Jakob von Gerlach
1830 – 1908
Landrat · Präsident der Berliner Missionsgesellschaft · Haus Rohrbeck
Stammsitz: Gut Rohrbeck (Neumark)
⌖ Im StammbaumJakob von Gerlach, Sohn Wilhelms und jüngerer Bruder Friedrichs, war Landrat und Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses für die Deutschkonservative Partei. Daneben amtierte er als Präsident der Berliner Missionsgesellschaft, einer der bedeutendsten protestantischen Missionsgesellschaften Preußens. Sein wohl bleibendstes Werk war die zweibändige Ausgabe der Aufzeichnungen seines Onkels Ernst Ludwig von Gerlach, die er 1903 in Schwerin herausgab und damit dessen politisches Denken und persönliche Erinnerungen für die Nachwelt sicherte. Mit seiner Frau Sophie von Kröcher setzte er die Linie des Hauses Rohrbeck fort, das bis 1945 auf dem Familiengut ansässig blieb. Jakob von Gerlach starb 1908.
Chronik
- 1830
Geboren am 20. März in Kläden als Sohn Wilhelms von Gerlach; die Mutter Ida stirbt drei Wochen später. Aus dieser Zeit stammt ein Umschlag mit einer Haarlocke, überschrieben »Haare des kleinen Jakob«; verzeichnet ist er zusammen mit Marie Raumer (1764–1831), einer Schwester seiner Großmutter Agnes. Das Kind hatte die Mutter verloren, und die alte Verwandte hob eine Locke auf. Die Jahrhundertgeschichte der Berliner Mission nennt 1924 dagegen Berlin als Geburtsort – gegen die Angabe der Familie, die den Ort mit dem Tod der Mutter verbindet. Die Aufzeichnungen seines Onkels sind genauer als jede Urkunde: geboren »um halb vier nachmittags in Kläden, dem Gute des Herrn von Levetzow«, als fünfter Sohn; getauft am 4. April, dem Geburtstag seiner Tante Levetzow, in Kläden, mit Ernst Ludwig als abwesendem Paten. Und in derselben Zeile die Bilanz eines langen Lebens: »den ich nun schon 46 Jahre lang bis heute, den 18. Dezember 1876, zärtlich geliebt habe«.
- 1858
Heirat in Vinzelberg mit Ida Sophie von Kröcher (1830–1905), jüngster Tochter Wilhelms von Kröcher und der Sophie Gräfin von Alvensleben-Erxleben; die Ehe bleibt kinderlos. Eigentümer des Rittergutes Platowo und Mitbesitzer von Rohrbeck.
- 1861–1892
Landrat des Kreises Gardelegen, Geheimer Regierungsrat; 1866/67 und 1882–1888 im Abgeordnetenhaus. Rittergut Platowo, Mitbesitzer von Rohrbeck; ab 1892 Johanniter, 1898 Rechtsritter; Präsident der Berliner Missionsgesellschaft. Im September 1891 unterzeichnet er mit August von Gerlach-Parsow den Aufruf für den Saalbau der Berliner Stadtmission (Rhein- und Ruhrzeitung 18. September 1891); am 31. August 1892 wird er – gemeinsam mit August von Gerlach-Parsow – auf Vorschlag des Herrenmeisters Prinz Albrecht zum Ehrenritter des Johanniterordens ernannt (Reichsanzeiger 31. August 1892). Die Ernennung des »Landraths-Amts-Verwesers, Gerichts-Assessors Jakob von Gerlach auf Vollenschier« erfolgt im Juni 1861 (Staats-Anzeiger 25. Juni 1861). Als »jugendlicher Landrath« wird er 1862 durch die »Letzlinger Jagdgeschichten« in ganz Deutschland bekannt – die liberale Presse spottet über die Loyalitätsadressen aufgebotener Schulzen und Pastoren bei der Hofjagd in Letzlingen, zu der im November auch Bismarck anreist (Nationalzeitung 4. April, Kölnische Zeitung 6. November 1862). Zum 1. Juli 1892 wird ihm der erbetene Abschied bewilligt; Konrad von Goßler-Zichtau übernimmt das Amt (Hallische Zeitung 6. Juli 1892). Selbst die Londoner Morning Post greift die von ihm aufgesetzte Loyalitätsadresse heraus und verspottet ihre »asiatische Vergötterung« des Königs (Neue Würzburger Zeitung 12. November 1862). Im Abgeordnetenhaus erheitert er im Januar 1867 das Haus mit der Bemerkung, ohne das Herrenhaus »würde man Preußen gar nicht wiedererkennen« (Hallische Zeitung 15. Januar 1867). Gleich zu Beginn seiner Amtszeit, in den Jahren des Verfassungskonflikts, führt die Regierung Magdeburg 1861–1865 eine »Untersuchung wider den Landrat von Gerlach in Gardelegen wegen Presspolizeiübertretung« (Landesarchiv Sachsen-Anhalt, C 28 If Nr. 1878).
- 1861/62
Ein Konflikt mit dem preußischen Innenminister Maximilian Graf von Schwerin-Putzar (1804–1872) beschäftigt ihn vom 13. November 1861 bis zum 7. Februar 1862, im ersten Jahr seines Gardeleger Landratsamts. Das Familienarchiv bewahrt dazu vier eigenhändige Manuskripte, zwei Briefentwürfe, sieben Druckschriften und neun Zeitungen – die Auseinandersetzung wurde also öffentlich geführt. Den Anlass zeigt ein zweites Stück: Am 18. November 1861 erscheint sein Wahlaufruf in der Zeitung, fünf Tage nach dem Beginn des Streits. Am 6. Dezember wurde das Abgeordnetenhaus gewählt.
- 1890
Anfang Mai lässt er sich beim Amtsgericht Königsberg in der Neumark Grundbuchauszüge über das Rittergut Rohrbeck ausfertigen – elf Seiten, im Familienarchiv erhalten. Sein Bruder Friedrich stirbt anderthalb Jahre später auf demselben Gut.
- 1892
Ehrenritter des Johanniterordens (Sächsische Provinzialgenossenschaft), 1898 Rechtsritter.
- 1892
Wie er an die Spitze der Berliner Mission kam, erzählt deren Jahrhundertgeschichte: Als der Kammergerichtspräsident Rathmann das Präsidium wegen Arbeitsüberlastung niederlegte, fand das Komitee zum ersten Mal niemanden in den eigenen Reihen und klopfte lange vergeblich an verschiedenen Türen. Dann wählte es den eben pensionierten Landrat von Gardelegen – den ersten Präsidenten, der nicht in Berlin wohnte, nicht einmal an einer leicht erreichbaren Bahnstation. Die Sorge war unbegründet: Er habe sein Amt mit der Exaktheit eines alten preußischen Beamten geführt.
- 1894/1897
Unter seinem Präsidium kauft die Berliner Mission südöstlich von Bethanien im Oranje-Freistaat drei aneinandergrenzende Farmen von zusammen zehntausend Magdeburger Morgen an einem Eisenbahnknotenpunkt mit großen Werkstätten. Sie heißen fortan Springfontein, Berlin – und Gerlachstal. 1897 entsteht dort die Station Springfontein-Gerlachstal unter dem landwirtschaftlich erfahrenen Missionar Sandrock. Die Gemeinde blieb klein, weil in den Eisenbahnwerkstätten die farbigen Arbeiter nach und nach durch weiße ersetzt wurden; im Burenkrieg richtete die deutsche Ambulanz in Gerlachstal ein Hospital ein, später standen dort zwei große Flüchtlingslager.
- 1893
Der Kreistag wählt den Landrat a. D. zum Kreisdeputierten (Hallische Zeitung 20. April 1893); 1898 wählen ihn Berufsgenossenschaften und Ausführungsbehörden – als Vorstandsmitglied der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft der Provinz Sachsen – zum Stellvertreter eines nichtständigen Mitglieds des Reichsversicherungsamts (Reichsanzeiger 10. Dezember 1898).
- 1894/1896
Kuraufenthalte in Marienbad – 1894 »mit Gemahlin aus Vollenschier«, 1896 im Friedrich-Wilhelm-Stiftungshaus (Marienbader Tagblatt und Kurliste).
- 1901
Bei der Wahl der Vertreter der Berufsgenossenschaften für das Reichsversicherungsamt erhält der »Geheime Regierungsrath und Landrath a. D. in Vollenschier« 11.400.604 Stimmen (Amtliche Nachrichten des Reichs-Versicherungsamts 1901).
- 1903
Gibt die Aufzeichnungen seines Onkels Ernst Ludwig von Gerlach in zwei Bänden heraus (Schwerin).
- 1903
Seine Frau Ida Sophie erhält zum Kaisergeburtstag den Luisenorden zweiter Abteilung, zweite Klasse (Reichsanzeiger 27. Januar 1903); schon 1899 stand die »Frau Geheime Regierungs-Rath von Gerlach, geborene von Kröcher zu Vollenschier« in einer Auszeichnungsliste (27. Januar 1899). Im Januar 1904 unterzeichnet er als »Geh. Reg.-Rat von Gerlach, Vollenschier« neben Generalsuperintendenten und Regierungspräsidenten den Aufruf zur Stärkung der sozialen Arbeit der evangelischen Christenheit (Neue Westfälische Volks-Zeitung 4. Januar 1904).
- Oktober 1903
In der fünften ordentlichen Generalsynode der evangelischen Landeskirche steht die Duellfrage auf der Tagesordnung. Die Kommission beantragt, die Synode möge »von neuem Zeugnis dafür ablegen, daß das Duell Sünde ist«. Der Berichterstatter Graf Stosch-Hartau spricht dagegen, dann meldet sich der Synodale Landrat a. D. von Gerlach-Vollenschier. Er wendet sich gerade gegen das Wort Sünde, setzt den Zweikampf der Notwehr gleich und fügt hinzu, auch ein Krieg sei ein Zweikampf zwischen zwei Kaisern oder Königen. Das Protokoll vermerkt Ohorufe und lebhaften Widerspruch. Er hält dagegen: Das Duell sei eine juristische, keine theologische Frage, und die Synode sei nicht befugt, darüber zu entscheiden. Darauf antwortet der Hofprediger a. D. Stoecker, der Berichterstatter hätte das Referat besser nicht übernommen; die Herren glaubten vielleicht nicht, wie sehr das Duell die Empfindungen der frommen Leute verletze. Gegen die Umsturzpartei werde man mit gebrochenem Schwert fechten, solange man das Duell mit dem Christentum für vereinbar erkläre. Der Enkel des ersten Oberbürgermeisters von Berlin steht damit in der Kirche seines Hauses auf der Seite, die verliert. Den Wortlaut druckt die Saale-Zeitung am 29. Oktober 1903; sechs weitere Blätter bringen ihn am Tag darauf.
- 1907
Roter Adlerorden dritter Klasse mit der Schleife für den »Landrat a. D., Geheimen Regierungsrat von Gerlach zu Vollenschier« (Reichsanzeiger 19. April 1907).
- 1908
Tod am 26. November in Berlin; als Witwer hatte er auf dem Kröcherschen Gut Vollenschier gelebt.