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Person record

Ludwig Friedrich Leopold von Gerlach

* 17 September 1790 · Berlin† 10 January 1861 · Sanssouci bei Potsdam
Ludwig Friedrich Leopold von Gerlach
Gender
male
Birth
17 September 1790 · Berlin
Death
10 January 1861 · Sanssouci bei Potsdam
Age
70 years

General der Infanterie, Generaladjutant Friedrich Wilhelms IV. Geboren am 17. September 1790 in Berlin, gestorben am 10. Januar 1861 in Sanssouci bei Potsdam. Zweiter der vier Brüder.

Sein Leben lässt sich an drei Orten erzählen. Am Hof war er der Mann, den der König rief, wenn er sich nicht entscheiden konnte – ein Ratgeber ohne Amt, gehört mehr als die meisten Minister. In der Politik stand er hinter der Kreuzzeitung und hielt an einer Ordnung fest, die er für gottgegeben hielt; über diese Frage zerstritt er sich mit Bismarck, den er selbst gefördert hatte. Und auf Rohrbeck, dem Gut seines Vaters, war er Gutsherr und schrieb abends auf, was er tagsüber gesehen hatte.

Was ein Ratgeber ohne Amt tatsächlich tat, lässt sich an einer Reise zeigen. Im Januar 1849 schickte ihn der König nach Schwerin – nicht als erster, denn am 7. Januar war schon General Bonin mit einem Brief dort gewesen, um den Grossherzog Friedrich Franz II. vor einer übereilten Auflösung der alten Stände zu warnen. Herzog Georg von Mecklenburg-Strelitz war damit nicht zufrieden und drängte so lange, bis der König auch Gerlach schickte, den der Herzog näher kannte. Über seinen Auftraggeber macht er sich im Tagebuch keine Illusionen: In der mecklenburgischen Sache sei der König »sehr lau« gewesen. Mehrere Tage blieb er, in Konferenzen mit dem Herzog und den Schweriner Kommissaren, und stellte gemeinsame Schritte Preussens und Österreichs bei der Frankfurter Nationalversammlung in Aussicht – »in vier Wochen stände vielleicht alles ganz anders«. Erreicht wurde eines: Der Grossherzog versprach, die Auflösung aufzuschieben. Nicht erreicht wurde das andere; der liberale Minister von Lützow blieb im Amt. Am 19. Januar bat Herzog Georg den König schriftlich, den General »möglichst bald« wieder zu schicken.

Dieses Tagebuch ist sein bleibendes Werk, auch wenn er es nicht dazu bestimmt hat. Seine Tochter Agnes gab es 1891 und 1892 in zwei Bänden heraus. Auf gut sechzehnhundert Seiten steht darin der preussische Hof von innen, Tag für Tag, mit allem, was er für richtig und was er für falsch hielt – auch dann, wenn es gegen ihn selbst spricht.

Wo er in Berlin wohnte, sagen die Adressbücher auf das Jahr. 1823 steht er als Major unter derselben Anschrift wie seine verwitwete Mutter und sein Bruder Gustav Wilhelm, »hinter der Katholischen Kirche« – hinter St. Hedwig. 1837 führt ihn das Buch als Oberstleutnant im Grossen Generalstab und Adjutanten des Prinzen Wilhelm in der Wilhelmstrasse 78 (der alphabetische Teil verschreibt 79). Nach einem Zwischenspiel in der Marienstrasse steht er vom 1. April 1843 an wieder dort, und dieselbe Anschrift trägt im Behördenteil die Kommandostelle der ersten Garde-Landwehr-Brigade, die er führte; das Haus gehörte 1837 den von Voss. Nebenan, in der 77, wohnte Fürst Radziwill – in dem Palais, das von 1875 an die Reichskanzlei war. Nach seinem Tod behielt sein Sohn Berndt die Wohnung.

Einmal hat ihn ein Diebstahl in die Zeitungen gebracht. Im Sommer 1855 schrieb ihm Emil Lindenberg, der Redakteur der »Patriotischen Zeitung« in Minden, unaufgefordert einen Brief über den Aufenthalt des Prinzen von Preussen – des späteren Kaisers Wilhelm I. – in Westfalen. Der Brief lobte den dortigen Regierungspräsidenten und empfahl ihn zur Auszeichnung; über den Prinzen stand Verletzendes darin, und der Schreiber redete den General als Mann »unserer Partei« an. Gerlach hatte ihn nicht bestellt, antwortete nicht und legte ihn beiseite.

Dann wurden aus seinem Haus und aus dem des Kabinettsrats Niebuhr Papiere gestohlen – der Vorgang, den die Presse den Potsdamer Depeschendiebstahl nannte; die beteiligten Diener sollen sich später in Amerika aufgehalten haben. Das Original des Briefes war verschwunden, eine Abschrift aber nicht: Der Vizepräsident der Oberrechnungskammer Seiffart gab vor Gericht selbst zu, sie dem Prinzen von Preussen anonym zugeschickt zu haben; am 4. Oktober 1856 wurde er disziplinarisch abgesetzt. Der Prinz drang auf ein öffentliches Verfahren.

Die Staatsanwaltschaft klagte Lindenberg wegen Beleidigung an. Der erste Termin am Kreisgericht Potsdam im September fiel aus, weil der Angeklagte nicht erschien; am 1. Oktober blieb der General fern – er war vorher von einer eigens bestellten Kommission vernommen worden. Seine Aussage war vorsichtig: Den Brief habe er empfangen, für den Sinn der vorliegenden Abschrift wolle er einstehen, für den einzelnen Wortlaut nicht. Am 21. Oktober 1856 verhandelte das Gericht unter beschränkter Öffentlichkeit – wer zuhören wollte, musste Namen und Stand angeben – und verurteilte Lindenberg zu neun Monaten Gefängnis und einem Jahr Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte; die Staatsanwaltschaft hatte ein Jahr beantragt.

Die Sache lief durch die halbe Presse Europas, von der Kölnischen und der Allgemeinen Zeitung bis zur »Presse belge« und den Rotterdamer Blättern, die den »generaal von Gerlach« wochenlang nannten. Der eigentliche Vorwurf, er habe sich Berichte über den Bruder des Königs erstatten lassen, wurde von keiner Seite bewiesen; die Kreuzzeitung bestritt jede Verbindung zwischen ihm und Lindenberg, und das Urteil stützte sich allein auf das Geständnis des Schreibers. In seinem Tagebuch heisst der Vorgang nicht Depeschendiebstahl, sondern schlicht »die Briefgeschichte«, und am 6. Dezember 1855 steht der Satz: »Die Briefgeschichte wächst mir über den Kopf.« Was ihn daran wirklich beschäftigte, war nicht der Diebstahl, sondern wer davon gelebt hat. Am 14. April 1856 zieht er die Summe: festzuhalten sei, »so trivial es auch klingt«, dass er und Niebuhr bestohlen worden seien, dass Tächen gestohlen habe – »mit den relativ unschuldigen Bedienten« –, dass Tächen vor oder bei dem Diebstahl als Spion gegen die Bestohlenen gebraucht worden sei und dass andere, allen voran der Polizeipräsident Hinckeldey, vom Diebstahl profitiert hätten. Im Januar hatte er es kürzer gefasst: »Man kann jetzt die dem Könige nahe stehenden Personen in zwei Parteien theilen, solche, denen Briefe gestohlen werden, und solche, die gestohlene Briefe lesen.« Die erste Gruppe zählt er auf – Gerlach, Niebuhr, Münster und den König selbst –, die zweite auch.

Aus derselben Stelle stammt eine Szene, die zwei Brüder auf einmal zeigt. Der König hatte eine Konferenz über den Prozess angesetzt und befohlen, auch Ludwig hinzuzuziehen. Der beurteilte die Bedienten so milde, dass nach Leopolds Worten »nur noch die Aufforderung gefehlt habe, ihnen das allgemeine Ehrenzeichen zu verleihen«, und behauptete obendrein, sein Bruder teile diese Ansicht. Da wandte sich Friedrich Wilhelm IV. an die Königin und sagte: »Da kannst Du sehen, wie die Gerlachs sind« – fügte aber hinzu, der zweite Teil von Ludwigs Vortrag sei ganz vortrefflich gewesen.

Geblieben ist das Bild eines Mannes, dessen Schreibtisch so nah am König stand, dass ein gestohlenes Blatt daraus einen Staatsskandal ergab. In denselben Monaten war er ohnehin selten am Hof: Seine Tochter Ulrike lag auf Rohrbeck todkrank, und er blieb bei ihr, bis sie am 17. Dezember 1856 starb.

Sein Tod hing mit dem seines Königs zusammen. Friedrich Wilhelm IV. starb am 2. Januar 1861. Bei der Wacht am Sarg hatte ihm der Druck des Helms eine Geschwulst am Kopf gemacht, und der Arzt verbot ihm den Leichenzug; er ging am 7. Januar bei grimmiger Kälte dennoch mit und starb drei Tage später, nach den Zeitungen »an einer rasch entwickelten Kopfrose« (Dresdner Journal, 13. Januar 1861). Er wurde auf Rohrbeck begraben, neben seiner Frau Johanna geborenen Gräfin von Küssow.

Quellen zum Depeschendiebstahl: Karlsruher Zeitung, 27. März 1856; Allgemeine Zeitung, 29. März 1856; Deutsche allgemeine Zeitung, 28. September, 1. und 8. Oktober 1856; Rhein- und Ruhrzeitung, 2. Oktober 1856; Der Beobachter, 3. Oktober 1856; Echo der Gegenwart, 21. Oktober 1856; Hallische Zeitung und Kölnische Zeitung, 22. Oktober 1856; dazu die niederländischen Berichte in Delpher und die Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 2, Seiten 387 und 414.

DREI SZENEN AUS FREMDEN AKTEN

• März 1815, Paris. Als Napoleon von Elba zurückkam, stand er als Premierleutnant und Adjutant des Generalmajors von Müffling im Hauptquartier des Grafen Kleist von Nollendorf in Aachen. Der General half sich in dem Gewirr der Gerüchte auf eigene Hand: Er schickte »Müfflings Adjutanten, den gewandten Leutnant v. Gerlach« nach Paris. Am 15. März war er dort – an diesem Tag meldete der preussische Gesandte von der Goltz nach Wien, Graf Kleist schicke ihm soeben einen Offizier. Am 16. März ging sein erster Bericht ab, der am 20. in Aachen eintraf: Napoleon noch in Lyon, der bessere Teil der Bürger bei den Bourbonen, zwanzigtausend Freiwillige in den Listen, Ludwig XVIII. entschlossen, die Hauptstadt bis aufs äusserste zu verteidigen, und er fürchte eine Einmischung der fremden Mächte mehr, als er sie wünsche. Er blieb, bis der Kaiser eingezogen war. Kleists Bericht an den König sagt es trocken: »Der Premierleutnant v. Gerlach, Adjudant des Generalmajors v. Müffling, den ich nach Paris gesendet hatte, ist gestern abend von daher zurückgekommen, nachdem er dort Napoleons Einzug und die Ereignisse des 21. März abgewartet.« In seinen eigenen Denkwürdigkeiten steht dazu nur der Bescheid, mit dem er zurückkehrte: »Alles jauchzt ihm entgegen und verlangt die Wiedereroberung des linken Rheinufers.«

• Herbst 1848, der Ministermacher. Am 26. September fasste er Kleist-Retzow als Minister ins Auge, am 30. schlug er ihn dem König geradezu vor. Am 7. Oktober schickte ihn Friedrich Wilhelm nach Breslau, um dem dort kommandierenden Grafen Brandenburg das Ministerium anzutragen; als Brandenburg nach Kollegen fragte, empfahl er wieder und in erster Linie Kleist, und zwar als Minister des Innern. Sein Bruder Ludwig fand, er habe den Schützling geradezu übermässig stark empfohlen. Kleist wich aus und schob seinen Pietismus vor. Das ernüchterte ihn: »Ich überzeugte mich, daß er bis jetzt nur als second zu brauchen wäre«, notierte er. Nach den Wahlen vom Februar 1849 schrieb er den Satz, der die Lage beschreibt: »Von zuverlässigen Leuten, die wir so nennen können, ist gewählt Bismarck, Kleist, ich will annehmen Professor Keller. Es wäre wichtig, diese in eine Kontreopposition zu organisieren.«

• 21. November 1850, Olmütz. Bismarck und Kleist erklärten ihm, ein Nachgeben in der hessischen Frage sei mit der preussischen Ehre unvereinbar; Kassel müsse gehalten werden, notfalls mit Krieg. »Ich wurde ganz heftig«, schrieb er in sein Tagebuch, »da ich mich nun auf der Bresche von allen verlassen sehe.« Wie es im Hause aussah, weiss man aus dritter Hand: Seine Tochter Agnes, damals dreissig, erzählte tags darauf ihrem Onkel Ludwig, Bismarck und Kleist hätten sich mit ihrem Vater »gezankt«. Am 7. Januar 1851 zählte er grollend durch, wer ihm geblieben war: »Stahl, Bismarck, Kleist schwankend, Bodelschwingh entschieden für den Krieg, Hengstenberg auch, imitatorum turbam nicht zu nennen, selbst Niebuhr schwankend. Wer blieb denn hier übrig? Die drei Minister, ich, Edwin Manteuffel, Ludwig und dann die Königin.«

Man sollte dabei aussprechen, wie die Rollen an diesem Tag verteilt waren: 1850 war Bismarck der Ungeduldige, der wegen Kurhessen den Krieg wollte, und der Generaladjutant der, der zurückhielt. Sieben Jahre später, im Streit über den Bonapartismus, stand es umgekehrt.

DER RUF, DER AN IHM HING

Sein Pietismus war in der Politik ein Hindernis, und zwar ein handfestes. 1847 wollten mehrere Geldgeber eines geplanten konservativen Blattes, wie Bismarck dem Bruder erzählte, »bei Leopold nicht einmal zusammenkommen wegen Leopolds pietistischen Rufes«. Der Kriegsminister von Stockhausen erklärte ihm 1850 rundheraus alle Pietisten für unmöglich, als es um Kleists Ernennung ging; er arbeitete dem beim Generaladjutanten von Rauch mit der Bemerkung entgegen, bald werde man ohne die Pietisten nicht fertig werden. Und als Kleist dem Prinzen von Preussen gegenüber für die Frommen eingetreten war, notierte er nur: »Warum hat Kleist dem Prinzen nicht gesagt, daß die Pietisten ihm treu geblieben sind, als die Freimaurer ihn verließen?«

Wie nah er dem König stand, zeigt ein Satz, den Friedrich Wilhelm IV. mitten in der Ministerkrise vom November 1850 zu ihm sagte: »Einen auswärtigen Minister schlägt man mir nicht vor, einen Ackerbauminister Kleist will man nicht, was soll ich machen?«

Quellen des Nachtrags: Julius von Pflugk-Harttung, Das preussische Heer und die norddeutschen Bundestruppen unter General v. Kleist 1815, Gotha 1911, S. 11 f. und 19 f.; Herman von Petersdorff, Kleist-Retzow. Ein Lebensbild, Stuttgart und Berlin 1907.

WIE ER ES MIT DEM DUELL HIELT

Zu diesem Verhältnis gehörte auch die Seelsorge, und einmal hat er sich dabei gegen einen Geistlichen gestellt. Im März 1852 sollte Bismarck sich mit Georg von Vincke schiessen. Der Prediger Carl Büchsel verweigerte ihm vorher das Abendmahl; Hans von Kleist-Retzow redete ihm vergeblich zu. Der Generaladjutant, selbst ein frommer Mann, nahm gegen den Geistlichen Partei: »ich kann das nicht richtig finden, er ist im Stande der Nothwehr und gerechten Krieges«. Zugleich schrieb er noch am selben Morgen an zwei Seiten – an Alvensleben, damit dieser auf Vinckes Schwiegervater einwirke, und an Eberhard Stolberg, Bismarcks Sekundanten –, um das Duell doch noch abzuwenden.
Es kam trotzdem dazu, am 25. März 1852, und niemand wurde getroffen. Büchsel gab schliesslich nach: »Büchsel hat ihm das heilige Abendmahl am Tage vorher Morgens gereicht, und er hat vor dem ersten Schuß ein Gebet gesprochen. Auf Vincke soll dies doch Eindruck gemacht haben.«
Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 1, Berlin 1891, S. 746 f. (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570990, Aufnahmen 00754 und 00755).

Wo seine Richtung herkommt, weiss man genauer. Von 1816 an wieder in Berlin, gehörte er mit seinen Brüdern Wilhelm und Ludwig zu einer wöchentlichen Abendgesellschaft, die in einem Speisehaus an der Schlossfreiheit soupierte; der Wirt hiess Mai, daher der Name »Maikäferei«. Stehende Mitglieder waren nach Ludwigs Aufzeichnungen die drei Brüder, Carl von Voss, Carl Rappard, Bülow, Goetze, Clemens Brentano, Cajus Stolberg, Graf Stosch und Brentanos Freund Otto; Adolf von Thadden stand in loserer Verbindung, Albrecht von Alvensleben, der spätere Minister, nur am Rand. Man pflegte patriotisch-romantische Dichtung – Brentano dichtete und sang, Goetze komponierte – und dazwischen »Hallersche antirevolutionäre Politik«; das pietistische Element war, so Ludwig, »anfänglich fast gar nicht vertreten«. Die Seite der Familie von Alvensleben setzt die Gründung durch Brentano auf den Dezember 1814 und zählt auch den Dichter Karl Thorbecke dazu.

Quellen des Nachtrags: Aufzeichnungen aus dem Leben und Wirken Ernst Ludwigs von Gerlach, Bd. 1, Schwerin 1903, S. 94 f.; Familie von Alvensleben e. V., Seite zur Maikäferei.

DIE NACHT, IN DER DAS HERRENHAUS ENTSTAND

Anfang Januar 1850 stritt Preussen darüber, ob die revidierte Verfassung eine oder zwei Kammern haben solle und wie die erste zusammenzusetzen sei. Der König wollte den Eid auf die Verfassung von Bedingungen abhängig machen; der Ministerpräsident wollte eine Botschaft einbringen. Kleist-Retzow hatte die Idee, mit Hilfe zweier Kammern leichter zu einem Herrenhaus zu kommen, und lief damit zu ihm.

Er fand die Beweisführung »schlagend« – so sein eigenes Tagebuch – und begab sich schleunigst mit Kleist zu seinem Bruder Ludwig, wo man auch Bismarck antraf. Der Präsident fand die Idee ebenfalls vortrefflich. Am Nachmittag machten sich die beiden Brüder mit Kleist auf den Weg nach Potsdam. Als Generaladjutant führte er Kleist und den eigenen Bruder beim König ein und blieb dann still: In der zweistündigen Verhandlung spielte er nur die Rolle eines Zuhörers, und die Erregtheit seines Herrn bedrückte ihn. Was er notierte, ist das Lob eines Mannes, der das Handwerk kannte: »Kleist benahm sich vortrefflich, kam immer wieder auf seinen Auftrag zurück, vermittelte, demonstrierte u. s. w.« Sein Bruder Ludwig half auf seine Art, indem er dem König »mit stolzem Freimut« widersprach.

Am Ende entwarf Friedrich Wilhelm selbst die Fassung des Artikels über die erste Kammer – die allgemeinen Normen des späteren Herrenhauses. In der neunten Abendstunde ritten Kleist und der Präsident zur Bahn und erreichten sie knapp; um zwei Uhr nachts erstattete Kleist dem Bruder Bericht. Die königliche Botschaft wurde um zwei Tage verschoben.

Es ist eine der wenigen Szenen, in denen die drei Männer – der Generaladjutant, der Gerichtspräsident und ihr Schüler – gemeinsam und nachweisbar etwas bewirkt haben, das Bestand hatte: Das Preussische Herrenhaus hat in diesem Abend eine seiner Wurzeln.

EIN AKTENSTÜCK GEGEN STIEBER

Wie weit sein Einfluss hinter den Kulissen reichte, zeigt eine kleine Sache von 1853. Der Generaldirektor der Polizei Hinckeldey wollte Wilhelm Stieber, den späteren Chef des preussischen Nachrichtendienstes, als Polizeipräsidenten nach Köln bringen. Kleist-Retzow, damals Oberpräsident der Rheinprovinz, ging zu Hinckeldey und redete ihm das aus – »mit dem Material, das ihm der General v. Gerlach gegen Stieber zur Verfügung stellen konnte«.

Quelle des Nachtrags: Herman von Petersdorff, Kleist-Retzow. Ein Lebensbild, Stuttgart und Berlin 1907, S. 77 f. und S. 128, nach den Tagebüchern Leopolds von Gerlach.

WO ER IN BERLIN WOHNTE

Bis er sechsundvierzig war, wohnte er im Haus hinter der katholischen Kirche, das 1801 seinem Vater gehört hatte. Das Adressbuch von 1823 führt ihn als Major »hinter der Katholischen Kirche 1«, unter derselben Nummer die Mutter und der Bruder Wilhelm. Zwölf Jahre später steht er noch immer dort, mit dem vollen Titel, den ihm die Stellung beim Prinzen gab: »Major im Großen Generalstabe und Adjutant Sr. Königlichen Hoheit des Prinzen Wilhelm, Sohn Sr. Majestät«, hinter der katholischen Kirche 1. Im selben Haus wohnte damals der Bruder Otto, Lizentiat der Theologie und Privatdozent. 1836 ist er der letzte der Familie, der dort noch verzeichnet ist; das Haus ist da ein Mietshaus mit zehn Parteien.

1837 ist er fort. Der Band dieses Jahres führt ihn als Oberstleutnant in der Wilhelmstrasse – der Strassenteil unter Nummer 78, der alphabetische Teil unter 79 –, und die Nachbarschaft ist die eines Mannes, der bei Hofe Dienst tut. Im Hause 77, das der Fürstin Radziwill gehörte, wohnen zwei Fürsten Radziwill, der Fürst Czartoryski, ein Fräulein von Langen als Hofdame, ein geheimer Regierungsrat und der Premierleutnant von Wildenbruch. Sein eigenes Haus, die 78, gehört den von Voß – ein Landrat ausser Dienst und ein Geheimer Oberjustizrat tragen dort das Eigentumszeichen –, und ausser ihnen wohnen darin ein Hofrat, der hannoversche Gesandte und bevollmächtigte Minister von Münchhausen, eine Gräfin Reale als Hofdame, ein geheimer Kanzleiinspektor und ein geheimer expedierender Sekretär.

Unter dieser Anschrift steht er, mit einer Unterbrechung in der Marienstrasse, bis zu seinem Tod. 1843 ist er »Oberst und Kommandeur der 1. Garde-Landwehr-Brigade, Marienstraße 17, vom 1. April Wilhelmsstraße 78«; 1845 Generalmajor, 1856 Generalleutnant, 1861 »General der Infanterie« – die Hausnummer ändert sich nicht mehr. Die Adressbücher führen die Brigade eigens auf: »Erste Garde-Landwehr-Brigade, Kommando Wilhelmsstraße 78, s. v. Gerlach, Generalmajor.« Sein Dienst und seine Wohnung waren dieselbe Tür.

Quelle des Nachtrags: Berliner Adressbücher 1823, 1835 bis 1838, 1843 bis 1849, 1856 und 1861, Digitalisate der Zentral- und Landesbibliothek Berlin.

EINE KRANKENSTUBE IST BESSER ALS EIN SALON

Im April 1837 zeigt ihn eine Stelle in den Aufzeichnungen seines Bruders von einer Seite, die der Generaladjutant sonst nicht zeigt. Sein jüngster Bruder Otto lag in Berlin mit Nervenfieber und Gehirnentzündung lebensgefährlich krank, in Frankfurt an der Oder starben zwei Neffen am Scharlachfieber. Er nahm »an allen diesen schweren Leiden auch durch sehr viele Nachtwachen bei Otto und an unserm Frankfurter Jammer so lebhaft und tätig« teil – ein Mann im Dienst des Königs, der die Nächte am Krankenbett seines Bruders verbrachte.

Als es überstanden war, schrieb er dem Bruder zwei Sätze, die zeigen, wie ihm sein Beruf zu Gemüte ging. Am 24. April: »Betrübt ist für mich, daß jetzt das alte Leben wieder beginnt mit dem Hofe u. s. w. Die Welt ist doch sehr schwer zu ertragen, wenn man erst praktisch gefühlt hat, daß man nicht darin zu Hause gehört.« Und am 26. April: »Jetzt, wo die nächste Not aufhört, bricht die Welt mit Diners und Soireen wieder auf mich ein. Eine Krankenstube ist besser als ein Salon. Halte Dich aufrecht und sieh das Handeln in dieser Welt als ein Dir auferlegtes Kreuz an.«

Quelle des Nachtrags: Ernst Ludwig von Gerlach, Aufzeichnungen aus seinem Leben und Wirken 1795–1877, Schwerin 1903, Band 1, S. 238 f.

ER SCHICKTE BISMARCK NACH FRANKFURT

Die Entscheidung, aus der Bismarcks Laufbahn hervorging, war seine. Im April 1851 suchte Preussen einen Mann für den wiederhergestellten Bundestag in Frankfurt: geschickt, zuverlässig, ohne diplomatische Bindungen, der Kamarilla verpflichtet, österreichfreundlich – und doch mit steifem Rückgrat gegenüber Wien. Alvensleben, den man zuerst fragte, lehnte rundweg ab. Da hatte der Generaladjutant seinen Einfall: einen vorläufigen Bevollmächtigten hinschicken und ihm einen Gehilfen beigeben, der ihn ersetzen würde, wenn er sich bewährte. Für diesen zweiten Platz nannte er Bismarck.

Bedenken hatte er auch: Der Mann schien ihm noch etwas hitzig und von der Politik Radowitz’ nicht genug gelöst. Aber man werde ihn aus der Nähe verfolgen, mit gutem Rat in Briefen – und genau das ist dann geschehen. Der Briefwechsel des Generals mit Bismarck aus den Frankfurter Jahren, zuerst 1893 als »Briefwechsel« gedruckt und dann 1896 und 1912 von Horst Kohl nach den Originalen neu herausgegeben, ist die Ausführung dieses Plans.

Er nannte den Namen dem König, ohne dass Bismarck selbst davon wusste. Erst auf einer Reise durch Pommern erfuhr dieser von Freunden das Gerücht seiner Ernennung.

Der französische Historiker Paul Matter, der das 1905 aufschrieb, belegt es mit dem Tagebuch des Generals unter dem 16., 17. und 23. April 1851. Matter referiert diesen Band der Denkwürdigkeiten auf Französisch.

Wie knapp die Sache war, steht in seinem eigenen Tagebuch. Im April 1851, wenige Tage vor der Ernennung, notierte er, der Artikel der Kreuzzeitung über Prokesch und Radowitz, der den König so sehr geärgert hatte, sei »ein Fragment einer ungehaltenen Rede Bismarcks« gewesen, worin dieser die ganze Radowitzsche Politik angreifen wollte – »eine Rede, die wahrscheinlich seine Anstellung in Frankfurt unmöglich gemacht hätte«. Im selben Eintrag steht der Satz, mit dem er die Urheberschaft für sich behält: »Rochow und Bismarck gehen nun nach Frankfurt; auf Rochow ist der König, auf Bismarck bin ich gekommen.« Sechs Wochen später hörte er das Lob dafür und wies es zurück. »Ludwig nennt die Anstellung Bismarcks, die doch ganz mein Werk ist, eine großartige Maßregel. Dies Lob ist unverdient, aber auch vieler Tadel. Das einzige Verdienst ist, daß man consequent seinen Weg wandelt, wodurch man in Wahrheit viele Dinge bewirkt, die man in keiner Weise behaupten kann, gethan zu haben.« Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 1, Berlin 1891, S. 620 und S. 637 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570990, Aufnahmen 00628 und 00645).

AN DER TÜR

Wie nah er dem König war, zeigt eine andere Stelle. Am 2. November 1850, in den Tagen vor Olmütz, beriet der König mit dem Prinzen von Preussen und den Ministern, und Gerlach notierte: »Die Conferenz begann in gewöhnlicher Art, so daß man den König durch die Thüre viel allein reden hörte.« (Denkwürdigkeiten, Bd. 1, S. 549.)

Quelle des Nachtrags: Paul Matter, Bismarck et son temps, Band 1, Paris 1905, Kapitel über Olmütz und über die Wiederherstellung des Bundestags – Matter belegt beides mit Leopold von Gerlachs Denkwürdigkeiten, Band 1, S. 549 (Tagebuch vom 2. November 1850) und S. 618 f. (16., 17. und 23. April 1851). Digitalisat der Jagiellonischen Bibliothek Krakau, gemeinfrei; das Digitalisat trägt keine auslesbaren Seitenzahlen.

WER SCHWIMMEN LERNEN WILL

Gegen seinen Vorschlag, Bismarck nach Frankfurt zu schicken, wurde eingewandt, der Mann sei zu jung und zu unerfahren. Was er darauf antwortete, steht in seinem Tagebuch vom 9. Juli 1851 und liest sich wie ein Satz, den man sich merkt: Wer schwimmen lernen wolle, müsse ins Wasser springen; man kümmere sich viel zu viel um Personenfragen. Der französische Historiker, der die Stelle zitiert, nennt sie »sentenziös« – aber sie hat sich bewährt.

DAS JAHR 1854

Der Krimkrieg war die Zeit, in der er am meisten galt und am wenigsten geschrieben worden ist. Zwei Stücke zeigen, was er tat.

Das erste steht in einer Warschauer Zeitung. Zwei Tage nach dem preussisch-österreichischen Bündnisvertrag vom 20. April 1854 meldete der »Kurjer Warszawski«, der Ministerpräsident von Manteuffel, der österreichische Feldzeugmeister Heß und die Generale von der Groeben und von Gerlach hätten die besonderen Bedingungen der Ausführung dieses Vertrages verhandelt. Der Generaladjutant sass also mit am Tisch, an dem aus dem Vertrag eine Militärkonvention werden sollte.

Das zweite steht in Bismarcks Post. Im November 1854 bereitete Berlin eine Zusatzkonvention vor, die das Bündnis mit Österreich erweiterte – für die russische Partei bei Hofe eine Niederlage. Bismarck erfuhr davon, bevor sie unterzeichnet war, und zwar »insgeheim durch den General von Gerlach«, wie der Historiker schreibt, der die Briefe ausgewertet hat. Am 22. November schrieb Bismarck zurück: Österreich habe Preussen 1850 mit russischen Bajonetten geschreckt und 1854 mit französischen, bis Preussen seinen Willen tue. Der Briefwechsel, den der General 1851 als Mittel gedacht hatte, seinen Schützling zu leiten, lief inzwischen auch in die andere Richtung: Er warnte ihn vor dem eigenen Hof.

Quelle des Nachtrags: Paul Matter, Bismarck et son temps, Band 1, Paris 1905, nach Leopold von Gerlachs Denkwürdigkeiten, Band 1, S. 648 (Tagebuch vom 9. Juli 1851), und nach Bismarcks Brief an Gerlach vom 22. November 1854 (Horst Kohl, Bismarcks Briefe an den General Leopold von Gerlach, 1896, S. 178); Kurjer Warszawski Nr. 106 vom 22. April 1854, Digitalisat der Jagiellonischen Bibliothek Krakau. Matter referiert auf Französisch, der Kurjer auf Polnisch; beide Sätze stehen hier in eigener Formulierung.

DER ÄLTERE BRUDER IM FRANZÖSISCHEN NACHSCHLAGEWERK

Gustave Vapereaus »Dictionnaire universel des contemporains« behandelt ihn 1861 als Anhängsel seines Bruders – der Artikel steht unter Ernst Ludwig, und er beginnt mit »Son frère aîné«, sein älterer Bruder. Was dort steht, ist militärisch und knapp.

Er habe seine ersten Waffen bei Auerstedt im Jahre 1806 geführt – mit sechzehn, in der Schlacht, die Preussen verlor. Er habe unter Blücher am Feldzug von 1814 teilgenommen und sei im Jahr darauf in den Generalstab eingetreten. 1824 wurde er Adjutant eines preussischen Prinzen, den das Buch »prince Louis« nennt; 1838 Oberst und Chef des Generalstabs des zweiten Armeekorps (richtig: des III. Armeekorps in Berlin – das Militär-Wochenblatt vom 7. April 1838 meldet die Ernennung des Oberstleutnants v. Gerlach vom Grossen Generalstab »zum Chef vom Gen. Stabe des 3. Armeecorps«), 1849 Generalleutnant und Generaladjutant.

Der Schlusssatz des Artikels ist der ganze Ruf der beiden Brüder in einer Zeile: »M. Léopold de Gerlach partage les idées politiques et religieuses de son frère« – Herr Leopold von Gerlach teilt die politischen und religiösen Anschauungen seines Bruders. In Paris wusste man nicht, wer von beiden der andere war.

Quelle des Nachtrags: Gustave Vapereau, Dictionnaire universel des contemporains, Paris 1861, S. 730 (Digitalisat im Internet Archive, gemeinfrei).

DAS FEHLENDE PETITUM, MAI 1856

Ein Jahr vor dem berühmten Briefwechsel von 1857 steht der ganze Streit schon in einem Nebensatz. Bismarck hatte am 26. April 1856 einen langen Bericht über die allgemeine Lage nach Berlin geschickt; die Ausgabe nennt ihn den »prächtigen« Bericht. Am 10. Mai schreibt Bismarck an den Minister und begründet, warum er noch einmal auf dasselbe Thema zurückkommt: »Der General von Gerlach schreibt mir, er finde meine Darlegung unvollständig, da ihr ein petitum fehle, eine klar formulierte Meinung darüber, was nach meiner Ansicht zu tun wäre.«

Ein petitum ist ein juristisches Wort: der Antrag, mit dem eine Schrift schliesst. Er verlangte von seinem Schützling also nicht mehr Analyse, sondern eine Forderung – man solle sagen, was man wolle. Bismarcks Antwort steht unmittelbar daneben, und sie ist das Gegenteil: Am Ende des Berichts habe ihm die Zeit gefehlt, sonst hätte er noch deutlicher gezeigt, dass die Lage es gerade verbiete, die eigene Politik durch Entschlüsse oder auch nur durch Versprechen festzulegen, bevor man über die Absichten der anderen Mächte besser unterrichtet sei – »denn sobald wir uns ausgesprochen haben, hören wir auf, für die anderen interessant zu sein«.

Das ist, fünfzehn Jahre vor der Reichsgründung und ein Jahr vor dem Bruch, der Unterschied in zwei Sätzen: hier der Grundsatz, der einen Antrag verlangt, dort die freie Hand, die sich keinen gibt.

Quelle des Nachtrags: Correspondance diplomatique de M. de Bismarck (1851–1859), Paris 1883, Band 2, Dokument 48 vom 10. Mai 1856, S. 173 (Digitalisat im Internet Archive, gemeinfrei; Übersetzung eigen).

WIE WIEN AN DEN KÖNIG WOLLTE, 1853

Wie Wien ihn zu benutzen versuchte und wie Bismarck das unterband, steht in einem Bericht aus Frankfurt vom Frühjahr 1853. Es ging um die Bundesfestungen Ulm und Rastatt. Bismarck legt dem Minister die Abschrift eines noch unfertigen Briefes bei, den er gerade an ihn schreibt, und begründet, warum: Der österreichische Gesandte Prokesch habe ihm gesagt, Graf Thun habe die Sache mehrfach mit »Herrn von Gerlach« besprochen; deshalb habe er es für nützlich gehalten, diesen zu warnen, »sich nicht zu weit vorzuwagen und nicht glauben zu machen, die Ansichten Seiner Majestät des Königs seien in dieser Sache nachgiebiger als die des Kabinetts«. Und dann der Satz, um den es geht: Gewisse Äusserungen Prokeschs liessen ihn vermuten, »dass man sich mit der Hoffnung schmeichelt, den Widerstand, den man bei unserer Regierung finden könnte, dadurch zu überwinden, dass man unmittelbar auf den König einwirkt«.

Der Generaladjutant war also die Tür, durch die man an Friedrich Wilhelm IV. herankam, wenn das Ministerium nicht mitspielte – und Wien wusste das. Bismarck, damals noch sein Schützling, schrieb ihm sofort und schloss sie.

Quelle des Nachtrags: Correspondance diplomatique de M. de Bismarck (1851–1859), Paris 1883, Band 1, S. 125 (Digitalisat im Internet Archive, gemeinfrei; Übersetzung eigen).

DUMMHEITEN, 7. JANUAR 1855

Der Bruch der beiden wird gewöhnlich auf 1857 datiert, auf den Briefwechsel über den Bonapartismus. Der Ton ist zwei Jahre älter.

Am 7. Januar 1855 schreibt Bismarck an den Ministerpräsidenten und weist einen Verdacht des Königs zurück: Die Annahme Seiner Majestät, der Gedanke, Preussen müsse seine zurückgedrängte Lage hinnehmen, sei ihm von Gerlach eingegeben worden, treffe nicht zu. Er habe schon länger keinen Brief von ihm gehabt, seit Anfang Dezember wohl. Und dann: »Er hat mir erst vorgestern geschrieben, um mir Dummheiten zu sagen, weil er mich des Bonapartismus verdächtigte. Danach hat er zwar dieselben Ansichten entwickelt wie ich, aber hinzugefügt, Seine Majestät teile sie nicht.«

Zwei Dinge stehen in dem Absatz. Erstens: Der König selbst hielt es für möglich, dass sein Generaladjutant dem Gesandten in Frankfurt die Gedanken eingab – so genau kannte man den Kanal zwischen den beiden. Und zweitens: Am 5. Januar 1855 schrieb Leopold von Gerlach einen Brief, in dem er seinen Schützling des Bonapartismus verdächtigte, und der Schützling nannte das gegenüber dem Ministerpräsidenten Dummheiten. Der berühmte Streit hatte da schon angefangen.

Quelle des Nachtrags: Correspondance diplomatique de M. de Bismarck (1851–1859), Paris 1883, Band 1, Dokument 97, Brief vom 7. Januar 1855, S. 367 f. (Digitalisat im Internet Archive, gemeinfrei; Übersetzung eigen).

WER DIE KREUZZEITUNG GEGRÜNDET HAT – EINE FRANZÖSISCHE VERWECHSLUNG

Zwei französische Nachschlagewerke geben auf dieselbe Frage zwei Antworten, und beide nennen einen Gerlach.

Die »Grande Encyclopédie« schreibt dem Bruder zu, er habe 1849 als Präsident des Oberlandesgerichts Magdeburg die Neue Preußische Zeitung gegründet. Der Larousse des zwanzigsten Jahrhunderts schreibt es ihm zu: Die Zeitung sei »1848, mitten in der Revolution, vom General von Gerlach, Otto von Bismarck, dem künftigen Kanzler, und einigen Junkern der äußersten konservativen Rechten gegründet« worden.

Wer die Zeitung wirklich gegründet hat, entscheiden diese Bücher nicht. Bemerkenswert ist, dass der Larousse den Generaladjutanten an die erste Stelle setzt – vor Bismarck.

Der Larousse hängt der Zeitung noch einen Satz an, der über 1848 weit hinausreicht: Sie sei im Kaiserreich »das Hauptorgan der aristokratischen und rechtgläubig protestantischen Partei« gewesen und in der Republik das der »deutschnationalen« Partei geblieben, »die ihr Erbe ist«. Das Blatt, das er mitgegründet haben soll, und die deutschnationale Partei stehen in diesem Lexikon in einer Zeile.

Quelle des Nachtrags: La grande encyclopédie, Paris 1885–1902; Larousse du XXe siècle, Band 3, Paris 1928–1933, Artikel »Gerlach« und »Gazette de la Croix« (Digitalisate der Bibliothèque nationale de France, gemeinfrei; Übersetzungen eigen).

DAS DINER IM MIELENZSCHEN SAALE, 9. AUGUST 1846

Eine kleine Szene, die ihn und seinen Bruder besser zeigt als manche Akte. Im Sommer 1846 war Johanna von Puttkamer mit den Thaddens und den Blanckenburgs in Berlin; am 9. August, einem Sonntag, sass die Gesellschaft samt Bismarck bei einem Diner im Mielenzschen Saale. »Leopold lernte Bismarck hier zuerst kennen«, notierte der Bruder (Aufzeichnungen, Bd. 1, 1903, S. 451).

»Das scharfe Auge des Generals Leopold v. Gerlach«, schreibt der Stettiner Archivar, der die Geschichte 1903 erzählte, »merkte … sofort, dass hier etwas im Werden war, und neckte seinen Bruder Ludwig, weil der nichts ahnend dabei gesessen hatte.« Der Präsident, der sonst die Menschen durchschaute, hatte die Verlobung nicht kommen sehen, die gut fünf Monate später Wirklichkeit wurde – und der Bruder liess es ihn spüren.

EIN BRIEF AUS STOLPMÜNDE, 25. AUGUST 1856

Bismarck schrieb ihm nicht nur über Politik. Er fuhr mehrmals ins Seebad Stolpmünde, 1848, 1849, 1852, 1856 und 1861 – »Küstenhering machen« nannte er das –, und am 25. August 1856 schilderte der Bundestagsgesandte dem General, wie ein solcher Tag verlief:

»Wenn ich um neun Uhr in einem Wasser von selten über zehn Grad Réaumur gebadet habe, so muss ich natürlich um zehn frühstücken, um elf ausreiten, und wenn ich dann um zwei zum Essen komme, so gebe ich mich dieser Funktion so rückhaltlos hin, dass ich den torporem der Sättigung um vier Uhr mit Aufwendung aller Energie meines Charakters soweit überwinde, um mich in ein Segelboot zu versetzen« – und abends in eine Geselligkeit, »welche von einigen Dutzend Damen, die man nach Belieben entweder Puttkamer oder Zitzewitz nennt, durch Gesang und Tanz erheitert wird. Die Damen singen besser als sie tanzen; merkwürdig ist, dass sie unverkennbar den Männern nach allen Seiten hin geistig überlegen sind. Vielleicht ist das aber nicht bloss in Pommern so.«

In einem anderen Brief an ihn zitiert Bismarck den Faust, um die Stille von Reinfeld zu beschreiben: »Wenn aus dem schrecklichen Gewühle ein süss bekannter Ton mich zog.«

Quelle des Nachtrags: Herman von Petersdorff, Bismarck in Pommern, in: Baltische Studien, Neue Folge Band VII (Stettin 1903), S. 206 und S. 213 f.

WAS IM HAUSARCHIV LIEGT

1936 erschien eine gedruckte Übersicht über die Bestände des Brandenburg-Preußischen Hausarchivs zu Berlin-Charlottenburg, und die pommersche Landeszeitschrift besprach sie mit Blick auf die eigene Provinz. Unter dem, was das Hausarchiv für Pommern hergibt, steht an erster Stelle: »die Korrespondenz einzelner bedeutender Pommern mit ihrem königlichen Herren, z. B. die des Generals Leopold v. Gerlach und des Oberpräsidenten von Senfft-Pilsach mit Friedrich Wilhelm IV. (Rep. 50, 192)«.

Damit hat sein Briefwechsel mit dem König eine Signatur. Ob der Bestand den Krieg überstanden hat und wo er heute liegt, ist von hier aus nicht zu sagen; das Hausarchiv wurde 1945 ausgelagert und ist nur teilweise zurückgekehrt.

Quelle des Nachtrags: Besprechung der »Übersicht über die Bestände des Brandenburg-Preußischen Hausarchivs zu Berlin-Charlottenburg« (Mitteilungen der preussischen Archivverwaltung, Heft 27, Leipzig 1936), in: Baltische Studien, Neue Folge Band XXXVIII (1936).

STETTIN, 1936

Der Weg seiner Papiere hat eine Station mehr. Ein Archiv-Sonderheft der pommerschen Landeszeitschrift zählt im April 1938 auf, welche Adelsarchive das Stettiner Staatsarchiv in den Jahren zuvor als Depositum aufgenommen hatte, und nennt unter der Repositur 38d drei Gerlachsche Hinterlegungen: v. Gerlach-Parsow (1931), v. Gerlach-Nordhausen (1929) und v. Gerlach-Berchtesgaden (1936). Zur letzten setzt der Bericht eine Klammer, die keinen Zweifel lässt, worum es sich handelt: »mit den für die allgemeine preußische Geschichte höchst bedeutenden Nachlässen der Gebrüder Ludwig, Leopold und Otto v. Gerlach und wichtigen Korrespondenzen aus der Zeit der preußischen Erneuerung zu Anfang des vorigen Jahrhunderts – vor allem Beymes«.

Die Papiere der drei Brüder lagen also von 1936 an in Stettin. Ein Depositum bleibt Eigentum dessen, der es hinterlegt; zurückholen konnte die Familie es jederzeit. 1954 kam der Bestand auf Betreiben von Hans-Joachim Schoeps an die Universität Erlangen (so die Seite des Gerlach-Archivs der Universität und die Bestandsbeschreibung in Kalliope); zwischen beiden Daten liegt der Krieg, und was in diesen Jahren mit den Kisten geschah, sagt keine der hier benutzten Quellen.

Bemerkenswert ist auch, was mit hinterlegt wurde: Korrespondenzen aus der Zeit der preussischen Reformen, »vor allem Beymes«.

Quelle des Nachtrags: Adolf Diestelkamp, Das Staatsarchiv Stettin seit dem Weltkriege, in: Monatsblätter der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde, 52. Jahrgang Nr. 4 (April 1938), S. 77.

DER LETZTE TAG

Die Neue Preußische Zeitung, nachgedruckt in der Magdeburgischen, berichtete: Er verschied am 10. Januar 1861 »Nachmittags 2¼ Uhr« auf Sanssouci; die Königin-Witwe Elisabeth und die Grossherzogin Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin hatten ihn um zwei Uhr besuchen wollen »und kamen – um bei seinem letzten Athemzuge gegenwärtig zu sein«. Die Schlussschrift seiner Tochter setzt es eine halbe Stunde später: um halb drei sei die Königin gekommen, um drei Uhr habe der Atem aufgehört (Denkwürdigkeiten, Bd. 2, S. 770). Kurz zuvor hatte er eine schwere Krankheit überstanden und dann als Generaladjutant vom Dienst den Ehrendienst am Sarg des Königs mit versehen. Das Handbuch des Preußischen Adels von 1893 gibt seine Geburt mit 1791 und seinen Tod mit dem 8. Januar 1861 an; beides ist falsch, wie die Familienpapiere und die Zeitungen zeigen. 1837 sass er als Deputierter im Brandenburgischen Provinziallandtag (»Oberstlieutenant von Gerlach zu Berlin«), und am 18. Januar 1858 folgte er in Potsdam dem Sarg Friedrich Magnus von Bassewitz’, des Mannes seiner Cousine Adelheid. Sein Nachlass (Bestand LE, 490 Verzeichnungseinheiten) liegt im Gerlach-Archiv Erlangen, darunter 64 Briefe Ernst Ludwigs von 1838 bis 1848 und 47 Briefe der Mutter von 1808 bis 1819.

Quellen: Magdeburgische Zeitung Januar 1861 (MDZ bsb10487698, Bild 147); Dresdner Journal 13. Januar 1861 und Altonaer Mercur 12. Januar 1861, S. 2; Militär-Wochenblatt 7. April 1838, S. 3 (Zeitungsportal der Deutschen Digitalen Bibliothek); Verhandlungen des 6. Provinzial-Landtages der Mark Brandenburg 1837 (MDZ bsb11031844, Bild 27); Deutsche allgemeine Zeitung 27. Januar 1858, S. 7.

BISMARCK NENNT IHN ALS ADRESSE

Wie selbstverständlich Bismarck den Generaladjutanten in den Frankfurter Jahren als Weg nach Berlin verstand, zeigt ein Brief, den die Schloss Wernigerode GmbH verwahrt. Bismarck, 1851 noch Begleiter des Gesandten von Rochow am wiederhergestellten Bundestag, klagt darin über die Besoldung der preussischen Offiziere in Frankfurt und bittet den Empfänger im Kriegsministerium, sich der Kameraden anzunehmen – »bei Stockhausen, bei Gerlach«. Der Kriegsminister und der Generaladjutant des Königs in einem Atemzug: So sah der Sechsunddreissigjährige die Wege nach Berlin. Quelle: Schloss Wernigerode GmbH, Sammlung des Schriftgutes, Inv. Schg 01500, verzeichnet bei museum-digital (Objekt 1479957).

Der früheste datierte Ordensnachweis steht in einer Kölner Zeitung. Am 2. Oktober 1832 meldet sie, der König habe geruht, »dem Major von Gerlach, vom General-Stabe, den St. Johanniter-Orden zu verleihen«. Er war damals zweiundvierzig und noch zwanzig Jahre von der Stellung entfernt, in der ihn die Nachwelt kennt. Quelle: Kölnische Zeitung 2. Oktober 1832, S. 1 (Deutsches Zeitungsportal).

WIE WIEN IHN SAH

Der ausführlichste zeitgenössische Nachruf steht nicht in Berlin, sondern in Wien. »Das Vaterland« widmete ihm am 20. Jänner 1861 eine ganze Spalte auf der ersten Seite: Es nannte ihn einen unerschütterlichen Verteidiger des österreichisch-preussischen Bündnisses und schrieb, kein Mann am Hofe Friedrich Wilhelms IV. habe dem Polizeiregiment Hinckeldeys kräftiger widerstanden als er. Dasselbe Blatt meldete, sein Leichnam sei nach Rohrbeck überführt worden, um dort neben seiner Frau aus dem altpommerschen Hause der Grafen Küssow bestattet zu werden. Nach einem Artikel in »Sport im Bild« von 1933 trug er in der Hofgesellschaft den Scherznamen »Kaffeeminister«, weil er schon morgens an der Kaffeetafel des Königs erschien. Quellen: Das Vaterland (Wien), 20. Jänner 1861, S. 1 (ANNO_vtl18610120); Sport im Bild, Heft 9 (1933), S. 10 (ANNOP_sib19330109), beides Österreichische Nationalbibliothek, ANNO.

DER NEUENBURGER KONFLIKT

Im Winter 1856/57 stand Preussen wegen Neuenburg dicht vor einem Krieg mit der Schweiz, und er stand mitten darin. Carl von der Groeben, der Oberkommandierende der gegen die Schweiz aufgestellten Armee, hielt in seiner Denkschrift fest, was den Ausgleich beinahe verhindert hätte: General von Gerlach sei von einer Privatreise zurückgekommen und habe mit Niebuhr den König beschworen, die Freilassung der Gefangenen nicht anzuerkennen und die bereits eingegangenen Verhandlungen über den Verkauf von Neuenburg abzubrechen, um der Krone dieses Fürstentum zu erhalten. Sechs Wochen später war er es, der dem Schweizer Vermittler Heinrich Gelzer ausrichtete, der König wolle ihn noch einmal sehen; die dritte Audienz fand am Abend des 25. Februar 1857 statt. Am Ende drängten, wie Gelzer berichtet, nicht nur Gerlach und Bismarck zur Eile. Der Konflikt wurde beigelegt. Ein eigenhändiger Brief von ihm aus dem Januar 1856 liegt in der Bibliothek am Guisanplatz in Bern.

Wie weit sein Name reichte, zeigt der Nachruf der Gazette de Lausanne vom 22. Januar 1861: Einer der Männer Preussens, die in letzter Zeit am meisten von sich reden machten, der Generaladjutant von Gerlach, sei eben gestorben – als Opfer seiner Ergebenheit gegen den verstorbenen König, dessen enger Freund er war; obwohl selbst schwer leidend, habe er der Bestattung beiwohnen wollen und sich dabei eine Erkältung geholt, die ihn in drei Tagen ins Grab brachte. Zwei Tage zuvor hatte das Journal de Genève dasselbe gemeldet und hinzugefügt, er habe während der ganzen Krankheit seines königlichen Freundes dessen Pflege versehen.

Dieselbe Meldung lief durch halb Frankreich. Am 16. Januar 1861 stand sie im Constitutionnel, in der Patrie und im Journal de Toulouse, am 18. im Moniteur de la Moselle, am 19. im Mémorial des Pyrénées – viermal im gleichen Wortlaut nach der Elberfelder Zeitung, einmal kürzer und schärfer: Der Generaladjutant des verstorbenen Königs von Preussen, »der Bruder des Staatsmannes gleichen Namens«, sei einer Erkältung erlegen, die er beim Begräbnis seines Herrn geholt habe. Sein Alter geben alle mit einundsiebzig Jahren an; er war siebzig.

Quellen: Journal de Toulouse vom 16. Januar 1861, S. 3; Le Constitutionnel vom 16. Januar 1861, S. 2; La Patrie vom 16. Januar 1861, S. 2; Moniteur de la Moselle vom 18. Januar 1861, S. 1; Le Mémorial des Pyrénées vom 19. Januar 1861, S. 3 (sämtlich Gallica).

Ein Nachtrag zum Prozess Lindenberg: Beim zweiten Termin am 1. Oktober 1856 blieb er dem Gericht fern, beim dritten erschien er doch. Das Journal de Genève meldete am 22. Oktober, er habe sich als Zeuge gegen die Zulassung des Publikums und vor allem der Zeitungsleute gewehrt, und am 24. Oktober, er sei als Zeuge aufgetreten und Lindenberg zu neun Monaten Gefängnis und einem Jahr Ehrverlust verurteilt worden.

Quellen: Edgar Bonjour, Eine preussische Denkschrift über den Neuenburger Konflikt 1856/57, in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 42 (1943), S. 254; Karl Wall, Heinrich Gelzer (1813–1889) als Diplomat im Neuenburger Konflikt, ebenda 49 (1950), S. 207 und 224; Bibliothek am Guisanplatz Bern, Autographensammlung Heberlein; Gazette de Lausanne 22. Januar 1861, S. 2, und 25. Oktober 1856; Journal de Genève 20. Januar 1861, S. 3, sowie 2., 22. und 24. Oktober 1856.

Der Diebstahl der Papiere aus seinem Hause ist schon 1855 bezeugt: Am 25. November 1855 meldete das Luxemburger Wort den Vorgang, nannte Niebuhr und gab die amtliche Lesart wieder, es habe sich um Privatanschauungen im Verkehr mit dem russischen Hofe gehandelt. Und aus dem September 1849: Als Friedrich Wilhelm IV. nach Teplitz fuhr, um den Kaiser von Österreich zu treffen, erfuhren die Minister davon erst aus Dresden. Das Staatsministerium trat zusammen und hielt es für angemessen, wenigstens einen Rat des Königs in seine Nähe zu geben; der Vorschlag wurde abgelehnt. Nur er begleitete den König, und zwar ausdrücklich ohne Minister, damit die Reise keinen politischen Anschein bekomme – so die niederländischen Blätter. Quellen: Luxemburger Wort, 25. November 1855; Rotterdamsche courant und De Noord-Brabanter, 15. September 1849 (Delpher).

WIE LONDON IHN SAH

Die britische Gesandtschaft in Berlin hat ihn in den fünfziger Jahren beobachtet, und was sie über ihn schrieb, ist gedruckt.

Georgiana, Lady Bloomfield, die Frau des Gesandten, hielt am 30. März 1854 fest, der König sei ganz in der Hand der Kreuzzeitungspartei und handle nicht nur ohne Zustimmung, sondern ohne Wissen seiner Minister. Als Österreich den General Heß in besonderer Sendung nach Berlin schickte, sei zur Verhandlung mit ihm »General Gerlach, das Haupt der Kreuzzeitungspartei«, bestimmt worden; Heß habe auf die Nachricht hin ausgerufen, ebensogut könne er gleich mit Paskewitsch verhandeln. Das war im Munde eines österreichischen Generals kein Kompliment: Paskewitsch führte die russischen Heere.

Lord Augustus Loftus, der 1852 bis 1858 mehrfach Geschäftsträger und später Gesandter war, nennt ihn im Rückblick den Kopf der »russischen« Hofpartei, gegen die sich die Freunde des Prinzen von Preussen sammelten – Usedom, Pourtalès, Goltz, Bethmann Hollweg, Auerswald, Schleinitz, Bunsen. Und Loftus hat ein Gespräch mit ihm wörtlich nach London berichtet. Im Mai 1857 schrieb er an Lord Clarendon: »Ich hatte kürzlich einen langen Besuch von General Gerlach, dem Führer der Hofpartei und einem der vertrauten Ratgeber des Königs. Ich beglückwünschte ihn zu der amtlichen Ankündigung der Vermählung des Prinzen Friedrich Wilhelm mit der Princess Royal – einem Ereignis, das der russischen Partei die bitterste Galle ist – und sagte, ich vertraue darauf, dass sie die Beziehungen zwischen den beiden großen protestantischen Mächten Europas festigen werde. Er antwortete, er freue sich wirklich über die Heirat, denn er halte England für den natürlichen Verbündeten Preußens.« Dann habe Gerlach von der Gefahr eines russisch-französischen Bündnisses gesprochen; Loftus habe erwidert, er teile diese Furcht nicht, »und meine Antwort brachte General Gerlach einigermaßen aus der Fassung«.

Die Londoner Presse war kürzer und schärfer. Als der König im Juni 1854 zur Zusammenkunft mit Kaiser Franz Joseph nach Teschen reiste, schrieb der Spectator, ihn begleite »General Gerlach, berüchtigt für seine Unterwürfigkeit gegenüber Russland«. Zwei Jahre später, im März 1856, brachte dasselbe Blatt einen Leitartikel über den Berliner Spitzelskandal: Aus den Schreibtischen des Kabinettsrats Niebuhr und des Generals Gerlach seien Geheimberichte gestohlen und nachts abgeschrieben worden, darunter der Bericht eines Spitzels an General Gerlach, der den Prinzen von Preussen auf einer Truppenbesichtigung beobachtet hatte und »voll der gehässigsten Beschuldigungen« gegen ihn gewesen sei. Auch Loftus erzählt den Fall: zwei bestochene Bedienstete, ein Beamter im Ruhestand, die Papiere bei Nacht kopiert und im Morgengrauen in die Schubladen zurückgelegt.

Sein Tod ging durch die britischen Blätter. Der Spectator vom 19. Januar 1861 meldete: »General de Gerlach, Adjutant des verstorbenen Königs von Preußen und einer der vertrautesten Freunde Seiner Majestät, ist seinem Herrn rasch ins Grab gefolgt. Er zog sich beim königlichen Begräbnis eine heftige Erkältung zu, aus der eine Gesichtsrose entstand, und starb zu Potsdam am Abend des zehnten.« Das Blatt gibt sein Alter mit einundsiebzig an; siebzig war richtig. Im selben Winter schrieb der junge Legationssekretär Robert Morier aus Gotha an seinen Vater, das Begräbnis des Königs habe unzählige Opfer gefordert, bei neunzehn Grad unter null nach Réaumur: »ein General – der alte Gerlach, der Bösewicht – tot, zwei oder drei weitere im Sterben, und ungezählte gemeine Soldaten mit abgenommenen Armen und Beinen«. So hat ihn die andere Seite gesehen, und sie hat es in derselben Woche aufgeschrieben.

Quellen des Nachtrags: Georgiana Baroness Bloomfield, Reminiscences of Court and Diplomatic Life, 2. Auflage, London 1883, Band II, S. 38–39; Lord Augustus Loftus, The Diplomatic Reminiscences of Lord Augustus Loftus 1837–1862, Band I, London 1892, S. 249–250, 286 und 296–297; The Spectator, London, 10. Juni 1854, S. 1, 29. März 1856, S. 13, und 19. Januar 1861, S. 8; Memoirs and Letters of Sir Robert Morier, Band I, London 1911, S. 293 (Brief vom 16. Januar 1861). Übersetzungen eigen.

Ende Oktober 1854 schickte ihn der König nach Altona, um König Friedrich VII. von Dänemark zu begrüssen – eine Aufgabe, die man dem Generaladjutanten gab und keinem Diplomaten. Und als er starb, meldete es auch Malmö: Die Snällposten brachte am 24. Januar 1861 einen Nachruf und bestätigte die Todesursache aus dem Ausland. Quellen: Post- och Inrikes Tidningar, 2. November 1854; Snällposten (Malmö), 24. Januar 1861 (Kungliga biblioteket).

Zum Sterbetag noch eine Stimme von weit her: Die Helsingfors Tidningar schrieben am 24. Januar 1861, er sei seinem Herrn am 10. Januar ins Grab gefolgt. Damit steht der 10. Januar zum dritten Mal aus unabhängiger Quelle gegen den 8. Januar, den das Handbuch des Preußischen Adels von 1893 nennt. Quelle: Helsingfors Tidningar, 24. Januar 1861 (Kansalliskirjasto).

Auch die russische Literatur hat ihn beschrieben, und zwar als das, was er im Krimkrieg war: die Adresse der russophilen Richtung. Franz Mehrings Parteigeschichte, 1906 auf Russisch erschienen, sagt in Band 2 auf Seite 231, die Junker hätten im Krimkrieg »über den Generaladjutanten von Gerlach und den Kabinettsrat Niebuhr« auf den König eingewirkt, um Russland zu stützen – gegen Manteuffel, Hinckeldey und den Prinzen von Preussen. Ein zwölfseitiger Abschnitt in den im selben Jahr in Petersburg gedruckten »Abrissen zur Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert« behandelt ihn als Haupt der Kamarilla. Quellen: Franz Mehring, Istorija germanskoj social-demokratii, russische Ausgabe 1906, Bd. 2, S. 231; Otscherki po istorii Germanii v XIX weke, St. Petersburg 1906.

DER RUSSISCHE ORDEN, UND EIN BRIEF IN TARTU

Wie weit sein Ruf als Anwalt Russlands amtlich gedeckt war, zeigen zwei Bekanntmachungen mit zwei Daten. Die preussische steht zuerst: Mit einer Kabinettsordre aus Sanssouci vom 26. Juni 1856 erlaubte Friedrich Wilhelm IV. das Annehmen und Anlegen der vom Zaren verliehenen Orden und führte darunter »den St. Alexander-Newsky-Orden: Meinem General-Adjut., General-Lieut. v. Gerlach« – der Königlich Preußische Staats-Anzeiger druckte die Liste am 5. Juli 1856, das Militair-Wochenblatt am 2. August 1856. Die russische kam aus Riga: Die Livländische Gouvernements-Zeitung meldete am 28. November 1856, mittelst »Allerhöchster Gnadenbriefe vom 17. September c.« sei der Orden dem »im Königlich preußischen Dienste stehenden General-Lieutenant und General-Adjutant Seiner Majestät des Königs von Gerlach«, dem Grafen von der Groeben und von Neumann verliehen worden; dem 17. September russischer Zählung entspricht der 29. September. Der 26. Juni ist also der Tag, an dem Preussen das Tragen erlaubte, der 17. beziehungsweise 29. September der Tag der russischen Urkunde; wann der Zar entschied, sagt keine der beiden Bekanntmachungen. Das fällt in eben die Jahre, in denen aus seinem Hause Papiere verschwanden und die amtliche Lesart von »Privatanschauungen mit dem russischen Hofe« sprach.

Und ein Brief von seiner Hand liegt in Estland: Die Universitätsbibliothek Tartu verwahrt in der Autographensammlung Schardius unter der Signatur Sch 1037 vier Seiten, in Berlin 1845 geschrieben, an den Schriftsteller Christian Adolf Widmann, über zwei von dessen politischen Schriften. Das Digitalisat ist frei zugänglich; für eine Lesung des Wortlauts ist die Aufnahme zu grob.

Quellen: Livländische Gouvernements-Zeitung, 28. November 1856, S. 894; Tartu Ülikooli Raamatukogu, Autographensammlung Schardius, Sch 1037. Militair-Wochenblatt, 40. Jahrgang, Nr. 31 vom 2. August 1856, S. 124–126 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb10526049, Bilder 138–140); Königlich Preußischer Staats-Anzeiger vom 5. Juli 1856, S. 1287; Kölnische Zeitung Nr. 186 vom 6. Juli 1856, S. 1; Livländische Gouvernements-Zeitung Nr. 137 vom 28. November 1856, S. 894.

EIN TAG AUF DER SCHNEEKOPPE, 1830

Im Juni 1830 war der Hof im Hirschberger Tal zu Gast – in Erdmannsdorf beim König, in Fischbach bei dessen Bruder und dessen Frau Marianne –, und er war als Adjutant des Prinzen Wilhelm dabei. Sein Tagebuch hält den 14. Juni fest: eine Partie auf den Kynast am 11., im Dauerregen; am 12. eine Fahrt nach Ruhberg zur Prinzessin Louise Radziwill; am Nachmittag desselben Tages ruft ihn der König zu einer Ausfahrt, spricht über das Gebirge, über kränkliche Frauen und über Österreichs Politik, und amüsiert sich hinterher über den Satz seines Adjutanten, die Bauern dächten sich Seine Majestät mit Krone und Zepter und wunderten sich, ihn im Soldatenrock zu sehen. »Es machte viel Eindruck, daß mich der König mitgenommen hatte.«

Dann der Tag davor: »Gestern kam die Koppen-Partie zu Stande, bei der wir von Hagel und Regen überrascht wurden, so daß wir Halt machen mußten. Ich lag mit Humboldt unter einem Mantel im Knieholze, wo er vom Cap Teneriffa erzählte. Oben auf der Koppe, durch ein Glas Glühwein gestärkt, hielt ich der Kaiserin das ihrige, mit Prinzeß Elise Radziwill sprach ich über das Sündliche in unserm halben Christenthum und brachte sie hin und wieder mit dem Prinzen abwechselnd hinunter.« Der Humboldt, der da neben ihm im Krummholz lag und vom Pik von Teneriffa sprach, ist Alexander von Humboldt, der ihn einunddreissig Jahre zuvor bestiegen hatte. Die Kaiserin ist Alexandra Feodorowna, die Tochter Friedrich Wilhelms III. und Schwester des Prinzen, und Elise Radziwill ist die Frau, die Prinz Wilhelm nicht heiraten durfte; sie starb vier Jahre später.

Ein schlesisches Heimatblatt druckte die Stelle 1927 nach und setzte dabei »am 15. Juni« ein. Der gedruckte Tagebuchtext trägt das Datum des 14. Juni und nennt die Partie »gestern«; danach war es der 13. Juni 1830. Quellen: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Generals der Infanterie und General-Adjutanten König Friedrich Wilhelms IV., Band 1, Berlin 1891, S. 53 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570990, Bild 00061); Nachdruck in: Der Wanderer im Riesengebirge, Mitteilungsblatt des Riesengebirgsvereins, 1. September 1927, S. 120.

Wie weit man ihm zutraute, zeigt ein Gerücht vom Frühjahr 1853. Ende April lief in Berlin eine Ministerliste um: Manteuffel fehlte darin, und »der General-Lieutenant von Gerlach, Adjutant des Königs, nimmt seinen Platz als Ministerpräsident ein«. Die übrigen Namen gehörten zur selben Richtung – Kleist-Retzow als Oberpräsident der Rheinprovinz, Senfft-Pilsach als Oberpräsident von Pommern, von Goerne als Obertribunalrat. Der Berliner Berichterstatter nannte das Gerücht ausdrücklich grundlos. Er fügte aber hinzu, dass ausgerechnet ein Blatt es gedruckt habe, von dem man annahm, es erhalte seine Mitteilungen aus der Pressestelle Manteuffels – woraus er schloss, der Zwiespalt im Ministerium sei stärker als je, und die Liste solle die Gegner dieser Partei und das Bürgertum schrecken. Er ist nie Ministerpräsident geworden. Quelle: Tagesbote (Brünn), 4. Mai 1853, Bericht aus Berlin vom 30. April (difmoe.eu).

Wie der Diebstahl vor sich ging, erzählte zehn Jahre später eine Zeitung, und zwar als Rückblick, nicht aus den Akten. Der Kabinettssekretär Niebuhr pflegte alle geheimen Schriftstücke, die an den König gelangten, ihm mitzuteilen; er sandte sie durch seinen Diener in einer verschlossenen Mappe, zu der nur er selbst einen Schlüssel besass. Der Diener war von Techen erkauft, liess sich einen Nachschlüssel anfertigen und brachte die Mappe, so oft er sie zu tragen hatte, erst zu Techen. So kam Techen an eine Abschrift des Briefes, in dem der preussische Militärbevollmächtigte in Sankt Petersburg, Graf Münster, dem König vertraulich meldete, was Kaiser Nikolaus ihm über die Schwäche der russischen Stellung gesagt hatte. Techen bot das Schriftstück mit anderen der französischen Gesandtschaft an. Das Blatt geht noch weiter und schreibt, gerade diese Depeschen hätten wesentlich zum Fall Sewastopols beigetragen – eine Zeitungsdeutung von 1866, kein Aktenbefund. Quelle: Tagesbote (Brünn), 13. September 1866 (difmoe.eu).

Wie er starb, steht in einem einzigen Satz eines siebenbürgischen Blattes, das seinen Lesern zugleich sagte, wofür man ihn draussen hielt: »In Berlin ist der treueste Diener des vorigen Königs, sein Vertrauter, der General-Adjutant von Gerlach, alsbald nach der Leichenfeier an einer Kopfkrankheit am 10. Nachmittags gestorben.« Friedrich Wilhelm IV. war am 2. Januar 1861 gestorben; er überlebte seinen König um acht Tage und erkrankte bei dessen Leichenbegängnis. Die Bezeichnung »Kopfkrankheit« ist die eines Zeitungsschreibers von 1861, keine ärztliche. Quelle: Kronstädter Zeitung, 18. Jänner 1861, S. 5 (Digitalisat der Österreichischen Nationalbibliothek, ANNO).

WAS ER SICH IN ROHRBECK VORWARF

Das Gut seines Vaters in der Neumark war der Ort, an dem er den Hof hinter sich liess – und einmal hat ihn das erschreckt. Am 7. August 1851 nahm er sein Tagebuch nach knapp zwei Wochen wieder auf: »Seit dem 26. Juli haben diese Notizen geruht und ich habe es versucht meinen Sinn von Hof, Staat und Politik abzulenken. Das ist mir nur zu gut gelungen, und ich habe mir ganz ernste Vorwürfe gemacht, daß ich keine größere Sehnsucht nach König, Königin, Geschäften u. s. w. empfunden habe.« Was dann folgt, ist nüchterner als jede Klage: Vom König und seiner Umgebung habe er bis zur Abreise fast nichts gehört; der König habe niemanden um sich, mit dem er in vertraulichem Verkehr stünde, und das sei wohl so gewollt. »Es ist betrübt, daß man es sagen muß, aber seit dem 2. November sieht sich S. M. eigentlich nach anderen Dienern um.« Und dann die Frage, ob er seine Stellung scharf vom Ehrenstandpunkt auffassen und ausscheiden solle. Er schied nicht aus; er blieb noch zehn Jahre, bis zu seinem Tod. Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 1, Berlin 1891, S. 657 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570990).

Wie er zwischen dem König und der Kreuzzeitung stand, zeigt eine Eintragung vom 23. September 1850. Tags zuvor habe er mit Seiner Majestät über das Blatt gesprochen, »von der er das Unmögliche verlangt, daß sie seine Deutsche Politik billigen und vertheidigen soll«. Am selben Morgen las der König in seiner Gegenwart der Königin einen langen Brief vor, den er an den Kaiser von Russland geschrieben hatte. Danach erklärte er, er sei mit dieser Politik ganz einverstanden – »was S. M. unbegreiflich fand«. Der König war den Widerspruch seines Generaladjutanten so gewohnt, dass ihn dessen Zustimmung verwunderte. Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 1, Berlin 1891, S. 536 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570990).

DER WINTER 1856

Im Januar 1856 erkrankte seine Tochter Ulrike. Er hielt die Krankheit lange für unheilbar, als sie noch hoffte; am 5. September brachte er sie nach Rohrbeck, wo sie gesund werden wollte. Am 17. Dezember starb sie dort, am 21. wurde sie auf dem Kirchhof des Dorfes begraben.
In diesen Monaten steht sein Tagebuch still. »Ueber einen Monat kein Wort und ganz der Politik abgewandt«, schreibt er am 21. November, und dann einen Satz, in dem ein Generaladjutant um Erlaubnis bittet, bei seinem Kind zu sein: Es falle ihm schwer, nicht auf seinem Posten zu sein, »aber doch wohl meist, weil ich meines Rechts, hier zu sein, nicht gewiß bin, obschon eine sterbende Tochter und eine elende Frau doch wohl zu sechs Wochen Urlaub berechtigen könnten«. Briefe von Voss, vom Bruder Ludwig, von Bismarck und von Niebuhr lagen da; der Eintrag endet: »Schreiben kann ich jetzt nicht.«
Der König schrieb ihm am 20. Dezember aus Charlottenburg: »Mein lieber theurer Gerlach! Der Herr hat Sie schwer heimgesucht. Sie haben Ihm still gehalten, Seine Erquickungen sind Ihnen gewiß.« Und als Gerlach am 9. Januar 1857 das neue Tagebuchjahr begann, war der erste Satz eine Bilanz: »Ich bin durch mein Jubiläum, besonders aber durch den Tod meiner lieben Tochter, zum alten Mann geworden.«
Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 2, Berlin 1892, S. 457–460 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570991, Aufnahmen 00469 bis 00472).

DIE LETZTEN DREI TAGE, UND WO SEIN SARG STAND

Wie es zu Ende ging, steht nicht mehr in seiner Handschrift: Die letzten Zeilen der Denkwürdigkeiten hat seine Tochter geschrieben, die den Band herausgab. Aufgebahrt wurde er im Billardzimmer – demselben, in dem er in den letzten Jahren so oft mit dem kranken König Billard gespielt hatte –, gekleidet in die umflorte Uniform. Am Montag, dem 14. Januar 1861, war die Leichenfeier in der Friedenskirche zu Potsdam; der Sarg stand vor dem Altar »an derselben Stelle, wo acht Tage zuvor der Sarg seines Königs gestanden hatte«. Am Donnerstag, dem 17. Januar, wurde er in Rohrbeck begraben, an der Seite seiner Gemahlin Johanna und seiner Tochter Ulrike, die vier Jahre zuvor dort gestorben war. Der Band schliesst mit dem Satz: »Er ruhet im Frieden und das ewige Licht leuchtet ihm!«

Warum gerade das Billardzimmer, sagt sein Tagebuch. In den letzten Jahren war das Billard das Einzige, was der kranke König noch mit ihm tun konnte, und er hat jede dieser Partien aufgeschrieben. Am 27. September 1858: »Die alten Töne bei dem dicht an meiner Thüre stattfindenden Billardspiele des beinahe sterbenden Königs machen einen traurigen Eindruck auf mich.« Anfang Oktober: »Billard spielte er mit dessin, und heut Abend verstand er Alles, konnte aber weniger sprechen als je.« Und am 7. Oktober 1858, wenige Stunden bevor Friedrich Wilhelm IV. die Regentschaft unterschrieb: »Bei dem Billard war der König sehr unruhig. Ich gewann ihm zwei Partien ab, obgleich er entschieden besser spielt als ich. Er sagte, das käme Alles von seinem schwer kranken Kopf.« Quelle: Denkwürdigkeiten, Band 2, Berlin 1892, S. 619, 622 und 623 (bsb11570991, Aufnahmen 00631, 00634 und 00635). Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 2, Berlin 1892, S. 771 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570991).

Einmal hat er dem König seinen Posten angeboten, und er hat die Antwort aufgeschrieben. Es war im Sommer 1854; der König hatte geäussert, er möchte Manteuffel – gemeint ist Edwin von Manteuffel – wieder in seiner Nähe haben. »Ich sagte: Schicken Sie mich fort E. M., ich bin alt und stumpf, geben Sie ihm meinen Posten. Der König antwortete, er würde darauf eingehen, wenn ich durch die colossalen Einnahmen von Rohrbeck so dick geworden wäre, daß ich nicht mehr gehen könnte.« Er war damals dreiundsechzig und blieb bis zu seinem Tod im Dienst. Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 2, Berlin 1892, S. 178 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570991).

OB SEINE POLITIK VERALTET SEI

Ein Jahr vor dem Bruch mit Bismarck hat er sich selbst in Frage gestellt, und er hat es aufgeschrieben. Am 5. August 1856 notiert er, tags zuvor sei Bismarck gekommen, ganz entrüstet über die österreichische Politik, über österreichische Falschheit und Lügen; mit Österreich zu gehen sei rein unmöglich, es gehe direkt auf Preussens Verderben aus. Am selben Tag habe der Kasseler Schulenburg dasselbe gesagt: Österreich sinne nur darauf, Preussen zu vernichten. Dann dreht er die Frage gegen sich: »Sollten diese Anti-Österreicher wirklich Recht haben und wäre meine Politik eine veraltete? Repräsentirte Bonaparte nicht die Revolution? Wäre der Gegensatz des Römischen und des Protestantischen in Wahrheit mächtiger als der alte Gegensatz von legitim und revolutionär? Österreich war doch von 1792 bis 1815 stets der sicherste Feind von Frankreich. Hätte ich hier mich geirrt, dann wäre ich in Wahrheit zu alt, zu veraltet, um länger dienen zu können. Noch kann ich es aber nicht glauben.« Er war damals fünfundsechzig. Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 2, Berlin 1892, S. 446 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570991, Aufnahme 00458).

DER STREIT BEGANN SECHS JAHRE FRÜHER

Der Bruch über den Bonapartismus wird gewöhnlich auf das Jahr 1857 datiert. Im Tagebuch fängt er 1851 an. Drei Wochen nach dem Staatsstreich Louis Napoleons, im Dezember 1851, notiert der Generaladjutant: »An Bismarck habe ich einen langen Brief über den Bonapartismus und an Manteuffel über den Staatsrath geschrieben.« Im November 1854 muss er aufschreiben, dass er bei dem Vortrag einen Brief Bismarcks vorlas, »bei dem mir der König völlig Unrecht und Bismarck völlig Recht gab«. Am 10. Januar 1855 kam es in Potsdam zur Aussprache: »Bismarck entschuldigte sich über seinen Bonapartismus, er war fest bei der Meinung, Oesterreich werde ohne uns nicht losschlagen.«
Wie allein er 1857 stand, hat er wenige Tage vor dem Bruch selbst notiert. Über ein französisch-russisches Bündnisangebot heisst es Anfang Mai: »Manteuffel, Bismarck und die meisten Anderen waren dafür, nur S. M. und ich nicht.«
Seine Antwort auf Bismarcks Promemoria bestand aus vier Bedenken, und das dritte ist das härteste Wort, das ein preussischer General einem anderen sagen kann: »Worin unterscheidet sich Bismarcks Politik von der Haugwitzschen?« Haugwitz war der Minister, unter dem Preussen 1806 zusammenbrach. Die anderen drei erklären, warum: Napoleon III. sei wie sein Onkel »ein auf Volkssouverainetät gegründeter absolutistischer Herrscher«, der notgedrungen erobern müsse; darum dürfe Preussen »definitive Bündnisse nur mit den alten Regentenhäusern« schliessen; und aus einer bonapartistischen Allianz komme für Preussen nur »Schmach und Schande«. Zugleich räumt er im letzten Bedenken ein, »daß man Bonaparte nicht beleidigen und ärgern soll« – darin habe Bismarck ganz recht.
Gehört hat ihn niemand. Schon am Tag darauf, dem 22. Mai 1857, rückte der König ab: Er war »der Bismarckschen Ansicht weniger abgeneigt als früher«, und »auch Manteuffel wies meinen Vergleich mit der Haugwitzschen Politik ab«. Als Bismarck am 3. Juni einen langen Rechtfertigungsbrief schickte, las der Generaladjutant ihn dem König in Charlottenburg vor. Dem König gefiel er: »ein Meisterstück in seiner Art«.
Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 1, Berlin 1891, S. 710, und Band 2, Berlin 1892, S. 247, 268, 501, 504 f. und 509 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570990, Aufnahme 00718; bsb11570991, Aufnahmen 00259, 00280, 00513, 00516 f. und 00521).

WIE DER BRUCH MIT BISMARCK WIRKLICH LIEF

Der berühmte Briefwechsel von 1857 über Bonapartismus und Legitimität gilt als Zweigespräch zwischen ihm und Bismarck. Sein Tagebuch zeigt einen dritten im Raum. Der Anstoss war ein Promemoria, das Bismarck dem Ministerpräsidenten Manteuffel geschrieben hatte und das Manteuffel weiterreichte. Am 22. Mai 1857 hält er fest: »Mein Brief an Bismarck enthält der Hauptsache nach die Gedanken des Briefes an Manteuffel.« Seine berühmte Antwort war also eine Zweitschrift. Und er fasst Bismarcks Stellung in einem Satz zusammen, dessen letztes Wort das härteste ist, das er über ihn geschrieben hat: »Soweit Bismarck, der nun auch einer von denen ist, die von uns abfallen.« Zugleich zeigt derselbe Eintrag, dass er kein blinder Doktrinär war. Das Promemoria schickte er Manteuffel mit einem Urteil zurück, das mit einem Tadel beginnt und mit einem Lob endet: »Ihm fehlt Kopf und Schwanz, Princip und Ziel unserer Politik, es ist ein Mittelstück. Als solches enthält es für die preußische Politik viel Brauchbares.« Quelle: Denkwürdigkeiten, Band 2, Berlin 1892, S. 505 (bsb11570991, Aufnahme 00517).

Sechs Jahre vor Königgrätz hat er gesehen, worauf es hinauslief, und es in einen Satz gefasst. 1860, unter der Überschrift »Bismarcks Politik«, schreibt er: »Mein alter Freund und protégé Bismarck hat jetzt doch ganz die Politik von Cavour, wenn man statt Toskana, als künftig zu annectiren, Hessen setzt.« Cavour hatte für Piemont die italienischen Staaten eingesammelt; Bismarck werde dasselbe in Deutschland tun. Wenige Seiten später wird er noch deutlicher: In Bismarcks Gedanken liege »offenbar eine Neigung, in Deutschland analog wie Cavour zu verfahren«, und Bismarck selbst räume ein, diese Politik sei jetzt unmöglich. Das schreibt ein Mann, der Bismarck seit vierzehn Jahren kannte und ihn hier noch immer seinen Zögling nennt. Quelle: Denkwürdigkeiten, Band 2, Berlin 1892, S. 718 und 721 (bsb11570991, Aufnahmen 00730 und 00733).

Der Bruch im Prinzip war kein Abbruch der Beziehung. Im Januar 1859 setzte er Bismarck bei seinen Vorbereitungen auf einen Ministerwechsel noch obenan – unter »nächste Vertraute« und unter »personae gratae« steht der Name –, im November 1859 nannte er ihn »unser Mann, mein Zögling«, und im Mai 1860 schrieb er nach einem Bericht über die Unzuverlässigkeit des Ministers Schleinitz: »Hiernach könnte man fast wünschen, daß Bismarck Minister würde.« Im April 1860 stand daneben die Frage: »wohin wird Bismarck noch gerathen, und wen wird er mit sich ziehen?« Der letzte Brief, den er von ihm referierte, steht unter dem Mai 1860 und enthält den Unterschied in Bismarcks eigener Formulierung: »Auch er hält das Recht und die Anerkennung desselben für etwas Aeußerliches. Seinem Könige hinge er an, er würde nie einen anderen an seine Stelle sezen lassen; aber ob Bonaparte oder Henri V. in Frankreich regieren, sei ihm gleich, dabei könne er nur auf den Vortheil oder Nuken seines Landes sehen.« Gesehen haben sie sich zuletzt Ende Mai 1860. Der Neunundsechzigjährige war auf dem Weg nach Ostpreussen, wo sich sein Sohn verlobt hatte: »In Frankfurt auf dem Bahnhofe trafen wir Bismarck und fuhren eine Strecke mit ihm.« Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 2, Berlin 1892, S. 640 f., 704, 726, 728, 729 und 730 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570991, Aufnahmen 00652 f., 00716, 00738, 00740, 00741 und 00742).

WARUM SO WENIG ÜBER DIE SEINEN DARIN STEHT

Wer in diesen gut sechzehnhundert Seiten die Familie sucht, findet sie kaum – und er hat selbst aufgeschrieben, warum. Im Herbst 1857, wenige Wochen nach dem Tod seiner Frau, notiert er: »Ich hatte kurz zusammengefaßt etwas aufgeschrieben über Krankheit, Tod und Begräbniß meiner lieben Frau. Ich bin nun ein uralter Mann. Meine Jugend und was davon übrig war, ist begraben mit ihr und meiner lieben verstorbenen Tochter. Aber dies gehört Alles nicht hierher. Diese Notizen sind nun einmal politischer Natur und sollen fortgesetzt werden, so lange als es Gott gefällt, mich in meiner Stellung zu lassen.« Danach geht der Eintrag ohne Übergang zur Evangelical Alliance über. Über den Tod seiner Frau hat er also etwas aufgeschrieben, nur nicht in diesen Notizen. Und die Herausgeberin, seine Tochter Agnes, hat nach der Vorrede »Familienbeziehungen … ganz fortgelassen, wie dies, für den Fall der Veröffentlichung dieser Aufzeichnungen, die ausgesprochene Absicht des Verfassers war« (Vorrede zu Band 1). Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 2, Berlin 1892, S. 531 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570991, Aufnahme 00543).

WAS ER ÜBER DIE TAGELÖHNER SCHRIEB

Im Oktober 1860, ein Vierteljahr vor seinem Tod, schrieb er in Rohrbeck etwas auf, das man von einem Wortführer der Reaktion nicht erwartet. Die Lage der Tagelöhner nennt er verkehrt: Sie seien vom Gutsherrn zugleich abhängig und unabhängig. »Er kann sie nicht strafen, er kann sie nicht aus seinen Häusern los werden, er kann sie aber durch Entziehung der Arbeit zu Bettlern machen, sie dem Hunger und dem Wetter aussetzen.« Sein Vorschlag geht nicht dahin, dem Gutsherrn mehr Macht zu geben, sondern den Leuten eine eigene Gemeinde: Die Unterhaltung der verarmten oder entlassenen Tagelöhner solle diesen selbst als Gemeindelast aufgebürdet werden, der Gutsherr nur noch aushilfsweise eintreten. »Es ist aber unnatürlich und illiberal, daß die anderen Tagelöhner bei der Behandlung eines aus ihrer Mitte nichts als das Zusehen haben. Selbst bei den zu diktirenden Strafen müßten sie das Mitreden und in manchen Fällen die Initiative haben.« Und dann, ernüchtert: »Wer hört unsere Rede? Die elende liberale Administration würde alles derartige hemmen.« Der Mann, der gegen das allgemeine Stimmrecht focht, wollte den Landarbeitern seines eigenen Gutes eine Stimme geben. Quelle: Denkwürdigkeiten, Band 2, Berlin 1892, S. 747 (bsb11570991, Aufnahme 00759).

DER LETZTE SATZ

Das Tagebuch bricht nicht ab, es endet. Der letzte Eintrag handelt von den Vorbereitungen des königlichen Begräbnisses, von Manteuffel und Alvensleben, die beide schwarz in die Zukunft sehen, und von der Königin, die über die aufkommende Opposition verzweifelt sei. Dann schreibt er die Anfangszeile eines Lutherliedes hin: »Ach Gott vom Himmel sieh darein.« Darunter die Ortsangabe, und sie sagt alles über diesen Mann: »Sanssouci, den 2. Januar 1861, Todestag meines lieben Herrn, König Friedrich Wilhelms IV.« Er datierte den Tag nicht nach dem Kalender, sondern nach dem Tod seines Königs. Acht Tage später war er selbst tot. Quelle: Denkwürdigkeiten, Band 2, Berlin 1892, S. 769 (bsb11570991, Aufnahme 00781).

Wie er sich den Tod holte, erzählen zwei Quellen verschieden, und die nähere ist die seiner Tochter. Die Zeitungen schrieben, er sei beim Leichenzug barhäuptig mitgegangen und habe sich dabei die Erkältung geholt. Die Schlussschrift der Denkwürdigkeiten, von seiner Tochter im Hause verfasst, setzt früher an: »Bei der Wacht am Sarge seines Königlichen Herrn war durch den Druck des Helms eine rosenartige Geschwulst am Kopf entstanden. Doktor Böger verbot ihm deshalb die Theilnahme an den Beisetzungsfeierlichkeiten. Davon liess sich aber der getreue Gefolgsmann nicht abhalten; er geleitete am 7. Januar, bei grimmer Kälte, das irdische Theil seines geliebten Königs zur Gruft in der Friedenskirche und holte sich dabei durch die unvermeidliche Erkältung seinen Tod.« Die Geschwulst war also schon da, ehe der Zug losging, und der Arzt hatte abgeraten; was der Zug hinzufügte, war die Kälte. Gleich nach der Beisetzung liess die Königin ihn zu sich rufen – das letzte Mal, dass er sein Zimmer in den Neuen Kammern verliess. Quelle: Denkwürdigkeiten, Band 2, Berlin 1892, S. 770 (bsb11570991, Aufnahme 00782).

PRÄSIDENT DER BERLINER MISSIONSGESELLSCHAFT, 1833 BIS 1838

Fünf Jahre lang stand er an der Spitze der Berliner Missionsgesellschaft. Ihre Geschichte, 1924 zum hundertjährigen Bestehen geschrieben, zählt ihn und seine Brüder zu denen, »die in den ersten Jahrzehnten vielleicht einen tieferen und nachhaltigeren Einfluss auf die Gestaltung der Berliner Mission ausgeübt haben als irgend eine andere« Familie. Über ihn selbst heisst es dort, rührend sei seine liebevolle Fürsorge für seine Bedienten und Untergebenen gewesen; regieren habe er nicht selbst wollen, sondern nur mit seinem Rate helfen. Sechzig Jahre später, als das Komitee 1892 keinen neuen Präsidenten fand, fiel die Wahl wieder auf einen Gerlach – auf seinen Neffen Jakob –, und dieselbe Geschichte begründet es mit »der bewährten Missionsliebe und der reichen Missionserfahrung seiner mit der Berliner Mission von den Anfängen an auf das engste verbundenen Familie«. Quelle: Julius Richter, Geschichte der Berliner Missionsgesellschaft 1824–1924, Berlin 1924, im Abschnitt über das Komitee (Digitalisat Internet Archive, bwb_T3-BSK-654).

Über die drei Brüder ist ein Wort des Königs überliefert, und es ist in seiner Kürze ein Urteil über alle drei zugleich. Friedrich Wilhelm IV. pflegte von ihnen zu sagen: Leopold liebe er, Otto achte er, Ludwig fürchte er. Wer es zuerst aufschrieb, ist nicht gesagt; die Geschichte der Berliner Missionsgesellschaft gibt es 1924 als feststehende Rede wieder. Quelle: Julius Richter, Geschichte der Berliner Missionsgesellschaft 1824–1924, Berlin 1924 (Internet Archive, bwb_T3-BSK-654).

WAS VON IHM IN BERLIN LIEGT

Ein Teil seines Nachlasses ist erhalten und liegt im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz: einunddreissig Verzeichnungseinheiten, Laufzeit 1812 bis 1860, gut zwei Drittel eines laufenden Meters. Die einzelnen Stücke stehen in keinem Findmittel im Netz; wer wissen will, was darin liegt, muss das Findbuch im Hause einsehen. Ein zweiter Bestand desselben Archivs führt Auszüge aus seiner Privatkorrespondenz und aus seinem Tagebuch: der Nachlass des Karl Wilhelm Saegert, in dem auch ein Stück über »Politik der Brüder Gerlach und der Kreuzzeitung« liegt. Das ist bemerkenswert, weil seine eigenen Tagebücher verloren sind – was wir lesen, ist der Druck von 1891 und 1892. Digitalisiert ist nichts davon. Quellen: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, VI. HA, Nachlass Gerlach, L. v.; ebenda, Brandenburg-Preußisches Hausarchiv, Rep. 192, Nachlass Saegert, Nr. 76.

DREI DATEN, VON DEN RANGLISTEN BERICHTIGT

Berliner Adressbücher und ein französisches Nachschlagewerk geben seine Beförderungen ungenau. Die preussischen Rang- und Quartierlisten, die jeden Offizier Jahr für Jahr mit Dienstalter führen, setzen drei davon zurecht. Adjutant des Prinzen Wilhelm wurde er am 18. Mai 1826, nicht 1824. Generalmajor wurde er am 30. März 1844, nicht 1845. Und General der Infanterie wurde er am 31. Mai 1859, nicht 1861. Der Abstand hat, wo er aus dem Adressbuch kommt, einen einfachen Grund: Ein Adressbuch verzeichnet, was bei Redaktionsschluss galt, und erscheint im Jahr darauf. Die Beförderung von 1844 steht deshalb im Buch von 1845, die von 1859 erst im Buch von 1861. Quelle: Rang- und Quartier-Liste der Königlich Preußischen Armee, Jahrgänge 1824 bis 1900 (Digitalisate der Bayerischen Staatsbibliothek).

DIE STELLEN, DIE DAS AMTSBLATT NENNT

Was die Adressbücher nur ungefähr sagen, steht im Militär-Wochenblatt auf den Tag. Am 18. Mai 1826 wurde »v. Gerlach, Major vom Gen. Stabe, mit Beibeh. seiner übrigen Verhältnisse zum Adjut. bei der Person des Prinzen Wilhelm von Preußen (Sohns S. M. des Königs.)« bestellt. Der Zusatz in der Klammer entscheidet eine Frage, die sonst offenbliebe: Sein Prinz war nicht der gleichnamige Bruder des Königs, sondern dessen Sohn – der spätere Kaiser Wilhelm I. Am 4. April 1833 ging er aus dem Generalstab des dritten Armeekorps als »Chef eines Kriegs-Theaters beim gr. Gen. St.« in den grossen Generalstab. Im Sommer 1842 führte er als Oberst die erste Garde-Landwehr-Brigade; unter dem 5. September wurde ihm gestattet, die bisherige Uniform beizubehalten, und er sollte fortan »beim Generalstabe … als aggr. geführt werden«.

Im Mai 1853 schickte ihn der König nach Wien. Preussen und Österreich waren über den Ausbau der Bundesfestungen Rastatt und Ulm uneins geworden; das Beiheft zum Militär-Wochenblatt, das die Sache 1879 im Rückblick erzählte, schreibt: »General v. Gerlach, General-Adjutant des Königs, wurde zu diesem Zweck im Mai nach Wien gesendet. Es stellte sich dort heraus, daß die Befestigung Veronas der Ausgangspunkt der österreichischen Forderungen war.« Er selbst hat dazu eine halbe Zeile hinterlassen. Am 1. Juni 1853 notierte er in Sanssouci: »Conferenz über Ulm und Rastatt, Brese, Gröben und ich, ohne Resultat.«

Quellen: Militär-Wochenblatt vom 3. Juni 1826, S. 2, vom 20. April 1833, S. 1, und vom 1. Oktober 1842, S. 1 (Zeitungsportal der Deutschen Digitalen Bibliothek, ZDB 2790490-8); Beiheft zum Militär-Wochenblatt 1879, S. 187 (MDZ bsb11383746, Bild 00343); Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 2, Berlin 1892, S. 43.

ZWEIMAL IN PETERSBURG

Dass er den Prinzen Wilhelm nach Russland begleitete, steht in der Petersburger Presse, und zwar unter den Ankömmlingen. Das Intelligenzblatt der St. Petersburgischen Zeitung führt ihn am 12. Januar 1826 in der Rubrik »XII. Angekommene Reisende, vom 6. bis 10. Januar«: von Warschau sei der Adjutant des Prinzen Wilhelm von Preussen eingetroffen, »Major von Gerlach, der Sekretair, Hofrath Bork, und der Doktor Gropeimer«. Die preussischen Rang- und Quartier-Listen datieren seine Bestallung zum Adjutanten des Prinzen auf den 18. Mai 1826; das Petersburger Blatt nennt ihn schon im Januar so. Sechs Jahre später steht er wieder darin. Die Nummer vom 22. Juni 1832 meldet unter dem Bericht aus Petersburg vom Vortag, der Prinz Wilhelm, der Sohn des Königs, sei angelangt und im Palast auf der Insel Jelagin abgestiegen: »Im Gefolge Seiner Hoheit befinden sich der Obrist Baron Kanitz und der Major Gerlach.« Quellen: Intelligenzblatt der St. Petersburgischen Zeitung, 12. Januar 1826, S. 3; St. Petersburgische Zeitung, 22. Juni 1832, S. 1 (beide Digitales Forum Mittel- und Osteuropa, difmoe.eu).

DER UNGEDRUCKTE LEOPOLD

Seine Tagebücher gibt es nicht mehr. Die Originale kamen um die Jahrhundertwende an das pommersche Provinzialarchiv in Stettin – seine Tochter Agnes hatte sie in den 1890er Jahren dem Stettiner Archivar Herman von Petersdorff zur Einsicht überlassen – und sind seit 1945 verschollen; das sagt der Verbundkatalog beim Bestand in Erlangen ausdrücklich. Was blieb, sind zwei Dinge: der Druck, den Agnes 1891 und 1892 besorgte, und Abschriften, die in den zwanziger Jahren im Reichsarchiv unter Otto Koser für eine Ausgabe angefertigt wurden, die nie zustande kam. Sechsunddreissig Maschinenbände davon liegen heute im Gerlach-Archiv zu Erlangen, zusammen etwas über siebentausend Seiten.

Und hier steht etwas, das seit den Abschriften der zwanziger Jahre kaum jemand gelesen hat. Der Druck von 1891 beginnt den Tagebuchteil erst mit dem Kapitel über die Jahre ab 1826; für die Zeit davor enthält er keine Tagebuchzeile. In Erlangen liegen dafür zwei Bände: einer mit den Jahren 1809, 1812 und 1813, ein zweiter mit 1816 bis 1817 und 1822 bis 1826. Überhaupt ist das Verhältnis für die frühen Jahrzehnte umgekehrt: Für die neununddreissig Jahre vor 1848 hat der Druck rund einhundertzwanzig Seiten, die Erlanger Abschriften rund eintausenddreihundertachtzig. Erst ab 1848 kehrt es sich um. Der Druck ist dabei nicht überall Teilmenge – in Erlangen fehlen die Befreiungskriegsjahre 1814 und 1815 und das Sterbejahr 1861, die der Druck hat. Quellen: Kalliope-Verbundkatalog, Bestand LE des Gerlach-Archivs Erlangen, Herkunftsvermerk; ebenda, LE02747 und LE02748; Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Berlin 1891 und 1892.

Wie weit die Nachricht lief, zeigt ein Blatt am anderen Ende der Welt. Am 2. April 1861 druckte der »Colonist« in Nelson auf der Südinsel Neuseelands unter »Vermischtes«: »General de Gerlach, aide-de-camp of the late King of Prussia, and one of his majesty’s most intimate friends, has quickly followed his sovereign to the grave. He caught a violent cold at the royal funeral, which brought on erysipelas in the head, and he died at Potsdam, in the evening of the 10th of January.« Erysipelas in the head – das ist die Kopfrose der deutschen Blätter. Zweiundachtzig Tage hatte die Nachricht gebraucht. Nur beim Alter irrt das Blatt: Es macht ihn einundsiebzig, er war siebzig. Quelle: The Colonist, Nelson, 2. April 1861, S. 4 (Papers Past, Nationalbibliothek Neuseelands, TC18610402.2.14).

NEUN MONATE, DREI STERBELAGER

1857 war sein schwerstes Jahr. Im Juni notiert er sieben Worte: »Ruhiges Leben in der Krankenstube meiner Frau.« Am 2. August fragte er im Schloss den Leibarzt des Königs nach ihr; »seine Urtheile waren so traurig als möglich«. Anfang September starb sie; das Tagebuch nennt den Tag nicht. Der König schrieb ihm am 4. September: »Ihr Schweben zwischen Leben und Tod in der Person Ihrer theuren Gemahlin stößt mir das Herz ab.« Am 6. antwortete Gerlach: »Ein Unglück, das vom Herrn kommt, kann man ertragen, denn Er hilft tragen; was aber schwerer, ist in der Oede, in die man hineingeräth, gegen sündliche Stumpfheit, Indifferenz, müßiges Brüten mit Erfolg anzukämpfen.«
Fünf Wochen später erkrankte sein König. Am Abend des 8. Oktober trat Keller in sein Zimmer: »Kommen Sie, es geht zu Ende«. Was Gerlach darauf aufschrieb, ist der nüchternste Satz über Trauer, den dieses Buch enthält: Er bekomme »eben solchen Schüttelfrost, wie bei dem Tode meiner Tochter«, und das alte Kirchenwort kehre sich bei ihm um – »media vita in morte sumus verwandelt sich bei mir in media morte zwischen meiner Tochter, meiner Frau und dem König in vita sumus«: nicht mitten im Leben vom Tod umfangen, sondern mitten im Tod am Leben.
Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 2, Berlin 1892, S. 513, 523, 530 und 537 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570991, Aufnahmen 00525, 00535, 00542 und 00549).

RECHT EIGENTLICH AM HOFE, UND DOCH ALLEIN

Die letzten Jahre wohnte er Sanssouci gegenüber, mit einer seiner Töchter, und ging jeden Morgen um zehn hinüber. »Wir wohnen Sanssouci gegenüber, also recht eigentlich am Hofe«, schrieb er am 26. Juli 1859, »und doch in einer Einsamkeit, die größer ist, als wenn wir in Rohrbeck wären.« Es folgt die Beschreibung eines Tages, der wie alle anderen war: das Zimmer, der Gang mit dem König, das Essen zu Hause, am Nachmittag der Tee bei der Königin, wo drei junge Prinzessinnen »das Erfrischendste« sind. Dann der Satz, mit dem sein Bruder Ludwig ihn aufzog und den er ohne Widerspruch notierte: »Und so geht es ein wie alle Tage, so daß Ludwig mich ein Petrefakt nennt, was nicht sterben kann.«
Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 2, Berlin 1892, S. 684 f. (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570991, Aufnahmen 00696 und 00697).

BESTER POLTE

Wie nah die beiden Männer einander standen, verrät ein Name. 1829, als Gerlach mit dem Prinzen Wilhelm in Weimar lag, kam ein Brief des Kronprinzen aus Berlin mit dem Auftrag: »grüße unser Aller Goethe und Polte Gerlach«. Unter demselben Namen schrieb ihm der spätere König neunzehn Jahre später, im September 1848, mitten in der Revolution: »Bester Polte – Der rebellische Antrag Steins ist mit 75 Stimmen Majorität durchgegangen. Vale.«
Am schönsten ist der Brief vom März 1852, als der Generaladjutant die Gicht bekam. Gerlach sah darin »ein Zeichen herannahenden Alters und Todes«; der König sah etwas anderes: »Ich höre, Sie haben Podagra, bester Polte. Ich als alter Mann vom Fach, beschwöre Sie um Schonung Ihrer selbst. Dann werden Sie wie ich, Gott für die Gabe des Zipperleins danken. Wir Handwerker betrachten das aus sattsamster Erfahrung comme un brevet de longue vie« – als einen Freibrief auf langes Leben. Dann ein Satz über seinen eigenen Vater: »Hätte Papa sein Zipperlein vor etwa 20 Jahren fröhlich aufgenommen, wie ich das meine, er lebte noch!« Und zum Schluss, ganz ohne Krone: »Also keine Unbesonnenheit und meine schönste Gratulation.«
Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 1, Berlin 1891, S. 48, 191 und 744 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570990, Aufnahmen 00056, 00199 und 00752).

Was er selbst werden wollte, hat er einmal beantwortet. Am 25. November 1848, in den Wochen, in denen er Minister vorschlug und wieder strich, fragte ihn Massow, was er denn werden wolle. »Ich bitte mir alle Jahre einen Baumkuchen zu Weihnachten aus.« Quelle: Denkwürdigkeiten, Band 1, Berlin 1891, S. 252 (bsb11570990, Aufnahme 00260).

ZWEI ORDENSTAGE

Am 25. August 1855 ernannte der König den Generalleutnant und Generaladjutanten von Gerlach neben dem General der Kavallerie Grafen von Nostitz und einem Rittmeister ausser Dienst namens Wellmann »zu Ehren-Senioren des eisernen Kreuzes zweiter Klasse«. Und am 7. Januar 1861 verlieh er ihm »das Kreuz der Groß-Komthure des Königl. Haus-Ordens von Hohenzollern in Brillanten«; das Militär-Wochenblatt führt ihn dabei als »Gen. der Inf. und Gen. Adjutant Sr. Majestät des Königs«. Drei Tage später war er tot.

Quelle: Militär-Wochenblatt vom 25. August 1855, S. 3, und vom 9. Februar 1861, S. 2 (Zeitungsportal der Deutschen Digitalen Bibliothek).

DER ORIENT IM TAGEBUCH

Zweimal steht das Heilige Land in seinen Aufzeichnungen, und beide Male geht es um mehr als Frömmigkeit. Am 4. Juni 1853, wenige Wochen vor dem Beginn des Krimkrieges, notierte er: »Der König las mir einen Brief an Bunsen vor, in welchem er demselben aufgiebt, den Vorschlag in England zu machen, sämmtliche Christen in der Türkei in derselben Art wie es Rußland für sich in Bezug auf die griechischen Christen verlangt hat, vertragsmäßig« unter Schutz zu stellen. Er sass im Zimmer, als die preussische Antwort auf den Streit um die heiligen Stätten diktiert wurde.

Sieben Jahre später, im September 1860 in Sanssouci, hielt er ein Gespräch mit August von Haxthausen fest: »Das Projekt, das alte Johanniterhaus in Jerusalem zu kaufen, habe die unirten Armenier und die Maroniten in Bewegung gesetzt, man habe sich an den Papst gewandt und dort erst ungefähr erfahren, daß dieser Versuch zum Kauf von unserer Johanniter Ordens-Balley veranlaßt worden ist.« Gemeint ist die Balley Brandenburg des Johanniterordens, 1852 wiederhergestellt; den königlich preussischen Johanniterorden, eine Auszeichnung, hatte er schon 1832 erhalten.

Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 2, Berlin 1892, S. 43 und 745 (Digitalisat der Biblioteka Narodowa, Polona; lokale Lesefassung im Gerlacharchiv).

WIE IHN DIE GEGENSEITE SAH

Zehn Monate nach seinem Tod druckte ein Luxemburger Feuilleton Stellen aus den Tagebüchern Varnhagens von Ense ab, und eine davon galt ihm. Seine Berufung ins Militärkabinett des Königs sei als eine höchst unglückliche Wahl beklagt worden: einer von den gewaltsam Frommen, voll Sophisterei und Rabulisterei, der als Militär für ganz unfähig gelte. In derselben Folge steht die Berufung Schellings nach Berlin. Es ist das Urteil eines Gegners, aufgeschrieben zu Lebzeiten und gedruckt, als der Betroffene sich nicht mehr wehren konnte.

Quelle: L'UNION, Luxemburg, Jg. 2 n° 275 vom 24. November 1861, Feuilleton (Bibliothèque nationale du Luxembourg, eluxemburgensia, ark:70795/6pgws0).

WAS PARIS IM WINTER 1856 ÜBER IHN SCHRIEB

Die französischen Blätter lasen den Berliner Hof aufmerksam, und in diesem Winter lasen sie ihn richtig und falsch zugleich. Im September 1856 meldete das Journal des débats, der General von Gerlach, Generaladjutant des Königs und einer der Hauptführer der ultrakonservativen Partei, habe vor einigen Tagen den fünfzigsten Jahrestag seines Diensteintritts begangen – fünfzig Jahre seit 1806, dem Jahr von Jena und Auerstedt. Am 5. Dezember schrieb ein Blatt aus der Marne, er nehme seit einiger Zeit seine einflussreiche Stellung beim König nicht mehr ein; er sei auf seinem Gut Rohrbeck, »sous prétexte de la mauvaise santé de sa fille« – unter dem Vorwand der schlechten Gesundheit seiner Tochter. Es war kein Vorwand. Ulrike starb zwölf Tage später, am 17. Dezember, und er war bei ihr.

Anfang Januar 1857 hielt dasselbe Paris seinen Rücktritt für ausgemacht: Er werde seinen Posten beim König nicht wieder antreten, sondern endgültig auf Rohrbeck bleiben. Drei Tage später war er zurück, und die Blätter zeigten sich überrascht. Ein Blatt aus der Marne fügte hinzu, was sie hinter dem Vorgang vermuteten: Der General stehe in Zwietracht mit dem Prinzen von Preussen, dem Bruder des Königs und Thronfolger, und dessen Rückkehr an den Hof sei an Gerlachs Stellung geknüpft gewesen.

Quellen: Journal des débats politiques et littéraires vom 27. September 1856, S. 1, vom 7. Januar 1857, S. 1, und vom 10. Januar 1857, S. 2; Journal du département de la Marne vom 5. Dezember 1856, S. 1, und vom 14. Januar 1857, S. 1 (sämtlich Bibliothèque nationale de France, Gallica, ark:/12148/bpt6k4510322, bpt6k451132c, bpt6k451135h, bpt6k69785208, bpt6k69785364).

DREI RUSSISCHE ORDEN, NICHT EINER

Der Alexander-Newski-Orden von 1856 war nicht der erste. Das Kapitel der russischen Orden liess seine Ritter drucken, und in diesen Verzeichnissen steht er zweimal, jedes Mal mit dem Amt, das er gerade führte. Unter dem St.-Wladimir-Orden dritter Klasse, im Jahr 1843: »Сент. 6. Фонъ-Герлахъ, Полковникъ, Командиръ 1-й Гвардейской Ландверной Бригады« – 6. September, von Gerlach, Oberst, Kommandeur der 1. Garde-Landwehr-Brigade. Das ist genau die Stelle, die das Berliner Adressbuch im selben Jahr für ihn nennt. Und unter dem St.-Annen-Orden erster Klasse, acht Jahre später: »Мая 22. Герлахъ, Генералъ-Лейтенантъ Генералъ-Адъютантъ Его Величества, Короля. А. У.« – 22. Mai, Gerlach, Generalleutnant, Generaladjutant Seiner Majestät des Königs. Beide Daten sind russischer Zählung: Der 6. September 1843 ist der 18., der 22. Mai 1851 der 3. Juni.

Was hinter dem »А. У.« steht, sagt die preussische Seite. Die Beilage zur Preußischen Wehr-Zeitung vom 24. Juli 1851 führt unter den Generaladjutanten Seiner Majestät des Königs: »v. Gerlach, General-Lieutenant, den Königlich Hanöverschen Guelphen-Orden 1ster Classe, so wie den Kaiserlich Russischen St. Annen-Orden 1ster Classe in Brillanten zu tragen gestattet.« Das Blatt führt den Nachtrag unter dem Monat Juni 1851 – dieselbe Auszeichnung, derselbe Monat, die andere Sprache, und zugleich die Auflösung der Abkürzung.

Aus dem Nebeneinander beider Reihen folgt etwas für das Jahr 1856. 1851 kam die preussische Erlaubnis wenige Wochen nach der russischen Verleihung; 1856 kam sie fast drei Monate davor. Der Gnadenbrief vom 17. September 1856 ist demnach die nachträglich ausgefertigte Urkunde, nicht der Tag, an dem der Zar entschied.

Beide Bekanntmachungen, die russische wie die preussische, nennen ihn schon im Mai und Juni 1851 General-Lieutenant; das Berliner Adressbuch führt ihn erst 1856 so, ein französisches Nachschlagewerk schon 1849.

Quellen: Список кавалерам российских императорских и царских орденов [за 1849 год], Ч. 2, S. 265, und [за 1851], S. 49 (Государственная публичная историческая библиотека России, elib.shpl.ru, Bände 100653 und 100657); Beilage zur Preußischen Wehr-Zeitung, 4. Jahrgang, Nr. 306 vom 24. Juli 1851, S. 62 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb10496610, Aufnahme 00062).

Sources

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Date of birth
JvG 2015, S. 145–153
Date of death
JvG 2015, S. 145–153

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