand, die Herrschaft möge es abnehmen mit ihrer zartfeinen Hand. Ich hab nicht länger Zeit zu stehen, ich muß an meine Arbeit gehen.« Das Gedicht zur Überreichung des Kranzes war nicht jedes Jahr dasselbe: Es stammte, umgearbeitet, aus einem gedruckten Band mit Festreden und Gedichten aus dem Verlag Robert Bardtenschlager in Reutlingen, und es begann: »Die Herrschaft will ich jetzt begrüßen mit meiner schönsten Gabe: ich lege Ihnen den Kranz zu Füßen, den ich gebunden habe.«
- 1938
Ein weiterer Bogen überliefert den Spruch, mit dem der »Alte« – der Erntekranz aus der letzten Garbe – der Herrschaft überreicht wurde: »Guten Abend, die Herrschaften allzumal, weil Ihr seid in diesem Saal. Wir sind hereingetreten, mir hat zwar niemand gebeten, aber ich hab mich recht bedacht und hab unsrer Herrschaft diesen Alten gebracht. Dieser Alte ist zwar schlicht und fein, aber er ist nicht von Distel und Dorn, sondern von Blumen und Ährenkorn. Unsre Herrschaft möge sich bequemen und uns diesen Alten abnehmen.« Wer den Alten band, dem rief man nach: »Nächstes Jahr gibt’s nen Jungen!«
- 1938
Und was im Winter geschah: Am Heiligabend zogen verkleidete Gestalten durch das Dorf – früher, schränkt der Bogen ein. Dabei waren der Schimmel, ein Gestell unter einem weißen Laken, und der Bär, ein in Stroh gewickelter Mann, dazu ein Schäfer, ein Paar als Mann und Frau, ein Musikant und einer, der den Sack trug. Getanzt wurde beim Erntefest in der Scheune; Kranz und Krone abzutanzen war hier nicht Sitte.
- Die Lieder des Dorfes
Neben den Fragebogen von 1938 liegt im selben Greifswalder Archiv eine zweite Überlieferung: das Pommersche Volksliedarchiv. Aus Parsow sind zwei Soldatenlieder verzeichnet, aufgeschrieben von Bruno Panke und mit Noten festgehalten – »Mädchen meiner Seele, bald verlaß ich dich« in D-Dur und Dreivierteltakt, und in G-Dur »Infantrie sind lust'ge Brüder, haben frohen Mut«. Das erste der beiden ist auch in Ganzkow aufgenommen worden, dem Gut, das die Familie vier Jahrzehnte lang besaß und achtzig Jahre vor der Aufzeichnung verkauft hatte. Aus dem Nachbardorf Nassow, dem Postort Parsows, sind vierundzwanzig Lieder verzeichnet.
- 18./19. Jh.
Im 13 Hektar großen Landschaftspark liegt der Familienfriedhof der von Gerlach, daneben ein Pferdefriedhof. Über dem Haupteingang trägt das Schloss bis heute die Wappenkartusche der Familie. Der älteste Baum des Parks ist eine Eibe von rund 250 Jahren; daneben stehen drei verwachsene Fichten von etwa 200 und eine Blutbuche und eine Esche von etwa 170 Jahren.
- 1930er Jahre
Das Pommersche Volkskundearchiv der Universität Greifswald verzeichnet neunzehn Aufzeichnungen aus Parsow – Erntebeginn, Erntefest und Erntetanz, Bindesprüche, Tonnenreiten, Osterbräuche, Pfingsttaube, Johannisfeuer, Fastelabend, Kinderverse und Abzählreime, pommersche Spiele wie das Tonnenabschlagen –, alle unter dem Namen Karl Wille (Digitale Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern).
- 1938
Wie das Dorf aussah, hält ein Fragebogen des Greifswalder Volkskundearchivs fest, zurückgeschickt am 6. April. Ausgefüllt hat ihn der Lehrer Wille, Jahrgang 1885, seit dem 1. April 1934 im Ort; seine Gewährsfrau war die Vorarbeiterin Minna Feldt, 1903 in Karnkewitz im Kreis Schlawe geboren und seit 1930 in Parsow. Danach ist Parsow weder reines Bauerndorf noch reines Gutsdorf: Neben dem Gut stehen fünf Bauern, ein sechster hat verpachtet und lebt als kinderloser Rentner, und der Danzkrug – der einzige Krug an der großen Straße von Körlin nach Köslin, dem Gut gehörig – ist ebenfalls verpachtet. Fremde Erntearbeiter kommen nicht ins Dorf.
- 1938
Dieselben Bogen halten fest, was im Dorf zur Ernte geschah. Das »Binden« gab es nur auf dem Gut: Wenn Besitzer und Inspektor zum ersten Mal aufs Feld kamen, band sie das feste Mädchen mit einem Strauß und einer Seidenschleife, und beide kauften sich mit Geld frei; das Lösegeld wurde zu gleichen Teilen unter Mädchen und Kutscher verteilt. Einen »Alten« oder eine Erntekrone auf dem letzten Wagen kannte man nicht, nur eine aus Halmen gebundene Puppe, mit Blumen geschmückt. Das Erntefest hieß Kranzköst und fiel auf einen Sonnabend, wenn die Kartoffeln heraus waren: vier Mann Musik zur Eröffnung, ein Umzug mit zwei Kutschern als Kronenträgern, dazu kleine Sträußchen aus Kornblumen und Ähren, die im Dorf Krieken hießen.
- 1938
Ostern begann früh und unsanft. Am Ostermorgen wurde in Parsow »gestiept«: Kinder kamen mit Birkenreisig an die Betten, mit jungen, kleinen Blättchen daran, hoben die Decken und schlugen auf die bloßen Füße, bis sie eine Gabe bekamen. Zu Fastnacht geschah das nicht – der Bogen unterscheidet das ausdrücklich. Von den alten Osterbräuchen nennt der Lehrer zwei als noch lebendig: Osterwasser holen und die Sonne tanzen sehen.
- 1938
Zum Fastelabend zogen Verkleidete durch das Dorf. Eine Gestalt beschreibt der Bogen genau: der Bär, ein Bursche, mit Sackstoff überzogen und abgesteppt. Eine Holzgabel für die Gaben gab es nicht, auch keine geschmückte Rute; gesammelt wurde anders. Der Ablauf steht in fünf Wörtern: Handharmonika, Tanz, Klingeln, Eßbares und Geld. Sprüche wurden dabei nicht aufgesagt. Beim Kinderfest wiederum warfen die Kinder einen hölzernen Vogel von der Stange – Taubenstechen heißt das Spiel in Parsow.
- 1938
Aufschlussreich ist auch, was der Lehrer verneint. Tonnenreiten und Tonnenabschlagen: nein. Pfingsttaubenabwerfen: nein. Spiele mit der Trünnel, das Kuhsöög, der Hammeldebuff, die Greifspiele mit Gänsen und Enten: nicht bekannt. Der Bogen für Abzählreime blieb leer, und als einziger Kindervers ist das Hoppe-hoppe-Reiter aufgeschrieben. Auf die Frage nach altüberlieferten Sonnwendfeuern antwortet er quer über beide Spalten mit vier Wörtern: »Nur im Dritten Reich.« Das Feuer, das 1938 im Dorf brannte, war also keines aus alter Zeit, und der Ausfüller sagt das, statt es zu bestätigen.
- um 1939
Umfang des Gutes 727 Hektar, Nebengut Schwemmin 773 Hektar; die Familie hatte das Kirchenpatronat von Parsow inne.
- 1943
Auslagerungsort der Preußischen Staatsbibliothek: Besichtigung durch Generaldirektor Krüß am 12. Juli, am 24./25. August Einlagerung von 150 Kisten (Teile des Gesamtkatalogs, Fachgruppen) per Bahn, Miete 50 Reichsmark monatlich; 1945 geplündert – »besonders hart trifft es das den Gerlachs gehörende Parsow« (Voigt 1995; Schochow 2003).
- 1945
Nach dem Einmarsch beziehen sowjetische Soldaten das Schloss. Von der Bibliothek bleibt nichts; auch Gemälde, Porzellan und Fayencen sind seither verschollen. Danach nutzt ein staatlicher Landwirtschaftsbetrieb das Haus als Büro.
- 1945/1946
Eine »Kommission zum Schutz der Bücher« trägt im Kreis Köslin etwa 60.000 deutsche Bände aus Schulbibliotheken, Schlössern und Privatsammlungen zusammen. Ab Dezember 1946 lagern sie in Kellern des Kösliner Museums und werden nach und nach an Museen und Einrichtungen in ganz Polen verteilt; im Januar 1949 klagt der Kustos Jakub Rokicki, die Bücher blockierten das Haus. Ob Parsower Bände darunter waren, ist nicht dokumentiert – es ist die einzige bekannte Spur, der man nachgehen könnte.
- 1945
Besetzung durch die Rote Armee. Die Fideikommissbibliothek wird weitgehend vernichtet, das Schloss selbst übersteht die Kämpfe. Carl August von Gerlach-Parsow wird verschleppt und ermordet.
- 1964
Eintragung in das polnische Denkmalregister (Nr. A-440). Nach Instandsetzungen in den 1970er und 1990er Jahren dient das Schloss seit 1992 als Pflegeheim; die Einrichtung von 1945 ist verloren.
- 2000/2005
Tessen von Gerlach-Parsow (1911–2007), der 1911 auf Parsow geborene Sohn Carl Augusts, besucht das Schloss mehrfach – 2000 als 89-Jähriger bei einem Malwettbewerb, 2005 mit Kinderfotos und der Familiengeschichte im Gepäck; das Haus dient inzwischen als Pflegeheim (Dom Pomocy Społecznej) (Głos Słupski, Juni 2000 und Januar 2005).
Bilder
1894Die älteste bekannte Fotografie des Schlosses – noch ohne Südflügel.
Ansichtskarte 1894, Verlag unbekannt, gemeinfrei · Sammlung fotopolska.eu
1910Kirche mit Schwanenteich und das Schloss von der Parkseite.
Ansichtskarte 1910, gemeinfrei · Sammlung fotopolska.eu
1915Das Schloss mit dem 1860 angebauten Nordflügel im Tudorstil.
Ansichtskarte um 1915, gemeinfrei · Sammlung fotopolska.eu
1923Die Hoffront mit dem Mittelrisalit, über dessen Eingang die Wappenkartusche sitzt.
Fotografie 1923, Urheber unbekannt, gemeinfrei · Sammlung fotopolska.eu
2012Einfahrt und Hoffront heute – das Haus dient als Pflegeheim.
Eleanor Rigby 13, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 pl
2012Die Gartenseite mit dem halbrunden Mittelrisalit von 1782.
Eleanor Rigby 13, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 pl
2012Die Dorfkirche, deren Patronat die Familie innehatte – heute St. Stanislaus.
Eleanor Rigby 13, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0
Lage auf der Karte
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Orte auf der Karte (Textliste)
- Schloss Parsow — Parsowo, gmina Biesiekierz, PL — 1772/1779–1945 (Gut (Familienbesitz))
Die pommerschen Güter und Gut Rohrbeck in der Neumark liegen heute auf polnischem Staatsgebiet und gingen 1945 durch die Vertreibung aus Familienbesitz verloren. Nienburg an der Saale ist kein Gut, sondern ein Ursprungsort der Familie in Deutschland.