Zum Hauptinhalt springen
Wappen Familie von Gerlach
Alle Persönlichkeiten

Ernst Ludwig von Gerlach

1795 – 1877

Jurist · Konservativer Politiker · Präsident des Appellationsgerichts Magdeburg

Stammsitz: Gut Rohrbeck (Neumark)

Im Stammbaum
Ernst Ludwig von Gerlach
Bild: Sendker, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Ernst Ludwig von Gerlach, viertes Kind des Geheimen Staatsrats Carl Friedrich Leopold von Gerlach (des Erwerbers von Gut Rohrbeck), wurde am 7. März 1795 in Berlin geboren. Er studierte Jura in Berlin, Göttingen und Heidelberg, nahm als Freiwilliger an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil und wurde dreimal verwundet. Als Richter stieg er über Naumburg (1823), Halle (1829) und Frankfurt (Oder), wo er 1835 seinem Bruder Wilhelm als Vizepräsident nachfolgte, zum Chefpräsidenten des Oberlandes- und Appellationsgerichts Magdeburg auf (1844–1874). Politisch zählte er zu den Hauptgründern der Konservativen Partei Preußens; im Abgeordnetenhaus führte er 1855–1858 die äußerste Rechte (»Fraktion Gerlach«). 1874 nahm er nach einer von Bismarck betriebenen Anklage wegen seiner Schrift »Die Civilehe und der Reichskanzler« den Abschied; 1877 wurde er noch in den Reichstag gewählt, starb aber vier Tage vor dessen Zusammentritt. Gemeinsam mit seinem Bruder Leopold prägte er die monarchisch-christliche Kreuzzeitung-Partei.

Chronik

  1. 1795

    Geboren in Berlin als Sohn von Carl Friedrich Leopold von Gerlach.

  2. 1810–1815

    Jurastudium in Berlin, Göttingen und Heidelberg; dreifach verwundet als Freiwilliger in den Befreiungskriegen.

  3. 1814

    Führt im Feldzug ein Kriegstagebuch (»Tagebuch der Campagnen 1814«); mit den Tagebüchern ab Juni 1815 beginnt eine bis Februar 1877 fortgeführte Reihe.

  4. 1816–1818

    In den Berliner Jahren wirbt er um Luise Hensel, die Dichterin des Liedes »Müde bin ich, geh zur Ruh«. Um sie bemühte sich damals auch Clemens Brentano; unter den vielen Bewerbern, schreibt eine Berliner Studie von 1893, gewann nur einer ihre Liebe – Ludwig von Gerlach. Brentano selbst charakterisiert ihn in einem Brief: gelehrter und ernster als der junge Offizier von Below, »in seiner genialen Vergessenheit oft äußerlich vernachlässigt«, Jurist wie dieser und wie dieser in den letzten Feldzügen beim Militär geblieben, beide »ohne eigentliches Wohlgefallen an diesem Stande«. Luise Hensel entsagte der Verbindung schweren Herzens und trat am 7. Dezember 1818 zur katholischen Kirche über. Durch sie kam auch sein Bruder Leopold in Brentanos Kreis.

  5. 1817/18

    Als Gehilfe seiner Mutter verhandelt er auf Rohrbeck die Separation mit den Bauern; im September 1817 macht er in Soldin und Landsberg die Landwehrübungen mit, um seine Pflichten »als Besitzer von Rohrbeck« zu erfüllen. In den Separations- und Ablösungsrezess bringt er eine Klausel ein, wonach Recht und Verfassung des Gutes im Übrigen bestehen bleiben sollten; die Generalkommission verwirft sie, weil das Verhältnis von Herrschaft und Bauern von Grund auf verändert sei.

  6. 1823

    Oberlandesgerichtsrat in Naumburg.

  7. 1824

    Verlobung am 8. Oktober mit Auguste von Oertzen aus Trieglaff, der Schwägerin Adolf von Thaddens (Kröcher, Die alte Generation; Kraus 1994).

  8. um 1824

    Er wäre bereit gewesen, seinen Anteil an Rohrbeck gegen eine verhältnismäßig geringe Summe abzutreten – so sehr überwogen ihm damals die pommerschen Verhältnisse um Trieglaff. Zu ernstlichen Verhandlungen mit den Brüdern kam es nicht.

  9. 1824–1826

    Von Auguste sind neunundvierzig Briefe an ihn erhalten, geschrieben zwischen November 1824 und November 1825, die meisten aus Stettin und Trieglaff, einzelne aus Berlin, Greiffenberg und Naumburg. Ein letzter, einzeln verzeichneter, kam am 22. Februar 1826 aus Naumburg – sechs Wochen vor ihrem Tod. Das Bündel liegt im Familienarchiv.

  10. 1825

    Die Verlobung mit Auguste von Oertzen meldet sein Bruder Otto am 22. Januar nach Mecklenburg, an Jasper von Oertzen: Die Braut sei mit dem Empfänger »im dritten Grade« verwandt. Das verbindet die Ehe mit einer Freundschaft, die in Göttingen begonnen hatte. Über seine Frau kam er in eine zweite Verwandtschaft: Ernst Senfft von Pilsach, der spätere Oberpräsident von Pommern, hatte Augustes Schwester geheiratet. In den Aufzeichnungen heißt er schlicht »mein Schwager Senfft«.

  11. 1. Dezember 1825

    Hochzeit mit Auguste von Oertzen in Vahnerow, an einem Donnerstag. Er war am 24. November angereist; im neu eingerichteten kleinen Haus wohnte Frau von Oertzen mit der Braut. Am 27. November wurde dort ihr Geburtstag gefeiert – ihr letzter. Am Hochzeitsmorgen versammelte sich alles in Trieglaff: außer der Familie die Großmutter, Frau von Mellin, Pauline von Blanckenburg, die später die Frau seines Bruders Otto wurde, Frau von Osten aus Wietzmitz und der Kammerherr von Schmeling.

  12. 1826

    Seine erste Frau Auguste geb. von Oertzen (1802–1826) aus Trieglaff stirbt am 6. April; über die Ehe führt er ein eigenes Tagebuch vom 1. Januar bis zu ihrem Todestag. Sein Bruder Otto setzt ihr zwei Gedichte, deren Abschrift im Familienarchiv liegt.

  13. 14. Juli 1829

    Zweite Ehe mit Luise von Blanckenburg (1805–1858), einer Cousine seiner ersten Frau; Auguste von Oertzen war 1826 gestorben. Getraut hat das Paar Johannes Goßner in der böhmischen Kirche in Berlin. Gefeiert wurde nur der Hochzeitsabend, bei der Schwiegermutter, im kleinsten Kreis der nächsten Verwandten; zugegen war auch der alte Onkel Raumer. Wenige Tage später zogen sie nach Halle, in eine Wohnung unweit der halb verfallenen Moritzburg, deren grabenartige Umgebung ihnen als Garten diente. Luises Schwester Pauline begleitete sie auf einige Monate – fünf Jahre später wurde sie als Frau seines Bruders Otto doppelt seine Schwägerin. Beide Ehen bleiben kinderlos – er zieht die verwaisten Söhne seines Bruders Wilhelm auf.

  14. 1829

    Land- und Stadtgerichtsdirektor in Halle.

  15. 1830

    Der Hallesche Streit. In der »Evangelischen Kirchenzeitung« greift er die Hallenser Professoren Gesenius und Wegscheider an; die Aufregung darüber beschäftigt im Frühjahr die Abendgesellschaft des Kronprinzen. Sein Bruder Leopold schreibt in sein Tagebuch, er bekenne sich nach reiflicher Überlegung ganz zu dessen Handlungsweise: Den Brief könne niemand bezweifeln, der den Laien nicht nach katholischer Art das Stimmrecht in der Kirche nehme, und ohne ihn wäre die Sache bei der jetzigen Feigheit schwerlich zustande gekommen. Am entschiedensten für ihn sei der Kronprinz. Das Ministerium spricht sich gegen ihn aus, der König bleibt fern, und Leopold schließt: ohne königlichen Schutz unterliegt Ludwig. Für den Bruder hatte der Streit eine Folge, die er selbst festhielt: Er sei aus dem Traum geweckt worden, der ihn in die Ministerialpartei eingeschläfert hatte. Von dem Streit ist ein Bild übrig, das niemand mehr gesehen hat: Im Erlanger Archiv liegt unter der Signatur ER02383 ein einblättriger Druck von 1830, eine »Karikatur unbekannter Herkunft«. Die fünf Namen, die der Katalog dazu nennt, sind genau die Beteiligten – er selbst, Tholuck, Hengstenberg, Wegscheider und Gesenius.

  16. 1831

    Von ihm als Kind ist eine Locke geblieben: »Haare des kleinen Ludwig« steht auf dem Umschlag, den das Familienarchiv verwahrt. Er ist mit Marie von Raumer (1764–1831) verzeichnet, einer Schwester seiner Mutter Agnes, und mit Agnes selbst; beide starben in diesem Jahr. Dieselbe alte Verwandte hatte auch eine Locke des kleinen Jakob aufgehoben, der 1830 geboren war. Zwischen den beiden Locken liegen fünfunddreißig Jahre. Marie war eine der beiden Zwillingstanten, die im Elternhaus gelebt hatten.

  17. 1835

    Vizepräsident des Oberlandesgerichts Frankfurt (Oder), Nachfolger seines Bruders Wilhelm.

  18. 1840

    Bei der Huldigung für den neuen König übergibt er sein Schreiben gegen die fortgesetzte Verfolgung der Lutheraner. Sein Bruder Leopold hält den Vorgang im Tagebuch fest, unter dem 26. des Monats, als der König in Berlin eintraf.

  19. 1842

    Bereist als Vizepräsident die rheinischen Gerichte (Tagebuch Juli/August); 1844 und 1852 führen ihn Reisen nach England.

  20. 1841–1844

    Was ihn in diesen Jahren wirklich beschäftigt, liegt in einem eigenen Bestand des Familienarchivs: die preußische Eherechtsreform. Er schreibt die Staatsratsverhandlungen über das Ehegesetz vom 18. Januar bis 24. Mai 1843 selbst mit und verfasst Denkschriften über die Beschränkung der Scheidungsgründe, über den Eid in Ehesachen, über die zeitweilige Trennung. Dazwischen liegen Briefe seiner Gegenüber: Friedrich Carl von Savigny am 21. April 1843, der Kammergerichtspräsident Wilhelm Bornemann am 27. Februar 1843, der Innenminister von Rochow am 13. Mai 1844, Adolf von Kleist am 10. Juni 1841. Daneben Gutachten über die Besetzung der Obergerichte, über Kodifikation, über den Kompetenzkonflikt – und, um 1839, zehn Seiten »Der Hegelianismus in Preußen«. Dreißig Jahre später wird ihn die Zivilehe vor Gericht bringen.

  21. 1844

    Chefpräsident des Oberlandes- und Appellationsgerichts Magdeburg (bis 1874).

  22. 1844

    Am 28. Mai schließen er und Luise Johanna Erbvertrag und Testament.

  23. 1844

    Wie weit sein Einfluss reichte, zeigt eine pommersche Lebensbeschreibung Hans von Kleist-Retzows: Auf den jungen Referendar hätten »vor allem die nachmalig bekannten politischen Führer Leopold und Ludwig von Gerlach und der spätere Redakteur der Kreuz-Zeitung Hermann Wagener« bestimmenden Einfluss ausgeübt. Vier Jahre später gründen dieselben drei mit Kleist-Retzow die Zeitung.

  24. 1848

    Mitgründer der Neuen Preußischen Zeitung (»Kreuzzeitung«); eine Karikatur des Jahres 1849 zeigt ihn als »neuen Peter von Amiens«, der zum Kreuzzug ruft.

  25. 1849

    Mitglied der Ersten Kammer; 1852–1858 Mitglied des Abgeordnetenhauses (Wahlkreis Köslin), 1855 Gründer und Vorsitzender der »Fraktion Gerlach«; ab 1873 erneut im Landtag. Daneben 1849–1851 im Erfurter Unionsparlament und 1849–1857 im Brandenburgischen Provinziallandtag (BIORAB). Im Februar 1850 gehört er zu der kleinen Gruppe der äußersten Rechten (Bethmann-Hollweg, Graf Schlieffen, Uhden, Kleist-Retzow, Graf Krassow u. a.), die den Verfassungseid nur mit in der Kreuzzeitung veröffentlichten Vorbehalten leistet (Kölnische Zeitung 8. Februar 1850).

  26. 1849

    In der Kammerdebatte über die Fideikommisse verlangt er, die drei einschlägigen Paragraphen ganz zu streichen – auch dann, sagt er, wenn er ihren Inhalt für richtig hielte: Er sehe darin »nur eine nackte revolutionäre Phrase, eine Märzerrungenschaft«, und wolle die Schwierigkeit »im Wege solider Legislation« gelöst sehen. Selbst ein Gegner räumt ein, unter den Anträgen sei »das einzige Brauchbare das v. Gerlach – darin ist wenigstens Konsequenz«. Für eine Familie, die seit 1809 selbst einen Fideikommiss besaß, war das keine abstrakte Frage.

  27. 1849 (Wrangel)

    In Sanssouci lernt ihn der Feldmarschall Wrangel kennen und lobt ihn dann in einem fort – erst gegenüber seinem Bruder Leopold, dann vor dem König: seine drei Wunden, sein Farbehalten, seinen Mut. Der König stimmt zu und stellt ihm, wie Leopold notiert, mit einiger Ungerechtigkeit den früheren Kammergerichtspräsidenten von Kleist gegenüber, den er, seit dieser ihn »verlassen« habe – so nennt der König dessen Abschiedsgesuch –, nicht wiedersehen könne.

  28. 1850–1852

    Wie die Gegenseite ihn sah, zeigt ein Berliner Witzblatt jener Jahre. Es nennt ihn rundheraus »das Haupt der Kreuz-Zeitungs-Partei«, stellt in einer »Galerie der Kreuzzeitungs-Heiligen« als ersten den »St. Gerlach« auf – vor Wagener und Stahl – und lässt ihn im Reigen der Absagen sagen: »Keinen Absolutismus, denn der ist ohne Despotismus nicht mehr möglich.« Über den Streit um die Erste Kammer heißt es 1852: »Die Partei Bethmann weiß bloß, was sie nicht will; die Partei Gerlach aber weiß, was sie will. Aber was sie will, ist so gespensterhaft, daß viele sich davor fürchten und davonlaufen.« Die Spottblätter sind Gegner, keine Zeugen – aber sie zeigen, wie deutlich seine Richtung erkennbar war.

  29. 1850

    Eine Szene, die ein Zeitungsbericht festhält: Er spricht »vor sehr leeren Bänken« für die Eidesformel »so wahr mir Gott helfe« und empfiehlt, das Recht der Kirche zu wahren – »das Grundrecht aller Grundrechte«. Vor der Abstimmung bemerkt der Abgeordnete von Vincke, das Haus habe sich während dieser Rede, namentlich auf der rechten Seite, so geleert, dass er an der Beschlussfähigkeit zweifle.

  30. 1850

    Ein Streit unter Freunden über das, was er schreibt: Jasper von Oertzen, seit Jahren mit ihm bekannt, erkennt ihn als den ungenannten Verfasser der »Rundschauen« der Kreuzzeitung und hält ihm am 2. August vor, wie sie Mecklenburg-Strelitz behandeln. Gerlach antwortet ausführlich, erklärt sich »der Belehrung offen«, nennt die vorgehaltenen Abweichungen aber unerheblich und meint, man sei in der Hauptsache einig. Oertzen erwidert am 30. September.

  31. 30. März 1850

    Im Ministerkonseil in Bellevue hält Radowitz einen Vortrag über die abtrünnigen Fürsten und über »die Gefahr des Einflusses der Stahl-Gerlachschen Genossenschaft«. Damit hat die Gruppe um ihn, seinen Bruder Leopold und den Rechtsphilosophen Friedrich Julius Stahl einen Namen, den der Gegner ihr gibt – und er fällt in Gegenwart des Königs.

  32. 17. November 1851

    Er schickt seinem Bruder Leopold einen Brief Bismarcks, und Leopold schreibt die Stelle über die Hamburger Verfassungssache in sein Tagebuch ab. Bismarck, seit dem Sommer preußischer Gesandter am wiedererrichteten Bundestag, berichtet darin von seinen Winkelzügen im Reklamationsausschuss und schließt mit einem Satz, der an den Bruder gerichtet ist: »Überhaupt ist der Norddeutsche Junker, mögen Sie in Ihren Rundschauen schelten wie Sie wollen, doch in Deutschland der Einäugige unter den Blinden; es gibt nur Junker und Schneider in diesem Lande, und der richtige Junker kommt nur in dem Norddeutschen Flachlande vor.« Die »Rundschauen« sind seine eigenen Beiträge in der Kreuzzeitung.

  33. 1851 (Wien)

    Wie weit der Ruf reichte, erfährt Leopold von einem österreichischen Kammerherrn: Herr von Hammerstein, kaiserlich österreichischer Major, sagt ihm, Kaiser Franz Joseph halte die »Gerlachsche Partei« sehr hoch. Leopold schreibt es auf und setzt gleich dahinter, wie fremd ihm die österreichische Politik sei.

  34. 1852 (Kammerdebatte)

    In der Debatte über die Besteuerung der Religionsgemeinschaften nimmt er eine Position ein, die aus heutiger Sicht antisemitisch ist: Gegen Bethmann-Hollweg erklärt er, »die Juden« seien »nicht eine Religions-Gesellschaft, sondern ein Volk«, und sieht in der Steuer eine Strafe der Revolution. Der jüdische Abgeordnete Veit hält ihm entgegen, Verfassung und Gesetzgebung betrachteten die Juden nirgends als Volk – wenn Gerlach das ignoriere, sei das kein Wunder, da ihm auch das Allgemeine Landrecht »revolutionären« Ursprungs sei. Der Wortwechsel steht in den Kammerberichten der pommerschen Zeitungen.

  35. 1855

    Komturkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern für den »Ersten Präsidenten des Appellationsgerichts in Magdeburg, von Gerlach« (Justiz-Ministerialblatt 26. Januar 1855).

  36. 1857

    Er eröffnet die Etatsdebatte und stellt dabei, wie Graf Schwerin anerkennend feststellt, »gewissermaßen ein Programm seiner Partei« auf: Sparsamkeit, Unterscheidung zwischen produktiven und unproduktiven Ausgaben, Wahrung des Budgetrechts. Ministerpräsident von Manteuffel entgegnet, der Vortrag sei mehr eine Aufforderung an das Haus als an die Regierung gewesen. Gegen den Abgeordneten von Patow, der gesagt hatte, das altpreußische Soldatentum habe 1806 versagt und sei 1813 durch das Volksheer rehabilitiert worden, hält er »als Kämpfer von 1813« fest, ohne den Kern des altpreußischen Soldatenstandes hätte das Heer Frankreich und Deutschland nicht erobert. Der Abgeordnete Herzberg rechnet ihm vor, er habe die Beamten wiederholt »Gesinde« genannt und dreizehnmal vom Hungern und Darben der Beamten gesprochen.

  37. 1858

    Seine zweite Frau Luise stirbt am 5. August während einer Kur in Suderode im Harz an einem zweiten Schlaganfall (Magdeburgische Zeitung 10. August 1858); sie wird dort am 10. August bestattet – die Neffen Friedrich und Jakob, Philipp Nathusius und Wilhelm von Kügelgen stehen dem zweifachen Witwer bei (Kraus 1994).

  38. 1864–1876

    Er schreibt die Familiengeschichte selbst fort. Vier eigenhändige Bände liegen im Familienarchiv: bis 1840, dann 1840 bis 1853, 1853 bis 1864 und 1864 bis 1876. Allein der letzte umfasst 451 Seiten. An den Schluss setzt er eine kurze Charakteristik der Familieneigentümlichkeiten. Die vier Brüder seien weder Raucher noch Schwimmer noch Jäger gewesen; keiner habe zum Kölner Dombau oder zur Gustav-Adolf-Stiftung beigetragen, keiner Orden getragen, wo er nicht musste, keiner seit 1820 das Theater besucht, keiner sei Freimaurer gewesen. Dafür seien sie voll Interesses für Menschen gewesen und hätten gelesen – der Vater bis an sein Ende.

  39. 1864 (Kopenhagen)

    Mitten im Krieg beruft sich eine Kopenhagener Zeitung auf ihn. Am 28. Mai 1864 wägt das Dagbladet die Erbansprüche des Augustenburgers: Wenn Staatsrechtslehrer wie Pernice, Juristen wie von Gerlach und Staatsmänner wie von Bismarck sagten, die Erbrechte seien sehr verwickelt und die Forderungen sehr zweifelhaft, dann gelte dieses Urteil mehr als das einer ganzen theologischen Fakultät. Gemeint war die Kieler, die kurz zuvor ihren Bannspruch gegen die Kreuzzeitung getan hatte. So genau las man ihn in Kopenhagen, dass man dort auch wusste, wer in seinem Blatt die monatlichen Übersichten schrieb.

  40. 1873–1877

    Mit den Stimmen des Zentrums Abgeordneter des rheinischen Wahlkreises Sieg-Mülheim-Wipperfürth: Bei der Nachwahl am 15. Januar 1873 erhält er 242 Wahlmännerstimmen gegen 174 für Lukas, am 17. Januar nimmt er im Abgeordnetenhaus »in der ersten Reihe des Centrums« Platz (Bonner Zeitung 16. Januar, Echo der Gegenwart 18. Januar 1873). Im November 1873 und im Oktober 1876 wird er neben Pfarrer Dautzenberg wiedergewählt – die Zentrumspresse empfiehlt den Protestanten, weil er »mit so männlicher Entschiedenheit für die Rechte der katholischen Kirche eingetreten« sei (Bonner Zeitung 5. November 1873, Deutsche Reichs-Zeitung 25. Oktober 1876). Im Januar 1874 beantragt er vergeblich, aus dem Personenstandsgesetz die Aufhebung des Taufzwangs und des Verbots von Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Bekenntnisse zu streichen, weil sie »Christenthum und Sakrament mehr und mehr aus der Familie hinausschaffen« werde (Deutsche Reichs-Zeitung 22. Januar 1874). Nach seinem Tod wählt der Kreis am 31. Mai 1877 Friedrich von Kehler zum Nachfolger (Deutsche Reichs-Zeitung 2. Juni 1877).

  41. 1874

    Abschied nach Anklage und Geldstrafe wegen »Die Civilehe und der Reichskanzler«. Schon die Schrift »Kaiser und Papst« (1872) hatte in der Presse einen Sturm ausgelöst – das Zeitungsportal zählt über 200 Erwähnungen in 1872/73.

  42. 1877

    Tod am 18. Februar infolge eines Kutschenunfalls auf der Schöneberger Brücke in Berlin, vier Tage nach seiner Wahl in den Reichstag; Grab auf dem Domfriedhof II in Berlin. Beerdigung am 21. Februar: Trauerfeier durch Pastor Knak in der kleinen Bethlehemskirche, dann zieht der Trauerzug über Leipziger Straße, Spittelmarkt, Molkenmarkt und Alexanderplatz zum alten Kirchhof der Domgemeinde in der Elisabethstraße – die Kreuzzeitung erlebt sie fast als Demonstration gegen Bismarck (Kraus 1994). Der Unfall: am 16. Februar von einem Postwagen überfahren (Kölner Sonntags-Anzeiger); zur Beerdigung um 15 Uhr erscheinen Feldmarschall Manteuffel und die Zentrumsfraktion in corpore (Hallische Zeitung, Düsseldorfer Volksblatt). Die Bonner Zentrumszeitung zählt unter den Trauergästen »die parlamentarischen Collegen v. Gerlach's aus allen Fractionen«, Feldmarschall Manteuffel, Uhden, Kleist-Retzow, Hegel und die vier als »Adoptivsöhne« bezeichneten Neffen mit dem alten Diener; etwa fünfzig Wagen folgen dem Sarg. Sein soeben errungenes Reichstagsmandat für Osnabrück bleibt unbesetzt (Deutsche Reichs-Zeitung 23. Februar, Pfälzer Zeitung 15. März 1877).

  43. 1877 (Nachruf in Kopenhagen)

    Drei Tage nach seinem Tod bringt das Kopenhagener Fædrelandet einen Nachruf. Er beginnt: Am 18. Februar starb der bekannte preußische Politiker, der Führer der Junkerpartei, Ernst Ludvig von Gerlach. Was folgt, stimmt bis in die Einzelheiten – Geburtstag, Studienorte, drei Verwundungen, der Aufstieg zum Jägerleutnant, die Gründung der Kreuzzeitung, die Jahre im Herrenhaus und im Abgeordnetenhaus, der Bruch mit Bismarck, zuletzt die Stimmen mit dem Zentrum und die Unterstützung der Hannoveraner wenige Tage vor dem Ende. Ein Fehler steht darin. Das Blatt macht ihn 1844 zum Ersten Präsidenten des Gerichts in Frankfurt an der Oder; dort war er seit 1835 Vizepräsident gewesen, und 1844 ging er nach Magdeburg. Die Verwechslung hat ihren Grund: Das Frankfurter Amt hatte vor ihm sein Bruder Wilhelm inne.

  44. 1923

    Zum fünfundsiebzigsten Jahrestag erinnert die Neue Preußische Zeitung an ihre Gründung. Klaus von Gerlach sammelt die Jubiläumsausgaben und die Beiträge dazu – zwanzig Zeitungen und Ausschnitte, die bis in das Jahr 1898 zurückreichen und heute im Familienarchiv liegen.

  45. Nachlass

    Rund 17.000 Stücke – 15.000 Briefe von fast 9.000 Korrespondenten, die Tagebücher 1815–1877, Gutachten, das Nachlassinventar vom 9. März 1877 – bilden den Kern des Gerlach-Archivs, das 1954 durch Hans-Joachim Schoeps an die Universität Erlangen kam (Kalliope: 3.383 Datensätze). Darunter sind Briefe Otto von Bismarcks. Klaus von Gerlach wertete sie nach dem Krieg aus: In Berchtesgaden entstand 1949 bis 1951 die 65-seitige Studie »Ludwig von Gerlach und Otto von Bismarck im Lichte der Briefe Bismarcks im Rohrbecker Archiv«, die in zwei maschinenschriftlichen Ausfertigungen erhalten ist.

Bilder

  • 1849»Der neue Peter von Amiens« – Wilhelm Scholtz karikiert die Gründung der Kreuzzeitung; Ernst Ludwig führt den Zug an.

    Wilhelm Scholtz, 1849, gemeinfrei · Wikimedia Commons

  • 1872Titelblatt der Streitschrift »Kaiser und Papst«, vierte Auflage 1872 – sein Wort gegen den Kulturkampf.

    Wikimedia Commons, gemeinfrei

  • 2016Sein Grab auf dem Domfriedhof II an der Müllerstraße.

    Z thomas, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

  • um 1850Ernst Ludwig von Gerlach im Profil – Zeichnung eines nicht genannten Künstlers, wiedergegeben in Ernst Engelbergs »Bismarck« (Berlin 1986).

    Vorlage gemeinfrei · Wikimedia Commons (aus Engelberg, Bismarck, 1986)

Quellen und Literaturangaben

Notwendige Cookies für die Anmeldung, anonyme Messung ohne Cookies. Datenschutzerklärung