Gut Rohrbeck

Blatt 321 der Sammlung Duncker · nach H. Krämer, ausgeführt von Theodor Albert, Druck Winckelmann & Söhne, Verlag Alexander Duncker, Berlin · Digitalisat Zentral- und Landesbibliothek Berlin, gemeinfrei
Familiärer Hauptsitz in der Mark Brandenburg und Wiege des Gerlach-Rohrbeckschen Familienarchivs (heute ~17.000 Dokumente an der Universität Erlangen). Erworben 1805 durch Carl Friedrich Leopold von Gerlach, den Vater von General Leopold und Politiker Ernst Ludwig von Gerlach. Im Jahr 1879 umfasste das Gut 1.131 Hektar.
Chronik
- 1248
Erste urkundliche Erwähnung unter dem slawischen Namen »Rosnowe«.
- um 1281
Ein Herr von Sack legt das deutsche Dorf an; die Kirche aus Granitquadern entsteht auf einem Hügel, den man für einen alten Opferplatz hielt. Bis 1738 bleibt Rohrbeck ganz oder teilweise bei den von Sack – von denen die Gerlachs über die Gräfin Küssow abstammen.
- 1337
Rohrbeck wird im Landbuch Ludwigs des Älteren mit 64 Hufen verzeichnet; Rittersitz mit Mühle, Schmiede und Schäferei.
- 1626
Die Hälfte des Gutes muss in zwei Anteilen verkauft werden; ein Viertel geht an von Waldow, eines an die Stadt Königsberg. Das Dorf leidet unter Kaiserlichen, Ungarn und Schweden.
- 1760–1781
Die Stadt Königsberg in der Neumark verkauft ihren »rathäuslichen Anteil« am Dorf Rohrbeck an den Hofmarschall von Thiele, der 1774 um einen eigenen Krugverlag für sein Gut nachsucht (Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Rep. 3 Neumärkische Kammer Nr. 10891 und 9551).
- 1765–1811
Die Grund- und Hypothekenakte des ganzen Gutes – von Thiele, von Kleist, von der Osten, von Gerlach – liegt im Brandenburgischen Landeshauptarchiv (Neumärkische Hypothekendirektion, drei Bände).
- 1769
Der letzte Markgraf von Schwedt kauft die drei Anteile wieder zusammen und überlässt Rohrbeck seinem Hofmarschall von Thile. Dessen Witwe vererbt es 1798 ihrer Nichte, der späteren Frau des Feldmarschalls Kleist von Nollendorf; 1802 an Kapitän von der Osten.
- 1813–1889
Wie sich der Besitz unter den Erben verteilte, sagt eine Fußnote der Aufzeichnungen von 1903 auf den Bruchteil genau. Ottos Anteil kaufte Leopold und hielt damit die eine Hälfte; die andere lag bei Wilhelms Kindern und Ludwig. Nachdem Ludwig das Seine an Wilhelms Söhne Friedrich und Jakob abgetreten und Leopold das Seine seinem Sohn Berndt vererbt hatte, standen die Zahlen so: Friedrich und Jakob je ein Viertel, Berndt die Hälfte. Als Berndt am 1. Dezember 1889 starb, kaufte Friedrich dessen Anteil – drei Viertel für ihn, ein Viertel für Jakob. Im Druck stehen die Zahlen als Brüche; die Texterkennung gab sie unlesbar wieder, das Seitenbild ist eindeutig.
- 1. Mai 1848
Wie die Revolution im Dorf ankommt, hält Ernst Ludwig fest: Er wohnt mit seinem Neffen Friedrich der Wählerversammlung im Saal des Pächters Stubenrauch bei. Stubenrauch ist Wahlkommissar, der Kantor Kloß führt das Protokoll, der Unterförster Entreß und dessen Schwiegersohn zählen die Stimmen. Gewählt werden Stubenrauch nach Berlin und der Tagelöhner Radloff nach Frankfurt. »Es drängte sich mir auf, wie demoralisierend schon dieser bloße Wahlakt auf das Dorf wirken müsse«, notiert er – und sammelt die Späße, die umliefen: Einer, der eine Uhr gestohlen hatte, entschuldigte sich, er sei ein Uhr-Wähler.
- Anfang 19. Jh.
Südlich des Dorfes entsteht das neue Vorwerk Agneshof, dem Namen nach vermutlich zu Ehren Agnes von Gerlachs geb. von Raumer angelegt.
- 1805
Carl Friedrich Leopold von Gerlach, Präsident der kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer, erwirbt das Gut für 106.000 Taler. Den Kauf trägt der Erlös seiner 1796/97 verkauften pommerschen Güter Ganzkow, Schötzow und Mechenthin. Er ist der Vater von Leopold und Ernst Ludwig von Gerlach. Das Gut umfasst rund 1.180 Hektar (Kraus 1994).
- 1806
Die Familie kommt zum ersten Mal aufs Gut: Am 19. Juli reist die Mutter mit den Kindern Sophie, Ludwig und Otto nach Rohrbeck, am 26. Juli treffen der Vater und Leopold ein. Am 11. August kommen die ersten Kriegsnachrichten aus Berlin, am 15. August trifft der Onkel aus Parsow auf der Rückreise nach Pommern ein und bestätigt sie. »So war der Anfang in Rohrbeck nichts als Sorge und Not«, heißt es in der Familiengeschichte. Nach dem Tod des Vaters besitzen die vier Brüder das Gut gemeinsam mit ihrer Schwestertochter, der Gräfin Stosch, die abgefunden wird – ebenso später die Töchter der Brüder und Otto, als er in den Kirchendienst tritt.
- 1810
Die Franzosenzeit drückt das Gut fast zu Boden. Am 17. März schreibt die Mutter an ihren Sohn Leopold, auf Rohrbeck lasteten nur noch 34.000 Taler Wert; Häuser, die 30.000 bis 40.000 Taler wert gewesen seien, gälten jetzt 9.000 bis 10.000. Seit dem 1. August habe man aus Rohrbeck 200 Taler eingenommen und 2.090 Taler aus den Berliner Einkünften zugeschossen: »Es muß ein Wunder geschehen, wenn wir nicht alles verlieren.«
- 1817/18
Separation und Ablösung: Ernst Ludwig von Gerlach verhandelt als Gehilfe seiner Mutter mit den Bauern und bringt in den Rezess eine Klausel ein, die Recht und Verfassung des Gutes im Übrigen erhalten soll – die Generalkommission streicht sie. Damit endet die gutsherrliche Verfassung Rohrbecks.
- um 1822
Auf dem Gut und in der Nachbarschaft greift die Erweckungsbewegung um sich. Ernst Ludwig und sein Bruder Otto besuchen die »erweckten Leute« in Nahausen; die Frau des Schulzen beschreibt ihnen das Geschehen auf Plattdeutsch: es sei gewesen, wie wenn im Frühjahr die Bäume ausschlagen. Die Mutter führt mit dem Rohrbecker Prediger Kuchler einen Briefwechsel, in dem sie ihn ermahnt, Christus nicht bloß als Tugendmuster und Lehrer zu predigen.
- 1817–1820
An der Poststraße von Königsberg nach Schönfließ werden auf Rohrbeckschem Territorium Brücken und Wasserrinnen angelegt (Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Rep. 3B I V Nr. 2090).
- 1830–1860
General Leopold verfasst »Rohrbeck. Beschreibung und Verwaltung durch uns« – rund 230 handschriftliche Seiten über Gut und Bewirtschaftung (Gerlach-Archiv Erlangen, LE01122).
- 1841
Das alte Gutshaus der von Waldow brennt vollständig ab. An seiner Stelle entsteht das neugotische Schloss mit Staffelgiebeln, das General Leopold von Gerlach später erweitern lässt. Nach 1945 verfällt es; in den 1960er Jahren werden die Ruinen abgetragen. Für den Wiederaufbau erhält Oberst von Gerlach ein Unterstützungsdarlehen aus dem von Schöningschen Stiftungsfonds (Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Rep. 3B III D Nr. 3149).
- 1847
Neuer Dachstuhl und eine neue Orgel für die Dorfkirche.
- 19. Jh.
Gut Rohrbeck ist Zentrum des Gerlach-Rohrbeckschen Familienarchivs: Briefe, Tagebücher und Dokumente von Ernst Ludwig von Gerlach (1795–1877) und weiterer Familienmitglieder.
- 1854
General Leopold ändert seinen »Rohrbecker Bauplan« und lässt das Wohnhaus vor Scheunen und Ställen bauen – als Rückzugsort für den Fall des politischen Sturzes (Briefe an Bismarck, Januar 1854).
- 1856
General Leopold von Gerlach begeht am 20. September auf Rohrbeck sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum und bleibt im Herbst wegen der Krankheit seiner Tochter auf dem Gut (Dortmunder Kreisblatt 25. September, Aachener Zeitung 3. Dezember 1856).
- 1861
Die Erweckung im Nachbardorf Nahausen erreicht ihren Höhepunkt: Die Neue evangelische Kirchenzeitung meldet »eine Erweckung von mehr als 100 Seelen«. Vierzig Jahre zuvor hatten Ernst Ludwig und sein Bruder Otto die ersten Erweckten dort besucht.
- 1864
Das Gut wird Sitz eines Amtsvorstehers: Das Amtsblatt der Regierung zu Frankfurt an der Oder vom 10. Februar führt in der Liste der Amtsbezirke einen »Gerlach auf Rohrbeck«, dem der Gutsadministrator Boldt in Päzig als Stellvertreter beigegeben ist. Zum Sprengel gehören unter anderem Nahausen, Nieder- und Hohenkränig, Nieder-Saathen, Grabow, Rehdorf und Päzig.
- um 1863
Alexander Duncker nimmt Rohrbeck als Blatt 321 in sein Tafelwerk über die ländlichen Wohnsitze der ritterschaftlichen Grundbesitzer auf. Die kolorierte Lithografie – nach einer Aufnahme von H. Krämer, ausgeführt von Theodor Albert, gedruckt bei Winckelmann & Söhne – zeigt das Haus mit Staffelgiebeln und Spitzbogenportal hinter Mauer, Auffahrt und Teich. Das beiliegende Textblatt schreibt die Besitzfolge von 1281 an fort und hält fest, dass das 1841 abgebrannte Haus der von Waldow neu aufgeführt und von General Leopold von Gerlach erweitert worden ist.
- 1861
Beisetzung des Generals Leopold von Gerlach neben seiner Frau Johanna geb. Gräfin von Küssow auf Gut Rohrbeck.
- 1863
Rohrbeck erscheint mit Lithografie und Text in Alexander Dunckers Sammlung »Die ländlichen Wohnsitze, Schlösser und Residenzen«.
- 1873–1943
Die Kreditakten der Märkischen Landschaft führen als Eigentümer Jacob und Martin von Gerlach, später Servatius: nach Jakob († 1908) halten die Söhne Friedrichs – Pfarrer Martin (1860–1929) und Rittmeister Servatius (1868–1950) – das Gut; 1933–36 streitet »der Rittergutsbesitzer Gerlach« mit den Behörden um eine Eingemeindung.
- 1876–1889
Berndt von Gerlach, Sohn des Generals, ist Landrat des Kreises Königsberg in der Neumark; er stirbt 1889 in Rohrbeck.
- 1879
Das Gut umfasst 1.131 Hektar und gehört der Familie von Gerlach (Niekammer's Güter-Adressbuch).
- 1880
Am 26. Oktober feiert Landrat Berndt von Gerlach auf Rohrbeck die Hochzeit seiner Schwägerin Margarethe Gräfin von Kanitz mit Heinrich Graf von Lehndorff-Steinort, dem General à la suite und späteren Generaladjutanten Kaiser Wilhelms I. (Hallische Zeitung 23. Oktober 1880).
- 1890
Grundbuchauszüge des Rittergutes vom Mai 1890 gelangen ins Familienarchiv.
- 1890
Am 1. bis 10. Mai fertigt das Amtsgericht Königsberg in der Neumark für Jakob von Gerlach Grundbuchauszüge über das Rittergut aus – elf Seiten, die im Familienarchiv liegen. Sie sind die genaueste erhaltene Beschreibung des Besitzstandes vor der Jahrhundertwende.
- 1897
Neugotische Sakristei an der Dorfkirche.
- Anfang 20. Jh.
Das Gut gehört den Erben von Marie von Gerlach.
- 1910
Marie von Gerlach geb. von Rohr, Friedrichs Witwe, stirbt im Oktober auf Rohrbeck (Reichsanzeiger 31. Oktober 1910).
- 1913
Eine in Rohrbeck geschriebene Ansichtskarte vom 23. Juni zeigt das Schloss in voller Breite. Im selben Jahr gibt Landrat Nikolaus von Gerlach seinen Anteil ab.
- 1917–1919
Nikolaus von Gerlach, der seinen Rohrbecker Anteil abgegeben hat und 1913 noch Landrat in Bütow ist, amtiert von 1917 an als Landrat des Kreises Kolberg-Körlin, in dem die Parsower Nebengüter Trienke, Drosedow und Rabuhn liegen. Im November 1918 hält er seinen Amtskollegen entgegen, es sei falsch, dass die Landräte weiter mitmachten. Im Dezember 1918 suspendiert ihn der Arbeiter- und Soldatenrat, weil er die über seinem Amtsgebäude gehisste rote Fahne heruntergeholt hat; der Bauern- und Landarbeiterrat stimmt für seine Wiedereinsetzung. Vertreten wird er durch Regierungsassessor von Alvensleben.
- 1920/21
Servatius von Gerlach (1868–1950), Major a. D. und Sohn Friedrichs, bewirtschaftet das Gut: »von Gerlach, Major, Rohrbeck N. M.« steht 1920/21 mit Hafer und Roggen in den Saatgut-Anerkennungslisten, und im Juni 1920 wird der Rittergutsbesitzer in den Vorstand des Rohrbecker Spar- und Darlehnskassenvereins gewählt (Reichsanzeiger 10. August 1920, 18. Januar und 3. September 1921).
- 1945
Nach hundertvierzig Jahren endet der Besitz, den Carl Friedrich Leopold von Gerlach 1805 begründet hatte.
- 1954
Klaus von Gerlach übergibt das Familienarchiv (~17.000 Dokumente) an die Universität Erlangen, wo es als Gerlach-Archiv erhalten bleibt.
- 1980
Der Gutspark wird als Rest des Herrenhauses in das polnische Denkmalregister eingetragen (Nr. 936). Vom Schloss selbst ist nichts geblieben; die Kirche wurde 1965 aus der Ruine wiederaufgebaut. Das polnische Register führt den Park heute unter A-1178 (5. Dezember 1980), die Kirche unter A-976 (31. Juli 1956) und seit dem 14. Dezember 2015 auch den alten Kirchhof (13.–20. Jahrhundert) – den Ort der Familiengräber (pl.wikipedia »Rosnowo«).
Bilder
1913Das Schloss in voller Breite – neugotisch mit Staffelgiebeln, 1841 nach dem Brand des Vorgängerbaus errichtet. In Rohrbeck geschrieben am 23. Juni 1913.
Ansichtskarte 1913, gemeinfrei · Sammlung zamkilubuskie.pl
um 1900Die Gartenseite des Schlosses auf einer älteren Karte.
Ansichtskarte um 1900, gemeinfrei · Sammlung zamkilubuskie.pl
um 1905»Gruß aus Rohrbeck N.-M.«: Kirche und Schmiede, Schloss, Herrenhaus und Teich.
Ansichtskarte um 1905, gemeinfrei · oldthing.de
1893Dorf, Gut und Bruch auf dem Messtischblatt der preußischen Landesaufnahme.
Preußische Landesaufnahme 1893, gemeinfrei
1863Das Textblatt zur Lithografie – die Angaben zur Geschichte des Gutes stammen aus der Familie.
Alexander Duncker, Die ländlichen Wohnsitze, Bd. 6 (1863/64) · ZLB Berlin, gemeinfrei
2025Die Dorfkirche steht noch: Feldsteinschiff des 13. Jahrhunderts, darüber der verbretterte Fachwerkturm mit offener Glockenlaterne. Hier wurde 1861 General Leopold beigesetzt; heute Christus-König-Kirche.
Hoa binh, Wikimedia Commons, CC0
2025Die Ostseite mit dem niedrigen Anbau an der Nordwand – der Bau, den die Chronik 1897 als neugotische Sakristei verzeichnet. Die schmalen Rundbogenfenster gehören zum mittelalterlichen Kern.
Hoa binh, Wikimedia Commons, CC0
2025Das Backsteintor zum Kirchhof, in dessen Bogenfeld die Inschrift »Christus ist mein Leben« steht, flankiert von zwei Kreuznischen. Der Kirchhof liegt auf dem Hügel über dem Dorf.
Hoa binh, Wikimedia Commons, CC0
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- Gut Rohrbeck — Rosnowo, gmina Trzcińsko-Zdrój, PL — 1805–1945 (Gut (Familienbesitz))
Die pommerschen Güter und Gut Rohrbeck in der Neumark liegen heute auf polnischem Staatsgebiet und gingen 1945 durch die Vertreibung aus Familienbesitz verloren. Nienburg an der Saale ist kein Gut, sondern ein Ursprungsort der Familie in Deutschland.