Leopold von Gerlach
1790 – 1861
Preußischer General · Generaladjutant Friedrich Wilhelms IV.
Stammsitz: Gut Rohrbeck (Neumark)
⌖ Im Stammbaum
Ludwig Friedrich Leopold von Gerlach, der zweitälteste der vier Brüder (der älteste war Wilhelm, 1789–1834), wurde am 17. September 1790 in Berlin geboren. Als Generaladjutant König Friedrich Wilhelms IV. war er einer der mächtigsten politischen Berater Preußens in der reaktionären Phase nach der Revolution von 1848. Der entscheidungsscheue König bevorzugte seinen privaten Rat gegenüber dem seiner Minister – Leopold von Gerlach war darunter der einflussreichste. Gemeinsam mit seinem Bruder Ernst Ludwig prägte er die konservative Kreuzzeitung-Partei und verstand sich als Hüter einer christlich-monarchischen Staatsordnung. Er starb am 10. Januar 1861 in Potsdam an einer Erkältung, die er sich zugezogen hatte, als er stundenlang ohne Kopfbedeckung hinter dem Leichenzug Friedrich Wilhelms IV. herging. Er wurde neben seiner Frau Johanna geb. Gräfin von Küssow auf dem Familiengut Rohrbeck beigesetzt.
Chronik
- 1790
Geboren in Berlin als zweiter Sohn von Carl Friedrich Leopold von Gerlach.
- 1799
Mit neun Jahren kommt er auf das Joachimsthalsche Gymnasium, 1803 auf die Académie militaire. Über die Schuljahre urteilte er später selbst, er sei faul und leichtsinnig gewesen – die Einleitung der Denkwürdigkeiten führt das auf seine Frühreife zurück. Auf der Akademie zeigte er jedenfalls Wissbegierde genug, um die Zuneigung seines Lehrers Ancillon zu gewinnen, des späteren Ministers.
- 1806
Fünf Tage vor der Schlacht tritt der Sechzehnjährige am 9. Oktober als Fähnrich des Regiments von Arnim in die Armee ein. Die Einleitung der Denkwürdigkeiten von 1891 nennt die Schlacht von Auerstedt, nicht Jena, und die Gefangennahme nicht auf dem Feld: Am 15. Oktober wird er in Erfurt durch Kapitulation kriegsgefangen, Ende des Monats ist er wieder in Berlin. Ältere Darstellungen sagen Jena; beide Schlachten wurden am selben Tag geschlagen.
- 1808–1810
Sein Abschiedsgesuch von 1808 lehnt der König in gnädigen Ausdrücken ab: Seine Majestät glaube, er werde sich zu einem sehr brauchbaren Offizier ausbilden. Die Erlaubnis zu studieren bekommt er dazu. In Göttingen hört er vor allem den Rechtsgelehrten Hugo, in Heidelberg verkehrt er mit Freunden und, wie es heißt, mit geistvollen Frauen; von dort aus besucht er Schubert und Tieck in München und Jean Paul in Bayreuth. Angeregt hatte ihn schon vorher die romantische Schule: Die geweckte Teilnahme für das Mittelalter und dessen Kunst führte ihn damals wenigstens zur geschichtlichen Erkenntnis des Christentums. Eine lebendige Kraft wurde es ihm erst später.
- 1811
Nach Berlin zurückgekehrt, meldet er sich bei der Regierung in Potsdam – mit Erlaubnis des Königs, auf Wunsch des Vaters erbeten, unter Vorbehalt seines militärischen Verhältnisses und der Pflicht, sich zu stellen, sobald er gerufen würde. Er besteht die Prüfung glänzend und arbeitet als Referendar. Mehr als die trockenen Amtsgeschäfte fesselt ihn die Politik, gefördert durch den Umgang mit Alexander von der Marwitz, dem Bruder des bekannten Generals, und mit den Gardeoffizieren. Einig in der Opposition gegen den Liberalismus und im Hass gegen Frankreich verfolgen die jungen Männer den Gang der Ereignisse. Schon 1810, bei Napoleons Heirat mit Marie Louise, bemerkte er, das sei ein Zeichen seines baldigen Endes: Er suche eine Familienversorgung.
- 1811/12
Der Einundzwanzigjährige gehört in Berlin zum Kreis der christlich-deutschen Tischgesellschaft, in dem sich Offiziere und Schriftsteller treffen: Heinrich von Kleist, Achim von Arnim, Adam Müller, Clemens Brentano, sein Freund Ernst von Pfuel – und Carl von Clausewitz, damals frisch als Lehrer an die Kriegsschule berufen. Eine Darstellung dieses Kreises nennt ihn »den von Witz und Humor sprudelnden jungen Leopold von Gerlach«, den Clausewitz als den drolligsten und liebenswürdigsten Menschen schildert, den er je gesehen habe.
- 25. Januar 1813
Als der König an diesem Tag nach Breslau geht, nehmen Gerlach und Marwitz unbestimmten Urlaub, um ihm zu folgen. Aus Breslau schreibt er: »Hier in Breslau zweifelt niemand an dem Kriege … Eine herrliche Zeit ist hier, alles lebt wieder auf, alles wirkt auf einen Zweck hin. Auf dem Wall, auf dem Ring, vor den Toren exerzieren Truppen, alles läuft herum, sich auszurüsten, und fast alle Handwerker arbeiten für den Krieg. … Der König nennt diese Zeit mit Recht eine Auferstehung.« In der versammelten Menge unterscheidet er drei Parteien: die Aristokraten, ohne Position und ohne Kraft, die es nicht wagen, sich als Partei zu zeigen; die Demokraten, zu denen »die Ausgezeichnetsten und Kräftigsten unseres Landes« gehören, Feinde des Adels, der Patrimonialgerichtsbarkeit und der Frondienste; und die Anarchisten, »Studenten, Doktoren, Buchhändler, die nicht wissen, wie es in der Welt aussieht«. Ihr Anführer sei Jahn – »der nicht so zu sein scheint, mit seinem kahlen Kopf und schönem Gesicht; mir kam er einfach, reell und praktisch vor«.
- März 1813
»Durch den General Scharnhorst, der mich zu sich kommen ließ, wurde ich zur Dienstleistung bei dem alten Blücher angestellt; Scharnhorst sah mich aber als seiner Person zugeteilt an. Alles beneidete mich, und ich war glücklich, au centre des affaires zu sein.« Als er sich beim König meldet, fragt dieser nach seinem Vater, der schon sehr krank war und um dessentwillen der Sohn länger in Berlin geblieben war, und setzt gnädig hinzu, er wisse, dass Gerlach sich viele Kenntnisse erworben habe; er möge sie nun auch gut anwenden. Am 21. März folgt er dem Hauptquartier. Das Urteil über die eigene Laufbahn steht gleich daneben: »Mir wurde bald bei meiner glänzenden Stellung bange, und das nicht mit Unrecht, da ich dadurch dem Liniendienst ganz entfremdet wurde, was ich stets in meiner militärischen Laufbahn empfunden habe.«
- 1813–1815
Auf den Aufruf des Königs hin wieder als Sekondeleutnant angestellt und dem Stab Blüchers zugeteilt. Er kämpft bei Großgörschen, Bautzen, an der Katzbach, bei Leipzig, La Rothière, vor Paris, bei Ligny und Wavre, wird mehrfach verwundet und erhält beide Klassen des Eisernen Kreuzes. Im Oktober 1815 kommt er als Hauptmann in den Großen Generalstab.
- 1819
Heirat mit Johanna Gräfin von Küssow (1796–1857) – über sie stammt die Familie von den Sack ab, den Gründern Rohrbecks. Die Hochzeit fand im November in Nedel in Hinterpommern statt; das junge Paar zog danach in das Berliner Haus der Familie, in die bis dahin vermietete Wohnung im Erdgeschoss.
- 1823–1824
Der Major wohnt in diesen Jahren im Elternhaus: »v. Gerlach, L. F., Major, hinter der katholischen Kirche 1«. Zwischen den Petersburger Reisen und dem Dienst im Generalstab bleibt Berlin die feste Adresse, und die feste Adresse ist das Haus der Mutter.
- 1826
Adjutant des Prinzen Wilhelm von Preußen.
- 26. März 1826
Mit dem Prinzen reist er zur Leichenfeier Kaiser Alexanders I. nach Petersburg. »Heut früh nahm der Prinz, der General Thile und ich das Heilige Abendmahl in der Annenkirche«, schreibt er. Dann geht der Zug aus der Kasanschen in die Peter-Pauls-Kirche: Die Chöre der Priester sind herrlich, die Kaiserinmutter schluchzt laut, und als der Sarg in die schwarz ausgeschlagene Gruft gesenkt wird, entfernen sich die Kaiserinnen. Über das Eis der Newa gehen sie nach Hause. In Petersburg nimmt er sich der Sache des aus Russland fortgeschickten Predigers Goßner an, verschafft dem Prinzen das umstrittene Buch und überzeugt ihn von dessen Unschuld. Am 6. April fahren sie noch zu den Militärkolonien, hundertvierzig Werst in sieben Stunden.
- 1828
Am 15. Februar kommt der Sohn Berndt zur Welt, während der Vater in Petersburg ist. Ernst Ludwig notiert: »Als ich aus der Sitzung des Obertribunals kam, war Hannchen eben glücklich entbunden von einem Sohne. Alles war voll Freude. Radowitz hat sich wie ein Kind gefreut. Man dachte viel an den verstorbenen Georg und an den in Petersburg abwesenden Vater.« Georg war der älteste Sohn; er starb als Kind. Der Neugeborene bekam seinen Namen an zweiter Stelle: Berndt Georg Wilhelm.
- 2. Dezember 1847
In Berlin geht die Rede, die drei Brüder regierten die Kirche. Er schreibt es auf: »Heute wurde mir erzählt, es wäre in der Stadt allgemein verbreitet, daß wir drei Brüder die Kirche regierten, die drei Konsistorial-Präsidenten ernannt hätten und sie nach unserer Pfeife tanzen ließen. Was ist daran wahr? Äußerlich nichts, innerlich sehr wenig, eine Kleinigkeit relativer Konsequenz und Prinzip.« Tags darauf notiert er, was er selbst für richtig hält: Eine Hauptaufgabe der Politik der Zeit sei es, das Kirchenregiment dem König immer mehr abzunehmen. Dem König werde es offenbar zu schwer; von seinen weltlichen Verhältnissen gedrängt, verwalte er es gegen seine Überzeugung.
- Februar/März 1848
Das Auswärtige Amt legt eine Akte über die »Sendung des Generalmajors Leopold von Gerlach nach Kopenhagen« an, abgelegt unter der nationalen Bewegung in Schleswig-Holstein (III. HA MdA, I Nr. 8327/4). Die Reise fällt in die Wochen unmittelbar vor dem Berliner Märzaufstand.
- 11. Februar bis 9. März 1848
Was die Akte des Auswärtigen Amtes als Vorgang führt, lässt sich in den Zeitungen Tag für Tag verfolgen. Anlass war der Thronwechsel in Kopenhagen: Christian VIII. war am 20. Januar gestorben. Am 8. Februar meldet ein Berliner Korrespondent, General von Gerlach, »einer unserer energischsten Staatsmänner«, stehe im Begriff, mit einer Spezialmission nach Dänemark abzugehen, und seine Weisungen trügen »dem deutschen Sinne unsers Landesvaters entsprechend« ihr Gepräge. Wenige Tage darauf steht er in der Berliner Liste der Abgereisten – der Generalmajor und Kommandeur der ersten Garde-Landwehr-Brigade, nach Kopenhagen. Die Berlingske Tidende erfährt am 16. Februar von ihrem eigenen Gast, und zwar aus ausländischen Blättern. Erst am 18. Februar nennt eine süddeutsche Zeitung den Namen des Spezialgesandten. Am 9. März führt ihn die Berliner Liste wieder unter den Angekommenen, von Kopenhagen. Neun Tage später standen in der Stadt die Barrikaden. Im Mai sollte er als Gesandter nach Frankfurt gehen; das Ministerium wehrte es ab.
- Oktober 1849
Ein Urteil über die Brüder, von ihm selbst aufgeschrieben. Der entlassene Minister von Schwerin, wütend über die Aussicht auf einen wiederkehrenden Absolutismus, sagt, die Gerlachs wären die vollständigsten Reaktionäre. Leopold fügt nur einen halben Satz hinzu: Bismarck habe ihm das widerlegen wollen.
- 1850
Wie der Name der Familie in der Ministerkrise klang, notiert er ohne Beschönigung. Stockhausen, der künftige Kriegsminister, habe an Rauch geschrieben, Kleist sei als Minister unmöglich; und weiter: »Vor dem Namen Gerlach erschrecke man, Ludwig wäre ganz unmöglich.« Seine Antwort darauf, an Rauch gerichtet, steht gleich dahinter: »So lange man sich vor dem Christentum fürchtet, ist ein ordentliches Ministerium unmöglich.«
- Juli 1850
Die Auseinandersetzung mit Radowitz über die Union führt ihn zu einer Selbstprüfung, die er aufschreibt. Er hält dem Minister vor, er könne im Gewissen keine Politik rechtfertigen, die dem Anschein nach mit der Revolution gehe, die er doch selbst für verbrecherisch halte; Radowitz räumt ein, er hätte dieses Bündnis nicht angenommen, wenn ihm eine Wahl geblieben wäre. Dann kommt Gerlach auf sich selbst: Er sei Gott dankbar, vor jeder Berührung mit der Revolution bewahrt geblieben zu sein – nicht wie der Zöllner im Gleichnis, sondern dankbar für unverdiente Gnade. Und gleich darauf zwei Sätze der Reue: »Wie viel mehr hätte ich am 19. März Morgens auf dem Schlosshofe tun können. Auch hatte ich mich verführen lassen, das Zusammenrufen des Vereinigten Landtages im März zu billigen, obschon uns das sicher der Revolution entgegengeführt hätte.« Am 11. Juli notiert er, der Tag zuvor sei ein schlimmer gewesen, der ihn dem Entschluss zu gehen nahe brachte.
- 1850 (ein Brief von 1844)
Zu den Briefen, die er nach dem Attentat von 1850 über das frühere von 1844 zusammenstellt, gehört einer des Königs an den Kammergerichtspräsidenten von Kleist, eigenhändig, Charlottenburg, 13. Dezember 1844: Ihm sei unendlich darum zu tun, dass der Unglückliche wisse, dass er ihm als Mensch und als Christ von ganzem Herzen verzeihe; die Übung seines Amtes sei ihm unaussprechlich schwer geworden, doch dürfe er nicht vergessen, dass es ihm von Gott aufgetragen sei. »Sagen Sie ihm das, oder lassen Sie es ihm sagen durch Bultmann oder Gerlach.« Und am Schluss: »Verbrennen Sie dann dieses Blatt, damit der Zeitgeist es nie missdeute.« Welcher der Brüder gemeint ist, sagt der Brief nicht; das Blatt wurde nicht verbrannt.
- 1850 (ein Ministerium Gerlach)
Dass ein Kabinett unter dem Namen der Familie erwogen wurde, steht schwarz auf weiß in seinem Tagebuch. Über den König notiert er: »Zu einem Ministerium Gerlach wird er sich nicht entschließen, und mit Arnim wäre er nicht besser daran.« Und beim Durchgehen der Möglichkeiten kommt er zu dem Schluss, rechts liege nur »Voß, Gerlach, Stahl – Pietisten«; selbst Rauch als Ministerpräsident müsste zu diesen greifen. Das Ergebnis seiner Rechnung ist ernüchternd: Für uns bleibt also nichts übrig, als das jetzige Ministerium zu halten. Was er darüber dachte, schrieb er seinem Bruder Ludwig in einem langen Brief, den die Denkwürdigkeiten abdrucken.
- Dezember 1850
Am Jahresende erfährt er, wie der König hinter seinem Rücken von ihm spricht: oft und immer mit großer Liebe – wenn auch beschwert »über die rebellische und widersprechende Gerlachsche Weise«. Die drei Wörter sind das Urteil des Königs über den Umgangston des Hauses, und Leopold schreibt sie ohne Widerspruch auf.
- Mai 1851
Bei der Zusammenkunft in Warschau spricht ihn Kaiser Nikolaus I. lange über die Lage; hinterher erfährt er von Fräulein Rauch, in welchen Ausdrücken der Kaiser über ihn und die Unterredung gesprochen hatte: »Gerlach est un brave et digne homme.«
- 1852
Zwei Urteile aus demselben Jahr, weit auseinander. Der russische Kaiser sagt zu Massow, er wisse wohl, dass in der schlimmsten Zeit Rauch und Gerlach mit ihm allein den Kopf oben behalten hätten. Und das »Preußische Wochenblatt« der Hollweg-Partei greift ihn öffentlich beim Namen an: »Herr General von Gerlach! Sie gestehen uns nicht allein in einem Ihrer letzten Artikel, dass Sie mit der verhängnisvollen Wendung im November 1850 und mit der Politik Olmütz einverstanden gewesen, sondern Sie rühmen sich sogar, diese Politik eingeleitet zu haben« – und fragt weiter, ob ihm dabei sein Freund Hassenpflug behilflich gewesen sei oder ob er auch die Disposition für das Gefecht bei Bronzell entworfen habe. Dasselbe Blatt bindet ihn kurz darauf öffentlich an zwei Namen, die noch berühmter werden sollten: Kleist-Retzow, Bismarck-Schönhausen und General Gerlach seien, wie sehr sich die Inhaber auch dagegen wehren mögen, von Manteuffel, Lecoq und Quehl untrennbar; keine nachträgliche Verleugnung könne sie von dieser Solidarität befreien. Es folgt das Sprichwort vom Umgang, der verrät, wer man ist. Auch diesen Artikel schreibt Leopold in sein Tagebuch – er stand im Polizeibericht, den man ihm vorlegte.
- Kinder
Vier Kinder: Agnes (1820–1901), die später seine Denkwürdigkeiten herausgab; der früh gestorbene Georg; Ulrike, in der Familie »Det« genannt, konfirmiert am 5. Mai vom Prediger Kaiser in der Unterkirche zu Frankfurt; und Berndt (1828–1889), Landrat auf Rohrbeck und Nordhausen. Georg und Ulrike waren im Stammbaum bisher nicht verzeichnet.
- 1838
Als Oberst Chef des Generalstabs des III. Armeekorps in Frankfurt (Oder); 1842 Rückkehr nach Berlin (Kraus 1994). 1841, im Jahr des Rohrbecker Gutshausbrandes, erhält »Oberst v. Gerlach auf Rittergut Rohrbeck« ein Unterstützungsdarlehen aus dem von Schöningschen Stiftungsfonds; die Akte läuft bis 1943 (Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Rep. 3B III D Nr. 3149).
- 1844
Beförderung zum Generalmajor.
- 1844
Eine Anekdote, die Varnhagen von Ense überliefert: Er stand kirchlich wie politisch auf der äußersten Rechten, und die Kluft zu Alexander von Humboldt war auf diesem Feld noch tiefer als in der Politik. Er neckte Humboldt gern. Nachdem er ihn einmal in einer Kirche gesehen hatte, fragte er ihn an der Hoftafel in Sanssouci: »Ew. Exzellenz gehen jetzt wohl recht oft in die Kirche?« Humboldt antwortete schlagfertig: »Das ›Jetzt‹ ist ja sehr freundlich von Ihnen, Sie wollen mir dadurch den Weg anzeigen, auf dem ich meine Karriere machen könnte.« Derselbe Sammler bemerkt nebenbei, Gerlach sei bei einer anderen Humboldt-Geschichte trotz seiner Parteilichkeit »der exaktere Berichterstatter«.
- 1849
Generalleutnant und Generaladjutant König Friedrich Wilhelms IV.; einflussreichster Berater der Krone in der Reaktionszeit.
- 1849
Im Januar trägt ihm der König auf, über die mecklenburgischen Verhältnisse einen Bericht vorzulegen; beide mecklenburgischen Regierungen hatten eben Anträge auf Militärkonventionen in Berlin eingereicht. Am 5. Februar notiert er, was ihm bei der Arbeit begegnet ist. Am 20. November steht im Tagebuch: »Gestern war ich sehr niedergeschlagen, d. h. politisch, über die Art, wie das Ministerium mit dem Könige umgeht.«
- 1854
Schreibt Bismarck am 25. Januar, er habe seinen »Rohrbecker Bauplan« geändert und lasse das Wohnhaus sofort in Angriff nehmen, statt Scheunen und Ställe – damit es »zu unserm politischen Begräbniß in Bereitschaft« stehe; Bismarck antwortet, ein Wohnhaus sei nicht so schnell gebaut (Briefwechsel 1893). Seine Urlaube verbringt er auf Rohrbeck. Am 31. Juli schreibt er von Rohrbeck aus an Hermann Wagener über den fehlenden Rückhalt beim Ministerpräsidenten von Manteuffel (Wagener, Erlebtes, 1885).
- 1855/56
Im November 1855 werden in Potsdam sein Bedienter und der des Kabinettsrats Niebuhr verhaftet: Sie hatten ihren Herren vertrauliche Papiere – angeblich über russische Kriegspläne – entwendet und an Agenten der Westmächte verkauft (Hallische Zeitung 20. November 1855). Der Vizedirektor der Oberrechnungskammer Seiffart wird 1856 wegen Mitwissens entlassen; im Oktober 1856 muss der General vor dem Kreisgericht Potsdam im Prozess gegen den Redakteur Lindenberg aussagen, der ihm einen bei dem Diebstahl verlorenen Brief geschrieben hatte (Westfälischer Merkur 30. September, Aachener Zeitung 23. Oktober 1856).
- 1856
Am 20. September begeht er »ganz in der Stille« auf Rohrbeck sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum; die Neue Preußische Zeitung nennt ihn einen der ausgezeichnetsten Generale des Heeres und »eine der hohen Säulen des wahren Preußenthums« (Dortmunder Kreisblatt 25. September 1856). Zum Jubiläum bittet er den König um die Versetzung in den Ruhestand – der König lehnt »mit Entschiedenheit« ab (Dresdner Journal 14. Oktober 1856). Im Dezember fehlt der Generaladjutant bei der Landtagseröffnung – er bleibt wegen der Krankheit seiner Tochter auf Rohrbeck (Aachener Zeitung 3. Dezember 1856).
- 1857
Nach längerem Aufenthalt auf Rohrbeck kehrt er Anfang Januar nach Berlin zurück (Hamburgischer Correspondent 10. Januar 1857); im Oktober, in den Tagen der Regentschaftsübernahme durch den Prinzen von Preußen, empfängt ihn der erkrankte König in Sanssouci (Magdeburgische Zeitung 27. Oktober 1857).
- 1858
Errichtet mit königlich bestätigter Urkunde eine Stiftung von 2.400 Talern »für die Ortschaften Rohrbeck und Nordhausen im Königsberger Kreise« unter Aufsicht des Johanniterordens (Berliner Revue, 11. Juli 1858) – der Beleg, dass Nordhausen schon ihm gehörte. Die Zinsen von 2.000 Talern sollen bedürftige Kranke und Sieche beider Dörfer in Kranken- und Siechenhäusern, vornehmlich des Johanniterordens, unterbringen oder ihnen ärztliche Behandlung zu Hause verschaffen; die Zinsen der übrigen 400 Taler bilden einen Reservefonds (Berliner Revue 11. Juli 1858).
- 1859
General der Infanterie.
- 1860/61
Sein Name steht auf der Karte des nordöstlichen Transvaal. Im Juli 1860 stellten Buren des Distrikts Lydenburg die Berliner Missionare Alexander Merensky und Heinrich Grützner dem Bakopa-Häuptling Maleo vor; am 14. August bezogen die beiden den verlassenen Bauernplatz Riet-Hoof. Die Station bekam den Namen Gerlachshoop, weil der eben verstorbene General wiederholt auf jene Gegend als aussichtsreiches Missionsfeld hingewiesen hatte. Sie war der Anfang der Berliner Mission in Transvaal. Ein Überfall der Swasi zerstörte sie im Spätherbst 1864; 1904 nahm die Gesellschaft den Platz wieder auf und übergab ihn 1909 dem Sotho-Pfarrer Jan Sekoto (Julius Richter, Geschichte der Berliner Missionsgesellschaft, 1924).
- 1861
Tod am 10. Januar in Sanssouci an einer Gesichtsrose, die er sich bei der Totenwache am Sarg Friedrich Wilhelms IV. zugezogen hatte. Nach einem Trauergottesdienst in der Friedenskirche bei Sanssouci (14. Januar) wird der Leichnam über Berlin und Angermünde nach Rohrbeck gebracht und am 17. Januar in der Familiengruft an der Seite Johannas beigesetzt; Ernst Ludwig, der einzige überlebende Bruder, begleitet ihn (Magdeburgische Zeitung 14. Januar, Bonner Zeitung 19. Januar 1861).
- 1891/92
Seine Tochter Agnes (1820–1901) gibt die »Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs« in zwei Bänden heraus – die Presse bespricht sie in Dutzenden Artikeln; 1893 folgt der Briefwechsel mit Bismarck. Agnes stirbt im Juni 1901 in Oschersleben.
- Nachlass
Seine Tagebücher 1809–1860 mit Reisebeilagen (St. Petersburg 1825–28, Wien, Warschau, Den Haag), die eigenhändige Handschrift »Rohrbeck. Beschreibung und Verwaltung durch uns« (rund 230 Seiten, 1830–1860) und Gutachten für den König liegen im Gerlach-Archiv Erlangen; Bismarcks Briefe an ihn erschienen 1893 (Briefwechsel) und 1912 (Kohl).
- Ein Wort seines Schwagers
Ernst Senfft von Pilsach, der Oberpräsident von Pommern, sagte einmal über ihn, in Sanssouci benehme er sich bei Hofe »wie ein kluges Kind«. Ernst Ludwig, der es überliefert, verlangte dann wohl, der Bruder möge sich auch wie ein kluger Mann benehmen – »er war lieber Kind als Mann«. Orden und dergleichen seien ihm lästig gewesen; sein kluges Kindergesicht aber sei unwiderstehlich gewesen und mitten bei Hofe eine wahre Erquickung. In Sanssouci, wo Senfft ihn so gesehen hatte, ist er 1861 gestorben.
- Sein Rechenschaftsbericht
An das Ende seiner Familiengeschichte, die er selbst den »Rechenschaftsbericht über die Vermögensverwaltung« nannte, setzte er eine Begründung dafür, warum Rohrbeck so lange ungeteilt blieb: »Ich wollte dadurch zeigen, auf welcher Grundlage die Einheit in unserer Familie, besonders in unserer Linie beruhte, indem nur dadurch die Behandlung des Vermögens und die bis jetzt fortgesetzte Gemeinschaft gerechtfertigt werden kann. Vermögen ist Nebensache, Staub unterm Fuße, der Fuß selbst und was über ihm ist Hauptsache.« Dass diese Einheit keine Einbildung sei, belegt er mit dem, was andere über die Brüder sagten – man warf sie in eins oder verwechselte sie, und, fügt er hinzu, sie freuten sich jedes Mal darüber.
- Vier Beispiele
Er zählt sie auf. Man schrieb Ludwig seine eigene Antwort an Kaiser Nikolaus zu, obwohl der Bruder den Kaiser nie gesehen hatte: Als dieser Louis Philippe als Bürgerkönig verspottete, hatte Leopold erwidert, Europa habe ihn doch anerkannt. Von ihm selbst sagte man 1848, er habe für Otto in der böhmischen Kirche gepredigt. Der Evangelische Oberkirchenrat zitierte 1857 in einem Bericht über die Ehescheidungen alle drei – Ludwig wegen seiner Abhandlung zum Eherecht, Otto wegen der verweigerten Trauungen, ihn selbst wegen eines Votums zum märkischen Provinzialrecht. Und die Pariser Blätter machten nach 1848 aus dem Generaladjutanten und dem Tribünenredner immer wieder eine einzige Person, um diese eine als einflussreich anzuklagen. Das Wort vom gleichen Sprechen, das die Denkwürdigkeiten einem ungenannten Freund zuschreiben, stammt hier von Leopold Stolberg, einem Freund Ottos.
- Was Petersdorff sammelte
Der Historiker Herman von Petersdorff, der über die Familie arbeitete, ließ sich von Agnes von Gerlach zuarbeiten. Sein Nachlass im Geheimen Staatsarchiv enthält unter Nummer 22 den Briefwechsel mit ihr aus den Jahren 1898 bis 1901 zur »Geschichte der von Gerlachs« – und darin, was sie ihm überließ: dreizehn Briefe Leopolds an seine Eltern aus den Jahren 1806 bis 1814, eine Handschrift »Unsere Familiengeschichte« ohne Datum und ein Manuskript »Die Schöpfung« (VI. HA, Nl Petersdorff, Nr. 22). Die dreizehn Briefe sind in keiner der gedruckten Ausgaben enthalten.