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Gut Vollenschier

Besitzzeitraum1861–1908LageAltmark, Kr. GardelegenHeuteVollenschier, Ortsteil von Stendal (Ortschaft Wittenmoor), DeutschlandFlächezur Hälfte
Schloss Vollenschier: zweigeschossiger neugotischer Backsteinbau mit Staffelgiebeln, Spitzbogenfenstern und Wappenstein über dem Portal

Olaf Meister, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Schloss Vollenschier, 1869 nach Entwurf Conrad Wilhelm Hases für August von Kröcher gebaut – den Bruder von Jakob von Gerlachs Frau. Die Steine kamen aus der Ziegelei des Gutes selbst. Über dem Portal sitzt ein Wappenstein. Die Aufnahme von 2010 zeigt den Bau leerstehend, die Fenster ausgebaut.

Der Ort, nach dem er hiess. In den Amtsblättern und Zeitungen der Jahrhundertwende steht Jakob von Gerlach als »von Gerlach-Vollenschier«, so wie sein Vetter »von Gerlach-Parsow« hiess – und wie bei Plutowo war es kröchersches Gut, das er zur Hälfte besass und nicht vererben konnte. Hier lebte er als Witwer, und hier liegt er begraben.

Chronik

  1. vor 1854

    Die von Bornstedt

    Vor den von Kröcher sassen die von Bornstedt auf Vollenschier. Das Landesarchiv Sachsen-Anhalt führt eine Akte »Gut Vollenschier der Familie von Bornstedt« und eine zweite über »Grenzstreitigkeiten zwischen dem v. Bornstedt zu Vollenschier und Staats« – Staats ist das Nachbardorf. Damit ist die Besitzfolge für das Gut über drei Familien hinweg greifbar.

  2. der Käufer

    Wer Vollenschier für die von Kröcher gekauft hat, sagt dieselbe Familiengeschichte. Es war Friedrich Wilhelm Carl von Kröcher, der Landesdirektor der Altmark – derselbe, dem Plutowo gehörte. Das Buch zählt seine Erwerbungen der Reihe nach auf: zuerst Vinzelberg, Deetz und Käthen, die der Schwiegervater für ihn gekauft hatte und die er 1817 übernahm, dann im Culmer Lande Falenczyn und Gluchowo, »in späterer Zeit« in der Altmark das Rittergut Vollenschier und die Kröpelwarthe, dazu ein Forstrevier bei Sichau. Damit gehörten dem einen Mann das altmärkische und das westpreussische Gut, die später beide an seine jüngste Tochter und deren Mann kamen.

  3. seit 1854

    Die von Kröcher

    Das Brünner Taschenbuch führt Vollenschier im Artikel von Kröcher unter dem Besitz jenes Hauses: »in der Altmark: Vinzelberg (seit 1817, jetzt Fideicommiss), Vollenschier (seit 1854, Allodial-Rittergut)«. Vinzelberg, der Stammsitz dieser Linie, liegt zweieinhalb Kilometer nördlich.

  4. 1858–1936

    Fideikommiss und Allod

    Warum eine Tochter Vollenschier und Plutowo mitbringen konnte, Vinzelberg aber nicht, steht in einer Akte des preussischen Justizministeriums: »Das von dem Landesdirektor von Kröcher zu Vinzelberg errichtete Fideikommiß«, Laufzeit 1858 bis 1936 (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. HA Rep. 84a Nr. 45084). Vinzelberg war gebunden und ging im Mannesstamm weiter; Vollenschier und Plutowo nennt das Brünner Taschenbuch ausdrücklich »Allodial-Rittergüter«, also freies Erbgut. Der Unterschied zwischen den beiden Rechtsformen entschied, was in diese Ehe kam und was nicht.

  5. 25. Juni 1861

    Der erste Beleg

    Der Staats-Anzeiger meldet die Ernennung des »Landraths-Amts-Verwesers, Gerichts-Assessors Jakob von Gerlach auf Vollenschier« zum Landrat des Kreises Gardelegen. Fünf Monate nach dem Tod seines Schwiegervaters am 12. Januar 1861 heisst er also schon »auf Vollenschier« – der Übergang aus dem kröcherschen Nachlass muss in diesen Monaten geschehen sein.

  6. 1869

    Das Schloss

    In diesem Jahr entstand der Bau, den die Denkmalliste Schloss Vollenschier nennt: ein unverputzter Backsteinbau in neugotischen Formen, zwei Vollgeschosse und ein Dachgeschoss über hohem Sockel, Staffelgiebel, Spitzbogenfenster, ein Wappenstein über dem Portal. Entworfen hat ihn Conrad Wilhelm Hase aus Hannover, der Begründer der Hannoverschen Schule; Bauherr war August von Kröcher. Die roten Steine stammten aus der Ziegelei des Gutes. Das ältere, verputzte Gutshaus aus der Mitte des 18. Jahrhunderts blieb daneben stehen.

  7. 1875 bis 1877

    Die Gutskirche

    Derselbe Bauherr und derselbe Baumeister errichteten die Kirche, in der Jakob von Gerlach später begraben wurde: Grundsteinlegung 1875, Einweihung 1877, Friedhofsmauer und -portal bis 1878. Das »Archiv für kirchliche Baukunst und Kirchenschmuck« brachte sie 1876 auf neun Tafeln und beschrieb sie ausführlich. Die Kirche war für die Gutsherrschaft und ihre Leute gebaut, und die Sitzordnung hielt beide auseinander: zuerst die Herrschaft, dann Inspektor und Verwalter, dann die Leute, für die einhunderteinundzwanzig Plätze vorgesehen waren. Das herrschaftliche Gestühl liegt auf der Höhe des Chores, hat einen eigenen Eingang und ist, so wörtlich, »möglichst den Blicken der Leute entzogen«. Innen ist die Kirche 18,7 Meter lang und 12,2 Meter breit; der Bau kostete ohne die Ausstattung rund dreissigtausend Mark.

  8. 1876

    Der Altar

    Den Altar der Kirche hat Hase selbst gezeichnet und im selben Jahrgang derselben Zeitschrift erklärt. Über dem Tisch steht der Gekreuzigte in einem Radkranz, zu seinen Füssen die vier alttestamentlichen Opfertypen Abel, Melchisedech, Isaak und Aaron, an den Kreuzesenden vier Könige aus dem Hause David; auf dem Antependium trägt das Lamm die Siegesfahne zwischen A und O. Ausgeführt hat ihn das Heinersdorffsche Etablissement für Kirchen-Ornamentik in Berlin für rund neuntausend Mark. Er sollte auf die Münchener kunstgewerbliche Ausstellung; die Detailzeichnungen wurden nicht rechtzeitig fertig.

  9. Zwei Blätter in Wien

    Wie die Kirche gezeichnet wurde, liegt in Wien. Das MAK, das Museum für angewandte Kunst, verwahrt in seiner Kunstblättersammlung zwei Fotolithografien der Gutskirche Vollenschier, in Berlin entstanden, 22,9 mal 26,2 Zentimeter, unter den Nummern KI 16459-16 und KI 16459-17. Sie sind die einzigen bekannten Bauzeichnungen zu einem Gebäude der Familie. Zeigen dürfen wir sie nicht: Das Museum führt sie unter geschütztem Recht.

  10. 2. April 1889

    Der Schwager

    An diesem Tag starb in Berlin August Hennig von Kröcher, Geheimer Ober-Regierungsrat ausser Dienst, zuletzt vortragender Rat im Ministerium des Innern und von Juni 1865 bis März 1873 Mitglied des Herrenhauses, im zweiundsiebzigsten Lebensjahr. Er war der Bauherr von Schloss und Kirche und hielt die andere Hälfte des Gutes. Die Totenliste des »Deutschen Herold« nennt seine Geschwister: den Bruder Wilhelm, Landrat ausser Dienst, und die Schwestern Ehrengard, verwitwete von Alvensleben, Agnes und Sophie, verheiratet mit Jakob von Gerlach. Damit steht fest, was bisher nur zu vermuten war: Die Frau Udo von Alvenslebens war eine Schwester von Jakobs Frau.

  11. 1892

    Brünner Taschenbuch

    Das Brünner Genealogische Taschenbuch der adeligen Häuser, Jahrgang 17, führt ihn als »Mitbesitzer des Rittergutes Vollenschier in der Altm. (ein Halb) und Besitzer des Rittergutes Plutowo« – die Hälfte also, nicht das Ganze; die andere blieb bei den von Kröcher.

  12. 1894 und 1896

    Marienbad

    Die böhmischen Kurlisten führen ihn zweimal, 1894 »mit Gemahlin aus Vollenschier«, 1896 im Friedrich-Wilhelm-Stiftungshaus. Der Ortsname steht in den Listen an der Stelle, an der bei anderen die Stadt steht – für die Kurverwaltung war Vollenschier seine Adresse.

  13. 1899 bis 1907

    Der Name im Amtsblatt

    Der Reichsanzeiger führt 1899 die »Frau Geheime Regierungs-Rath von Gerlach, geborene von Kröcher zu Vollenschier« in einer Auszeichnungsliste; 1901 erhält der »Geheime Regierungsrath und Landrath a. D. in Vollenschier« bei der Wahl zum Reichsversicherungsamt 11.400.604 Stimmen; im Oktober 1903 spricht auf der Generalsynode der »Landrat a. D. von Gerlach-Vollenschier« gegen den Satz, das Duell sei Sünde; im Januar 1904 unterzeichnet »Geh. Reg.-Rat von Gerlach, Vollenschier« den Aufruf zur sozialen Arbeit der evangelischen Christenheit; 1907 bekommt »von Gerlach zu Vollenschier« den Roten Adlerorden dritter Klasse mit der Schleife.

  14. 27. Juni 1908

    Das Handelsregister

    Das Amtsgericht Berlin-Mitte trägt die neue Satzung der Berliner Missionsgesellschaft ein. An der Spitze des Vorstandes steht »Geheimer Regierungsrat Jakob von Gerlach in Vollenschier«. Es ist der letzte amtliche Eintrag zu seinem Namen zu Lebzeiten (Deutscher Reichsanzeiger, 6. Juli 1908).

  15. 29. November 1908 · Das Grab

    Am ersten Adventssonntag wird Jakob von Gerlach in Vollenschier beigesetzt, dreieinhalb Jahre nach seiner Frau. Die Gedächtnisrede hält sein Neffe, Pastor Martin von Gerlach aus Silberhammer, die Aussegnung erteilt Pastor Albrecht-Staats. Als Witwer hatte er auf dem kröcherschen Gut gelebt (Hallesche Zeitung, 3. Dezember 1908, nach der Kreuzzeitung).

  16. 1908

    Die Verwaltung wechselt

    Aus seinem Todesjahr liegt im Gutsarchiv Erxleben eine Akte »Verwaltung des Rittergutes Vollenschier«, Laufzeit 1908 (Landesarchiv Sachsen-Anhalt, H 66 Nr. 4044). Sie steht dort unter den »sonstigen Gütern der Familie von Alvensleben« – wohin Vollenschier über Sophie von Kröcher geborene Gräfin von Alvensleben gehörte. Was in diesem Jahr geregelt wurde, steht in dieser Akte.

  17. Heute

    Vollenschier ist ein Ortsteil der Hansestadt Stendal und gehört zur Ortschaft Wittenmoor; bis 2010 war es eigenständiger Teil der Gemeinde Wittenmoor. Vinzelberg, wo die Heirat von 1858 stattfand, liegt zweieinhalb Kilometer nördlich. Schloss, Gutshaus, Kirche, Friedhofsportal und die alte Schule stehen noch beieinander – ein geschlossenes Stück Hannoverscher Schule mitten in der Altmark.

Bilder

  • 2010Das ältere Gutshaus, Mitte des 18. Jahrhunderts erbaut und bis heute bewohnt. Es steht neben dem Schloss von 1869 und wird oft mit ihm verwechselt: gelb verputzt statt roter Backstein, klassizistisch statt neugotisch.

    Olaf Meister · Wikimedia Commons · CC BY-SA 3.0

  • 2010Die Gutskirche. Hier wurde Jakob von Gerlach am ersten Adventssonntag 1908 beigesetzt, dreieinhalb Jahre nach seiner Frau; die Gedächtnisrede hielt sein Neffe Martin.

    Olaf2 · Wikimedia Commons · CC BY-SA 3.0

  • 1876So war die Kirche gedacht: die Westansicht aus dem »Archiv für kirchliche Baukunst und Kirchenschmuck« von 1876, Blatt 8, unterzeichnet von Conrad Wilhelm Hase. Der Aufsatz dazu lobt den Backstein der eigenen Gutsziegelei und rechnet vor, dass nur Sockel und Treppenstufen aus Findling und Sandstein bestehen.

    Conrad Wilhelm Hase, Archiv für kirchliche Baukunst und Kirchenschmuck, 1. Jg. 1876, Blatt 8 · Münchener DigitalisierungsZentrum · gemeinfrei

  • 1876Der Altar, von Hase entworfen und von ihm selbst beschrieben. Unten Abel, Melchisedech, Isaak und Aaron, an den Kreuzesenden vier Könige aus dem Hause David, auf dem Antependium das Lamm mit der Siegesfahne zwischen A und O. Neuntausend Mark sollte die Ausführung kosten.

    Conrad Wilhelm Hase, Archiv für kirchliche Baukunst und Kirchenschmuck, 1. Jg. 1876, Blatt 21 · Münchener DigitalisierungsZentrum · gemeinfrei

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  • Gut Vollenschier — Vollenschier, Ortsteil der Hansestadt Stendal (Ortschaft Wittenmoor), Landkreis Stendal, DE — 1861–1908 (zur Hälfte) (Gut (Familienbesitz))

Die pommerschen und neumärkischen Güter sowie Plutowo liegen heute auf polnischem Staatsgebiet und gingen 1945 durch die Vertreibung aus Familienbesitz verloren; Vollenschier liegt in der Altmark. Nienburg an der Saale ist kein Gut, sondern ein Ursprungsort der Familie in Deutschland.

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