Carl Friedrich Leopold von Gerlach
1757 – 1813
Erster gewählter Oberbürgermeister Berlins · Begründer des Rohrbecker Zweigs
Stammsitz: Gut Rohrbeck (Neumark)
⌖ Im Stammbaum
Carl Friedrich Leopold von Gerlach, jüngerer Sohn Friedrich Wilhelms, war Präsident der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer und Geheimer Oberfinanzrat, während der französischen Besatzung auch General-Zivilkommissar für die Marken. 1809 wurde er, nach der Steinschen Städteordnung, als erster gewählter Oberbürgermeister von Berlin ins Amt gewählt und blieb es bis zu seinem Tod 1813; in seine Amtszeit fiel die Gründung der Berliner Universität. Nach der Erbteilung 1780 hatte er zunächst mehrere pommersche Güter besessen (Ganzkow, Schötzow, Mechenthin, einen Anteil an Rützow), die er 1805 verkaufte, um dafür das Gut Rohrbeck in der Neumark zu erwerben – die spätere Stammresidenz des nach ihm benannten Rohrbecker Zweigs. Mit seiner Frau Agnes von Raumer hatte er fünf Kinder, darunter die drei »Gerlach-Brüder« Leopold, Ernst Ludwig und Otto. Die Stadt Berlin ehrte ihn mit einem Ehrengrab auf dem Domfriedhof II.
Chronik
- 1757
Geboren in Berlin. Die Familiengeschichte nennt den 25. August.
- 1763–1813
Seine Amtsakten liegen gesammelt im Familienarchiv: »Königl. Dienst-Angelegenheiten 1763 bis 1813«, ein Faszikel von rund hundertvierzig Stücken. Die Erschließung nennt dazu die Könige Friedrich Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm III., den Staatskanzler Hardenberg und den Kabinettsrat Karl Friedrich von Beyme, die Kurmärkische Kriegs- und Domänenkammer und das Generaldirektorium – und für die letzten Jahre die Berliner Stadtverordnetenversammlung und den Magistrat, also die Selbstverwaltung, die die Städteordnung von 1808 geschaffen hatte.
- 1765–1775
Mit acht Jahren verlässt er das Elternhaus und wird in Halberstadt unter Karl August von Struensee erzogen, der ihm schon mit vierzehn nichts mehr beibringen kann; als »Primus omnium« entlassen, studiert er nach einem Vorbereitungsjahr zwei Jahre in Göttingen, dann in Halle und kehrt Ostern 1775 nach Berlin zurück (Nachruf, Berlinische Nachrichten 12. Juni 1813). Der Rektor erklärt ihn schon 1771, nach dreieinhalb Jahren in der Prima, mit vierzehn für hochschulreif; danach studiert er in Göttingen und Halle die Rechte und kehrt Ostern 1775 nach Berlin zurück.
- 1775
Mit achtzehn Jahren Referendar am Kammergericht; 1779 Assessor der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer (Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 5. Juni 1892). Im Brandenburgischen Landeshauptarchiv laufen Akten des »Departements des Kriegs- und Domänenrats v. Gerlach« im Kreis Lebus – Meliorationen 1774–1788 und die Ansetzung von Büdnern und Tagelöhnern 1777–1786 – wohl auf ihn als Rat der Kurmärkischen Kammer in den 1780er Jahren (Rep. 2 Kurmärkische Kammer D 550, 551 und 2413). Als Referendar bereist er mit dem Großkanzler von Fürst die westfälischen Gerichte und besucht von dort aus Amsterdam. Sein Vater wollte ihn für die diplomatische Laufbahn bestimmen; er zog die Verwaltung vor.
- 1780
Erbteilung: erhält mehrere pommersche Güter, u.a. Ganzkow, Schötzow und Mechenthin.
- 1786
Heirat mit Agnes von Raumer. Die Hochzeit findet im April in Dessau statt (Kraus 1994).
- 1790
Als Mitglied der Gesetzkommission mit dem Titel Geheimer Oberfinanzrat in das Generaldirektorium berufen.
- 1792
Kauf eines Hauses in Berlin (Denkwürdigkeiten 1891).
- 1795
Präsident der Kurmärkischen Kriegs- und Domänenkammer; daneben Geheimer Oberfinanzrat.
- 1797
Eine Radierung von S. Halle erscheint als Beilage der »Denkwürdigkeiten und Tagesgeschichte der Mark Brandenburg« – das früheste datierbare Bildnis. 1800 malt ihn Johann Heinrich Schröder; 1801 bringt die »Neue Berlinische Monatsschrift« Bollingers Stich danach als Titelbild.
- 1796/97
Mit Rücksicht auf seine Stellung in Berlin trennt er sich vom pommerschen Erbe; der Erlös trägt neun Jahre später den Kauf von Rohrbeck (Textblatt zu Blatt 321 der Sammlung Duncker).
- 1805
Erwirbt Gut Rohrbeck in der Neumark für 106.000 Taler – aus dem Erlös der pommerschen Güter.
- 27. Juni 1805
Der Kaufvertrag über Rohrbeck wird geschlossen: Verkäufer ist ein Hauptmann von der Osten. Die Familiengeschichte hält fest, das Gut werde »von allen Familiengliedern fast zu sehr geliebt und wie ein Stück Heimat betrachtet«.
- 1806
Tritt bei der französischen Besetzung Berlins der Willkür Marschall Davousts entgegen – das trägt ihm die Zuneigung der Bürgerschaft ein, die ihn 1809 einstimmig wählt. Weil er in der Notabelnversammlung gegen Hardenbergs Gesetze stimmt, verhindert der Staatskanzler seine Wiederwahl. Nach Jena und Auerstedt hatte ihn der König zum General-Zivilkommissar der Kurmark ernannt.
- 1807
Ernennung zum General-Zivilkommissar der Kurmark – »ein Beweis der Anerkennung seines Werths« in der Zeit der französischen Besatzung (Nachruf 1813).
- 1809
Am 25. April von den Stadtverordneten gewählt, am 8. Mai vom König bestätigt, am 6. Juli eingeführt: erster Oberbürgermeister Berlins nach der Städteordnung von 1808. In seine Amtszeit fällt die Gründung der Universität (1810). Sein Marktbezirk hatte ihn zuvor zum Stadtverordneten gewählt; beim Abschied aus dem Staatsdienst erhält er den Großen Roten Adlerorden – Band und Stern auf dem Bildnis im Landesarchiv Berlin.
- 20. April 1811
Silberne Hochzeit. Die Mitglieder des Berlinischen Magistratskollegiums widmen dem Paar ein auf Seidenpapier gedrucktes Gedicht; der Schlussvers feiert »den zweiten Bundestag der Liebe«. Damit steht auch der Hochzeitstag fest: der 20. April 1786.
- 1812
Wo das Berliner Haus stand, sagt der »Allgemeine Straßen- und Wohnungs-Anzeiger für die Residenzstadt Berlin«: Er wohnt »Hinter der katholischen Kirche 1« – in der Friedrichstadt, unmittelbar neben der katholischen St.-Hedwigs-Kirche, wenige Schritte von Unter den Linden. Von dort aus führte er die Stadt durch die Besatzungsjahre; das Rathaus lag zehn Minuten entfernt.
- 1813
Tod in Berlin; Ehrengrab der Stadt auf dem Domfriedhof II. Er stirbt am 8. Juni »nach einem langen und harten Krankenlager an gänzlicher Entkräftung«; der ausführliche Nachruf der Berlinischen Nachrichten (12. Juni) rühmt seine »wahrhafte, ächte Religiosität« und erinnert daran, dass ihn der Vater gegen seine Neigung vom Kammergericht in das Kameralfach gelenkt hatte.
- 1871–1954
Das Haus ist fort, das Grundstück nicht. Die Nummer 1 lag auf der Ostseite der Gasse, der Kirche gegenüber: Das Adressbuch von 1929 führt die Kirchenseite als Nummer 3 zusammen mit der Französischen Straße 34, wo die fürstbischöfliche Delegatur und der Propst von St. Hedwig ihre Büros hatten. Gegenüber ließ die Preußische Boden-Credit-Actien-Bank 1871 bis 1873 durch Ende und Böckmann einen Sandsteinpalast von siebenundfünfzig Metern Front aufführen; 1890 sitzen unter den Nummern 1, 2 und 2a drei Bankhäuser. Der Bombenkrieg räumte den Block. Seit 1954 steht auf dem Bankgrundstück das Verwaltungs- und Magazingebäude der Staatsoper von Richard Paulick, Hinter der Katholischen Kirche 1–2, und es ist als Baudenkmal eingetragen.
- 1882
Als die Stadtverordneten einen Zyklus von zehn Historienbildern für das Rathaus beschließen, ist eines der Einführung der Städteordnung gewidmet: Der Oberpräsident nimmt nach feierlichem Gottesdienst den Oberbürgermeister und die übrigen Mitglieder des Magistrats in Eid und Pflicht. Die Vorlage hält ausdrücklich fest, das Bild biete Gelegenheit, unter anderem »das Portrait des Oberbürgermeisters von Gerlach« zu geben – neben dem des bisherigen Stadtpräsidenten Büsching und der Stadträte Laspeyres und David Friedländer.
- 1939
Berlin benennt die Lietzmannstraße in Mitte nach ihm in Gerlachstraße um; die Straße verschwindet in den 1960er Jahren mit dem Wiederaufbau des Viertels.
- Nachlass
Briefe an die Söhne 1792–1812, Dienstakten 1763–1813 und Briefe von Struensee, Raumer und der Dichterin Anna Luise Karsch an ihn liegen im Gerlach-Archiv der Universität Erlangen.
- Kinder
Die einzige Tochter Sophie (1787–1807), nach Ernst Ludwigs Erinnerung »Mittelpunkt des Hauses«, heiratet 1804 den späteren General Carl von Grolman (1777–1843) und stirbt nach der Geburt ihrer Tochter Luise (1806); die Söhne Wilhelm, Leopold, Ernst Ludwig und Otto haben eigene Seiten (Kraus 1994).
- Namensform
In den amtlichen Verzeichnissen der Stadt Berlin steht er bis heute schlicht als »Leopold von Gerlach 1809 bis 1813«, an der Spitze der Reihe der Oberbürgermeister. Das erklärt eine häufige Verwechslung: Gemeint ist nicht sein Sohn, der General und Generaladjutant Leopold von Gerlach (1790–1861), sondern der Vater.
- Im Urteil der Familie
Ein Vetter der Söhne, der märkische Geschichtsforscher Georg Wilhelm von Raumer (1800–1856), später Direktor des Geheimen Staatsarchivs, behauptete, alles Eigentümliche der vier Brüder stamme von den Raumers. Ein andermal gab er zu: der Vater sei »ein reiner weißer Sonnenstrahl« gewesen, die Söhne »die im Prisma gebrochenen Farben«. Ernst Ludwig, der das aufschrieb, setzte dagegen, die Brüder hätten sehr viel von ihrem Vater gehabt. Die Einleitung der Denkwürdigkeiten von 1891 erzählt dasselbe Bild, schreibt es aber einem anderen Raumer zu: »Ihr Vetter, der Geschichtsschreiber von Raumer«, also Friedrich von Raumer (1781 bis 1873), habe gesagt, der Vater sei ein reiner, weißer Sonnenstrahl, die Söhne die im Prisma gebrochenen Farben. Welcher der beiden Vettern es war, lässt sich nicht entscheiden; die Aufzeichnungen von 1903 nennen den Archivar, die Denkwürdigkeiten den Historiker. Die Einleitung zieht daraus noch eine Folge: »Eben deshalb verwechselte man sie oft später, lobte den General für parlamentarische Reden, die sein Bruder Ludwig gehalten hatte.« Ein Freund habe bemerkt, die Brüder hätten nicht nur einerlei Sprache, sie sprächen auch dieselben Dinge.
- Sein Wesen
Noch minderjährig war er bereits Königlicher Rat – so setzt die Einleitung der Denkwürdigkeiten von 1891 ein. Sie schildert einen streng gläubigen, konservativen Mann, dem der aufgeklärte Bürokratismus des damaligen Ministers Voß zuwider war und der trotz königstreuer Gesinnung warm am Deutschen Reich hing. Den Abschied aus dem Staatsdienst nahm er »sehr gegen Steins Wunsch«. Er hielt fest an den bescheidenen Überlieferungen seiner Familie, war kein Freund des Luxus und der Geselligkeit, hatte viel zu tun und las in den Mußestunden die alten Autoren; er liebte das Studium der Geschichtsquellen, mehr aber noch das der Heiligen Schrift.
Bilder
vor 1813Brustbild mit Band und Stern des Großen Roten Adlerordens, den er 1809 beim Abschied aus dem Staatsdienst erhielt – Reproduktion des Landesarchivs Berlin in der Bürgermeistergalerie des Regierenden Bürgermeisters; Maler nicht genannt.
Landesarchiv Berlin · Bürgermeistergalerie (berlin.de), Vorlage gemeinfrei
1797Radierung von S. Halle, Berlin – Beilage zu den »Denkwürdigkeiten und Tagesgeschichte der Mark Brandenburg« (1797), mit seinen Ämtern bis hin zum Kurmärkischen Amts-Kirchen-Revenuen-Directorium.
S. Halle, Berlin 1797 · Staatsbibliothek zu Berlin, gemeinfrei
1801Punktierstich von Friedrich Wilhelm Bollinger nach einem Gemälde Johann Heinrich Schröders (1800), Titelbild der »Neuen Berlinischen Monatsschrift« 1801 – mit dem Geburtsdatum »geb. zu Berlin 1757 d. 25t Aug.«. Das Porträt oben auf der Seite ist der Ausschnitt aus einem zweiten Exemplar dieses Blattes im Rijksmuseum Amsterdam (RP-P-1914-2325).
J. H. Schröder / F. W. Bollinger 1801 · Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, A 7645, CC BY-SA
2026Das Ehrengrab des Landes Berlin auf dem Domfriedhof II an der Müllerstraße (Grablage I-74/75).
Bärbel Miemietz, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
1908Gedenktafel im Roten Rathaus: »Die Vorsteher der Stadtverordneten in Berlin seit Einführung der Städteordnung« – an erster Stelle »Leopold v. Gerlach MDCCCIX«, der 1809 als erster Vorsteher gewählt wurde, bevor er Oberbürgermeister wurde.
Sebastian Claudius, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0