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Wappen Familie von Gerlach
Alle Persönlichkeiten

Agnes von Gerlach geb. von Raumer

1761 – 1831

Mutter der vier Gerlach-Brüder

Stammsitz: Gut Rohrbeck (Neumark)

Im Stammbaum

Agnes von Raumer, älteste Tochter des anhalt-dessauischen Regierungsdirektors Leopold von Raumer (1726–1788) und der Anna Eleonore von Waldow, war die Tante des Historikers Friedrich von Raumer (1781–1873). 1786 heiratete sie Carl Friedrich Leopold von Gerlach, den späteren Oberbürgermeister von Berlin. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor, darunter die vier Brüder Wilhelm, Leopold, Ernst Ludwig und Otto, die das politische und geistige Leben Preußens im 19. Jahrhundert mitprägten. Das Vorwerk Agneshof bei Gut Rohrbeck trägt vermutlich ihren Namen, auch wenn sich das nicht mit letzter Sicherheit belegen lässt. Nach dem Tod ihres Mannes 1813 lebte sie als Witwe weiterhin auf dem Familiengut Rohrbeck in der Neumark; sie starb dort 1831.

Chronik

  1. 1598 bis 1657 (ihr Urahn)

    Sechs Generationen vor ihr steht ein Mann, der seinen Lebenslauf selbst aufgeschrieben hat. Martin Milag, Kanzler der anhaltischen Fürsten, trug 1648 in ein Haus- und Fundbuch ein, woher er kam – für seine Frau und die Kinder, wie es dort heißt, und mit einem Zweizeiler darüber: An Gottes reichem Segen und nicht an unserem Fleiß sei alles hier gelegen. Georg Raumer, der Dessauer Hofprediger, übernahm den Text neun Jahre später in die Leichenpredigt. Dessen Sohn heiratete danach die Tochter des Kanzlers; über diese Ehe stammt Agnes von ihm ab.

  2. 1761

    Geboren als älteste Tochter Leopold von Raumers. Sie hatte sechs Geschwister: die Brüder Karl, Friedrich, Heinrich und Eugen und, als Jüngste, die Zwillingsschwestern Marie und Casimire.

  3. 1786

    Heirat mit Carl Friedrich Leopold von Gerlach (April). Die Hochzeit findet in Dessau statt, wo ihr Vater fürstlich anhaltischer Kanzleidirektor war.

  4. 1789–1801

    Geburt der vier Söhne Wilhelm, Leopold, Ernst Ludwig und Otto.

  5. 1798

    Die beiden Zwillingsschwestern wohnten lange bei ihr. Casimire, sehr musikalisch, erkrankt an der Ruhr und stirbt im Haus ihres Schwagers – also unter dem Dach der Gerlachs. Marie blieb der Schwester und deren Kindern zeitlebens verbunden.

  6. 27. August 1806

    In Berlin wird die erste und einzige Tochter ihrer Tochter Sophie geboren. Vierzehn Tage vorher war der Onkel aus Parsow nach Rohrbeck gekommen und hatte die Nachricht vom Krieg bestätigt; darauf entschloss sich die hochschwangere Sophie, schon am 14. August mit den Fuhrmannspferden nach Berlin zurückzufahren, die den Onkel gebracht hatten. Leopold begleitete sie. Die Eltern reisten erst am 24. mit Ludwig und Otto ab und kamen am Tag der Geburt an; die vierzehn Tage dazwischen hatte die Mutter, wie ihr Sohn schreibt, in tödlichster Angst zugebracht. Das Kind ist Luise, das »kleine Wieschen«, die spätere Gräfin Stosch, in deren Haus die Großmutter fünfundzwanzig Jahre später sterben wird.

  7. 1807

    Der Tod ihrer Tochter Sophie, während deren Mann Grolman in Spanien gegen Napoleon kämpfte, war der Verlust, über den sie sich nie tröstete – auch das elf Monate alte Kind, das Sophie hinterließ, konnte ihren Schmerz nicht beschwichtigen; ihr Sohn Ernst Ludwig verweist dafür auf ihre Briefe an die Schwester. Von diesem Kind, der späteren Gräfin Stosch, hat er ein Bild behalten, das er 1864 noch vor Augen hatte: wie das kleine Wieschen als Einjährige herumgetragen wurde, mit schwarzen Bändchen durch die weißen Ärmel. Einige Tage nach dem Begräbnis kam noch ein Brief Grolmans an seine Frau an, während die Familie im Garten frühstückte.

  8. 1823–1824

    Die Berliner Adressbücher führen sie als »v. Gerlach, A. geb. v. Raumer, verw. Präsidentin, Hinter der katholischen Kirche 1« – nach dem Amt ihres Mannes, des Kammerpräsidenten, den sie zehn Jahre zuvor verloren hatte. Im selben Haus stehen zwei ihrer Söhne: ein Major von Gerlach und ein Kammergerichtsrat von Gerlach. Die Witwe hielt das Haus zusammen, in dem die Brüder groß geworden waren.

  9. 1830

    Ein letztes Mal sieht sie ein Enkelkind. Noch in Berlin, kurz vor dem Umzug in die Lausitz, wird ihr in Potsdam der halbjährige Jakob gezeigt – seine Tante Levetzow bringt ihn eigens dorthin. Es war das erste und das letzte Mal.

  10. Ihre Handschrift

    Von ihr selbst ist im Familienarchiv wenig geblieben – aber etwas Alltägliches: siebzehn eigenhändige Kochrezepte, ohne Datum, unter ihrem Namen verzeichnet. Es ist die einzige überlieferte Handschrift der Mutter der vier Brüder. Die Erschließung gibt ihre Lebensdaten mit 1762 bis 1831 an; die Familienüberlieferung nennt 1761.

  11. 1813

    Tod ihres Mannes; sie lebt fortan als Witwe auf Rohrbeck. Im selben Jahr schreibt sie ihrer Schwester Marie über die ausgezogenen Söhne: »Kann ich freudig meine Söhne den Tod fürs Vaterland sterben sehen …« Ihre Briefe und die Tagebücher der Brüder gab Hans-Joachim Schoeps 1963 heraus (»Aus den Jahren preußischer Not und Erneuerung«).

  12. 1831

    Tod am Karfreitag, dem 1. April, in Hartau in der Lausitz – nicht auf Rohrbeck, wie es lange hieß. Sie war im Vorjahr dorthin zu ihrer Enkelin Stosch gezogen, jener Luise von Grolman, die 1807 als elfmonatiges Kind ihre Mutter Sophie verloren hatte. Im Januar rief eine heftige Erkrankung den Sohn Ernst Ludwig von Halle über Berlin nach Hartau; es zeigten sich die Anzeichen der Brustwassersucht. Eine Woche blieb er, am 25. Januar trennte er sich von ihr und sah sie nicht wieder. Danach war Leopold dort und wurde Zeuge, wie sie bei guter Besinnung dem Tode entgegenging; als er abgereist war, kam Otto und blieb bis zum Ende. Von den drei Söhnen war es Otto, der blieb. Ernst Ludwig war am Todestag im Vormittagsgottesdienst in Halle; er erfuhr es erst am 9. April, in Rathmannsdorf, durch den nachmaligen Minister Graf Alvensleben. In seine Aufzeichnungen setzte er den Satz: Sie sei ihnen eine treue, zärtliche Mutter gewesen, und er habe bei weitem nicht immer seine Sohnespflicht gegen sie erfüllt. Marie stirbt im Juni desselben Jahres und wird im Stift Mosigkau bei Dessau begraben, einem Damenstift der anhaltischen Fürsten. Der Briefwechsel der beiden Schwestern war um 1900 noch vorhanden.

  13. Was sie las

    Die Einleitung der Denkwürdigkeiten ihres Sohnes stellt sie dem Mann gegenüber: Er kein Freund der Geselligkeit, sie »mehr der Geselligkeit und Literatur zugeneigt«. Sie besuchte oft das Theater, las die deutschen Klassiker und Plato in Schleiermachers Übersetzung. Über die Ehe, geschlossen 1786, heißt es dort, sie sei die glücklichste gewesen.

  14. Was in der Leichenpredigt steht

    Der Kanzler kam aus einfachen Verhältnissen, und der Druck von 1657 sagt es ohne Umschweife. Sein Urgroßvater Johannes war Tuchmacher zu Fürstenwalde und wurde hundertsechs Jahre alt. Sein Vater Jacob diente als Schreiber bei einem Erbsassen zu Tristewitz, wurde dann Schulmeister zu Zweta und starb 1637 unterwegs zu seinem Sohn, vom Schlag getroffen zwischen Aken und Köthen. Die Mutter Anna war die Tochter des Diaconus Martin Quelmaltz zu Colditz. Der aber hing der reformierten Lehre an, und nach dem Tod des Kurfürsten Christian des Ersten von Sachsen verfolgte man ihn so weit, dass man ihm nach dem Sterben weder Geläut noch Gesang noch anfangs den Gottesacker gönnte; erst während einer großen Pest hoben Freunde der Witwe den Leichnam auf und begruben ihn ehrlich. Der Enkel wurde Doktor der Rechte, Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft und verhandelte von 1645 an für Anhalt in Osnabrück und Münster.

Quellen und Literaturangaben

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