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Person record

Ernst Ludwig von Gerlach

* 7 March 1795 · Berlin† 18 February 1877 · Berlin
Ernst Ludwig von Gerlach
Gender
male
Birth
7 March 1795 · Berlin
Death
18 February 1877 · Berlin
Age
81 years

Jurist, konservativer Politiker, Präsident des Appellationsgerichts Magdeburg. Geboren am 7. März 1795 in Berlin, gestorben ebenda am 18. Februar 1877.

Er studierte in Berlin, Göttingen und Heidelberg, zog als Freiwilliger gegen Napoleon und wurde dreimal verwundet. Danach der Weg durch die preussische Justiz: Naumburg, Halle, Frankfurt an der Oder, wo er 1835 seinem Bruder Wilhelm als Vizepräsident nachfolgte, und von 1844 bis 1874 der Vorsitz am Oberlandes- und Appellationsgericht Magdeburg – dreissig Jahre auf demselben Stuhl.

Daneben, und für ihn nicht daneben, die Politik. Er gehörte zu den Gründern der konservativen Partei Preussens und der Kreuzzeitung; in der Ersten Kammer und später im Abgeordnetenhaus führte er den rechten Flügel, den man nach ihm die Fraktion Gerlach nannte. In den stenographischen Berichten der Ersten Kammer, soweit ihr Text vorliegt, stehen für die Jahre 1849 bis 1852 mindestens zweihundertzweiundsiebzig Wortmeldungen von ihm: Zivilehe, Staatshaushalt, Volksschule, Pressgesetz, Todesstrafe, Lehen und Fideikommisse.

Zweimal wollte ihn die Landschaft seiner Familie ins Parlament schicken, und beide Male ging es um Hinterpommern, nicht um Magdeburg. 1852 nennt die Ostsee-Zeitung ihn unter den Kandidaten des Wahlkreises Belgard für die Zweite Kammer, neben dem Oberpräsidenten von Kleist-Retzow und dem Rittergutsbesitzer von Arnim-Heinrichsdorff. Im Dezember 1859 tritt er im Kreis Belgard-Polzin noch einmal an und unterliegt dem Geheimen Regierungsrat Professor Duncker – um achtzehn Stimmen, 230 gegen 248 (Königlich Preußischer Staats-Anzeiger, 11. Dezember 1859, S. 2; Kölnische Zeitung, 12. Dezember 1859, S. 1).

Am Ende stand er gegen die eigene Partei. 1874 nahm er den Abschied, nachdem Bismarck ihn wegen seiner Schrift über die Zivilehe hatte anklagen lassen; am 10. Januar 1877 wählten ihn katholische Stimmen im Wahlkreis Osnabrück noch in den Reichstag. Fünf Wochen später war er tot: Am Abend des 16. Februar 1877 wurde er an der Ecke der Linkstrasse von einem Postwagen überfahren, der ihm über Arm und Kopf ging; mit gebrochenem Oberarm und schwerer Kopfverletzung starb er am Nachmittag des 18. Februar. Er hinterliess Aufzeichnungen, die sein Neffe Jakob 1903 in zwei Bänden herausgab.

WAS DIE BRIEFE AN KLEIST-RETZOW ZEIGEN

Wie er auf jüngere Männer wirkte, ist ungewöhnlich gut bezeugt, weil einer seiner Schüler einen Biographen fand. Hans Hugo von Kleist-Retzow, neunzehn Jahre jünger, ging 1841 eigens nach Frankfurt an der Oder, weil Gerlach dort Vizepräsident des Oberlandesgerichts war. »Ich habe mir vorgenommen, meinen Umgang so gut wie ganz auf sein Haus zu beschränken«, schrieb er vorher. Herman von Petersdorff, königlicher Archivar, machte 1907 aus dem Kleistschen Familienarchiv und aus den Nachlässen beider Brüder ein Lebensbild, in dem Gerlach auf Schritt und Tritt mitläuft.

• Der Lehrer. Den neuen Referendar nahm er sofort auf eine viertägige Inspektionsreise mit, bei der das Zuchthaus Sonnenburg besichtigt wurde, und drohte ihm, er werde ihn künftig regelmässig als Protokollführer mitnehmen – eine Drohung, die er wahr machte. Dazu kam jede Woche ein Referendarabend in seinem Hause, an dem er die jungen Leute im Disputieren übte; die Vorträge waren juristisch, meist staatsrechtlich. Noch nach Jahren schrieb er Kleist: »Sie waren in Frankfurt ein so wesentliches, so liebes Stück unseres Lebens.« Kleist hat noch kurz vor seinem Tod auf dem Krankenbett gesagt, er verdanke kaum einem Menschen so viel wie ihm. Was er von ihm lernte, fasst die Geschichte des Geschlechts von Kleist in die Worte: »die hohe Achtung vor der Geltung des Rechts, die treue Geistesarbeit, dasselbe im konkreten Falle zu finden, die unbedingte Selbständigkeit der Gesinnung in seiner Bewahrung, die Geltendmachung der kirchlichen Weltanschauung im ganzen – auch im öffentlichen Leben.«

• Wie andere ihn sahen. Der spätere Geheimrat Hermann Schede, der 1833 in Halle unter ihm arbeitete, hat es aufgeschrieben: »Im Kollegium des Landgerichts war er fast von lauter Gegnern umgeben, hatte sie aber als Jurist sämtlich an seine Leitung gewöhnt, ich möchte sagen: mit fester Hand am Zügel eingefahren. Nichts war ihm lieber, als der Widerspruch einiger junger, gut geschulter und begabter Assessoren und der Kampf mit diesen. Aber seinem Geist und seinen Gaben vermochten sie nicht zu widerstehen. Es war eine Lust ihm zuzuhören.« Schede hatte vorher in Schleiermachers Nähe gestanden und setzte hinzu, ihm sei nie ein Mensch von solchem Schwergewicht der persönlichen Erscheinung begegnet. Der Theologe Kahnis sagte, die Funken seines Geistes seien zündend in die Seelen jüngerer Männer gefallen; es sei besonders der Gedanke des christlichen Staates gewesen, für den er einzunehmen wusste. Clemens Brentano dagegen gestand: »Ludwig war mir vom ersten Augenblick eine bange Erscheinung.«

• Die Schweizer Reise, August bis Oktober 1847. Er hatte Kleist schon am 3. Mai 1846 dazu aufgefordert, und der Brief sagt alles über die Art des Mannes: »Naturschönheiten sollen auch genossen werden, bleiben aber, mir wenigstens, entschieden Nebensache. Zu Bekanntschaften würde ich die Wege bahnen. Sie repräsentieren das Moment der guten Laune.« Gereist wurde dann mit Adolf von Thadden-Trieglaff, dessen Sohn Gerhard, Kleist und einem Predigtamtskandidaten, über Leipzig, Erlangen, Nürnberg und München, wo man Professor Thiersch und den greisen Joseph Görres aufsuchte, weiter nach Schaffhausen – dort eine Begegnung mit Oberst Joseph von Radowitz –, Zürich, Luzern zum späteren Sonderbundsgeneral von Salis-Soglio, nach Genf zu dem Prediger Merle d’Aubigné und am 22. September nach Solothurn zu Karl Ludwig von Haller, dem Restaurator der Staatswissenschaften, von dem er seine politische Richtung hatte. Petersdorff schreibt versehentlich »Albrecht« von Haller; gemeint ist der Solothurner Staatsrechtler, nicht der Berner Dichter und Arzt.

• Die Kreuzzeitung, und was ihr vorausging. Im Sommer 1847 gab es schon einmal den Plan eines konservativen Blattes, und er hat ihn nicht betrieben, sondern aufgehalten. Sein eigenes Tagebuch hält fest, was Bismarck ihm am 30. Juni 1847 auf der Fahrt nach Erxleben erzählte: mehrere Geldgeber des geplanten Blattes hätten »bei Leopold nicht einmal zusammenkommen wollen wegen Leopolds pietistischen Rufes«. Am 19. Juli sah er dann bei Alvensleben das gedruckte Zirkular, mit dem Fürst Radziwill, Bismarck und Herr von Werdeck zur Zeichnung von Aktien für eine »ständische Zeitung auf der Basis religiöser Neutralität« aufriefen – von ihm war keine Rede. Das Unternehmen scheiterte; die Brüder sahen es, so Petersdorff, »scheelen Auges« an. Erst der März 1848 gab den Anstoss, und diesmal war er der Haupttreiber. Er holte die beiden Kräfte heran, die fehlten: den kapitalkräftigen Grafen Voß-Buch und seinen Frankfurter Referendar Hermann Wagener als Schreiber. Beraten wurde in der Wohnung seines Bruders Leopold im Gasthof zum Bären in Potsdam; am 10. April 1848 gingen die Einladungen zur Zeichnung ins Land. Zuerst sollte das Blatt »Das Eiserne Kreuz« heissen, nach der Erhebung von 1813, die beide Brüder als Offiziere mitgemacht hatten; am Ende hiess es Neue Preußische Zeitung und führte das Eiserne Kreuz als Vignette. Die erste Nummer eröffnete ein Artikel von ihm.

• Das Junkerparlament, August 1848. Kleist hatte ihn gegen seinen Widerstand zur Teilnahme bewegt; noch nach Jahren entsann er sich des Drucks, den sein junger Freund auf ihn ausgeübt habe. Seine Rede dort war keine Schmeichelei an die Standesgenossen: »So wie der Adel nicht um der Edelleute, sondern um des Staates willen da ist, so ist auch der Reichtum nicht um der Reichen, sondern um der Armen willen da.«

• Wie er ins Parlament kam. Am 10. März 1849 fand die Nachwahl zur Ersten Kammer an Stelle des Prinzen von Preussen statt. Kleist hatte niemand anderen als ihn zur Annahme bewogen und ihn damit in die parlamentarische Laufbahn gedrängt.

• August 1850, eine Reise zu den Wählern. In Kleists Wahlkreis regte sich Widerstand gegen ihn: Man fand den Ton der Kreuzzeitung übermütig, und seine österreichische Gesinnung verschnupfte. Kleist lud ihn ein, sich zu zeigen. »In der ersten Hälfte des August«, schrieb Gerlach an Bismarck, »hoffe ich mit meiner Frau bei Ihrem ehrwürdigen Onkel Hans in Kieckow zu sein.« Am 14. August gab es in Polzin ein Fest; er brachte einen Trinkspruch aus auf »deutsches Recht und deutsche Freiheit«. Kleists Stiefbruder berichtete danach, Gerlach habe den Bürgern und Bauern unbedingt gefallen; unter der Ritterschaft seien Bedenken aufgekommen, ob er auch rechts genug sei.

• Über Bismarck, in Briefen an Kleist. Kein anderes Zeugnis zeigt so genau, wie er den Mann sah, mit dem er sich später überwarf. 5. Juli 1853: »Halten Sie Bismarck warm, und dulden Sie nicht, daß er dem geistlosen Manteuffelschen Absolutismus und der Weltlichkeit verfällt. Er ist ein edler karrarischer Marmor.« Wenige Tage darauf: »Vor Bismarck sind meine Briefe an Sie kein Geheimnis. Er liegt mir sehr am Herzen. Er ist ein fetter Bissen für die Welt und den Satan, die bekanntlich so leicht nicht loslassen.« Im Mai 1862, als der Verfassungskonflikt begann: »Die Situation ist grandios einfach und erfrischend – wie der Frühling 1813 und der Herbst 1848. Aber werden sich Mut und Tapferkeit finden für diesen Feldzug?« Am 22. Mai, als Bismarcks Berufung erwogen wurde: »Ich will lieber Portier werden bei einem demokratischen Minister als durch Allianzen mit cavourscher Politik mich beflecken. Halten Sie ja Ihr und unser Gewissen rein; es ist das beste, vielleicht das einzige, was wir haben. Ehe ich diese Festung übergebe, sprenge ich mich in die Luft.« Und am 20. September 1862, dem Tag, an dem Bismarck aus Südfrankreich in Berlin eintraf: »So groß meine Bedenken gegen Bismarck sind – nicht sowohl in Beziehung auf Österreich oder Frankreich, als in Beziehung auf die ewigen Gebote Gottes –, so würde ich doch auch nicht wagen, gegen ihn zu operieren, da ich keinen bessern möglichen weiß. Falliert er auch, so – fallen wir in Gottes Hand.« Sein stehender Schlusssatz an Kleist in diesen Monaten: »Predigen Sie Bismarck Katechismus.« Und später: »Bleiben Sie ja keeper of his conscience.« Am 23. April 1863: »Bismarck trage ich täglich auf dem Herzen.«

• Über die eigene Zeitung. Am 8. Juli 1853 schrieb er Kleist über Wagener einen Satz, der mehr über ihn selbst sagt als über den Redakteur: »Sein und der Kreuzzeitung Hauptfehler – weit schlimmer als die Härten und Polisonnerien – ist das Niemals-Unrecht-haben-wollen.« Und setzte hinzu: »Diesen hochstrebenden jungen Männern fehlt unser guter alter bornierter Pietismus, der doch so lebendig und kräftig war.«

• Der Bruch. 1873 schloss er sich als Hospitant der Zentrumsfraktion an. Kleist, der ihm dreissig Jahre lang gefolgt war, verurteilte den Schritt scharf, und die Freundschaft zerbrach. Gerlach quittierte es in seinem Tagebuch mit drei Worten über seinen alten Jünger: »Der prinziplose Kleist.«

Quelle: Herman von Petersdorff, Kleist-Retzow. Ein Lebensbild, Stuttgart und Berlin 1907 (J. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger); Digitalisat des Familienverbandes von Kleist.

WO ES ANFING: DIE MAIKÄFEREI

Woher diese Richtung kommt, lässt sich auf ein Berliner Speisehaus zurückführen. Clemens Brentano sammelte dort eine wöchentliche Abendgesellschaft, die »Maikäferei« – benannt nach dem Wirt Mai, dessen Lokal an der Schlossfreiheit lag; die Seite der Familie von Alvensleben setzt die Gründung, mit August Wilhelm Goetze und Friedrich Karl von Bülow, auf den Dezember 1814. Sie war jünger und lauter als die Christlich-Deutsche Tischgesellschaft, der sie nachgebildet war. Stehende Mitglieder waren nach seinen eigenen Aufzeichnungen die drei ältesten Brüder von Gerlach – Gustav Wilhelm, Leopold und er selbst; der vierte, Otto, war noch zu jung –, dazu Carl von Voss, Carl Rappard, Bülow, Goetze, Brentano, Graf Cajus Stolberg, Graf Stosch und Brentanos Freund Otto; Adolf von Thadden stand »in loserer Verbindung«, Albrecht von Alvensleben, der spätere Minister, gehörte nur als »entfernteres« Glied dazu. Die Alvensleben-Seite nennt ausserdem den Dichter Karl Thorbecke. Das Hauptinteresse der Maikäfer war nach seinen Erinnerungen »patriotisch-romantisch-genial-christliche Poesie«: Man sang Lieder, und Brentano trug Gedichte vor; das pietistisch-christliche Element war »anfänglich fast gar nicht vertreten«.

Zwei Dinge kamen in diesen Jahren hinzu. Das eine war der Neupietismus, der nach den Befreiungskriegen in den preussischen Eliten um sich griff und in kleinen Zirkeln von Mensch zu Mensch wirkte; er und sein Bruder Leopold gelten neben Thadden als die treibenden Kräfte. Das andere kam 1816/17 aus der Schweiz: der erste Band von Carl Ludwig von Hallers »Restauration der Staatswissenschaft«, in dem sich aristokratisches Standesgefühl mit religiöser Gläubigkeit verband und der Staat als eine Familie im grossen erschien, der Fürst als der grösste Fideikommissherr neben vielen kleineren. Der Kreis war begeistert.

Als Brentano Berlin verliess – nach seiner Erinnerung 1819 oder 1820 –, löste sich die Maikäferei auf, und die Wege trennten sich: Er ging den katholischen, die Gerlach den protestantisch-preussischen. Dreissig Jahre später schliesst sich der Bogen. Am 22. September 1847 kehrte er in Solothurn bei eben dem Haller ein, dessen Buch ihn als Zweiundzwanzigjährigen ergriffen hatte – und nahm seinen Schüler Kleist-Retzow mit, damit der denselben Mann sähe.

Quellen des Nachtrags: Familie von Alvensleben e. V., Seite zur Maikäferei, nach Peter Groth, Anna Katharina Emmerick 1774–1824; Ernst Ludwig von Gerlach, Aufzeichnungen aus seinem Leben und Wirken, herausgegeben von Jakob von Gerlach, Schwerin 1903, Band I, S. 94 f. und 99; Bertha von Kröcher, Die alte Generation, Teil 2, Braunschweig 1921, S. 6 ff.

Im Januar 1850 hat er einmal an einer Sache mitgewirkt, die Bestand hatte. Kleist-Retzow kam mit dem Gedanken, über zwei Kammern leichter zu einem Herrenhaus zu kommen; sein Bruder Leopold fand die Beweisführung schlagend und brachte Kleist zu ihm, wo auch Bismarck sass. Er fand die Idee ebenfalls vortrefflich, und am Nachmittag fuhren die beiden Brüder mit Kleist nach Potsdam. Während Kleist zwei Stunden lang vortrug und vermittelte, half er auf seine Weise: Sein Widerspruchsgeist wurde durch das Wesen des Königs geweckt, und er begegnete dem Monarchen »nach seiner Art mit stolzem Freimut«. Am Ende entwarf Friedrich Wilhelm selbst den Artikel über die erste Kammer. In der neunten Abendstunde ritten Kleist und er zur Bahn.

Quelle des Nachtrags: Herman von Petersdorff, Kleist-Retzow. Ein Lebensbild, Stuttgart und Berlin 1907, S. 77 f.

IM STAATSRAT

Die Ämterlisten der Berliner Adressbücher nennen ihn in einem Gremium, das seine Lebensläufe sonst übergehen. Unter der Überschrift »Staats-Rath«, dessen Präsident Carl Anton Fürst von Hohenzollern-Sigmaringen war, steht er in den Jahrgängen 1856, 1860, 1862 und 1863 schlicht als »v. Gerlach, Appellations-Gerichts-Präsident«. Die Liste ist alphabetisch, und wer vor und hinter ihm steht, sagt etwas über den Rang der Versammlung: davor der General-Auditeur der Armee Fleck, dahinter der Vizepräsident des Obertribunals Götze, der Generalstaatsanwalt Grimm. In derselben Liste stehen Wrangel, Roon, Stahl, Ranke, der Bischof Neander, der Fürst Radziwill – und, in den Jahren seiner Petersburger Gesandtschaft, »v. Bismark-Schönhausen, Geheimer Legationsrath und bevollmächtigter Minister in Petersburg«.

Der Staatsrat war kein Parlament und tagte selten; er war die Versammlung derer, die der König in Grundsatzfragen hören wollte. Der Magdeburger Gerichtspräsident gehörte ihm über die Jahre der Neuen Ära hinweg an – gerade in der Zeit, in der seine Partei die Regierung verlor.

WO ER IN BERLIN ABSTIEG

Die Berliner Adressbücher führen ihn 1843 und 1844 als »Ober-Landesgerichts-Vize-Präsident und Geheimer Ober-Justizrat« in der Louisenstrasse 13a – der Strassenteil nennt dort, im Haus des Baron von Eckardstein, schlicht »v. Gerlach, Präsident« –, und 1857 und 1858 in der Potsdamer Strasse 14, im Haus des Geschichtsmalers Wittich, Wand an Wand mit einem Obertribunalsrat und dem Gärtner des Hauses. Beide Male steht kein Vorname, nur das Amt; dass es seines ist, folgt aus dem Amt selbst – einen zweiten von Gerlach, der zu dieser Zeit Oberlandesgerichts-Vizepräsident und danach Appellationsgerichtspräsident war, gibt es nicht.

Quelle des Nachtrags: Berliner Adressbücher 1843, 1844, 1856, 1857, 1858, 1860, 1862 und 1863, Behörden- und Strassenteil; Digitalisate der Zentral- und Landesbibliothek Berlin.

DIE KINDER SEINES BRUDERS

Eigene Kinder hatte er nicht. Er heiratete zweimal – 1825 Auguste von Oertzen aus dem Hause Trieglaff, die schon im Jahr darauf starb, und 1829 Luise von Blanckenburg aus dem Hause Zimmerhausen, mit der er neunundzwanzig Jahre lebte –, und das Brünner Taschenbuch von 1878 führt bei ihm, anders als bei seinen Brüdern, keine Nachkommenschaft auf. Sein Neffe Jakob sagt es im Vorwort der Aufzeichnungen unabsichtlich noch einmal: Der Onkel habe aus seinen Tagebüchern »für seine Neffen und Nichten« zusammengestellt, was er für sie als interessant erachtete.

Diese Neffen und Nichten waren nicht irgendwelche. Als sein Bruder Gustav Wilhelm 1834 starb – die Mutter war schon 1830 im Wochenbett gestorben –, nahm er dessen verwaiste Kinder zu sich: die vier Knaben Leopold, Ernst, Friedrich und Jakob und die Schwestern Bertha und Luise. Von 1835 an lebten sie mit ihm in Frankfurt an der Oder; ein Hauslehrer namens Wallmann unterrichtete die Knaben.

Zweieinhalb Jahre später verlor er zwei von ihnen. Ostern 1837 erkrankten alle vier Knaben binnen weniger Tage am Scharlachfieber; Leopold starb am 6., Ernst am 13. April. »Meine Frau und ich waren tief getroffen und konnten die uns geschlagenen Wunden lange lange nicht verschmerzen«, schreibt er, und dann einen Satz, der dreiunddreissig Jahre später entstand, als er sein Tagebuch für diese Wochen wieder aufschlug: »habe ich Mühe, mich aufrecht zu halten gegenüber der Erinnerung an diese Leiden.«

Am Tag von Leopolds Tod erkrankte in Berlin auch sein jüngster Bruder Otto, an einem typhösen Nervenfieber mit Gehirnentzündung; an Ernsts Todestag erwartete man seinen Tod binnen Stunden. Der Bruder Leopold, der zwischen Berlin und Frankfurt hin und her fuhr, wachte an Ottos Bett und schrieb ihm am 26. April: »Eine Krankenstube ist besser als ein Salon. Halte Dich aufrecht und sieh das Handeln in dieser Welt als ein Dir auferlegtes Kreuz an.«

Von den vier Überlebenden heiratete Bertha 1842 Wilhelm von Kröcher, Friedrich wurde Landrat, Jakob Landrat und Präsident der Berliner Missionsgesellschaft, und Luise – in der Familie »Wieschen« – Oberin des Diakonissenhauses Bethanien. Die Familie, die er nicht bekam, hat er aufgezogen.

Quelle des Nachtrags: Ernst Ludwig von Gerlach, Aufzeichnungen aus seinem Leben und Wirken 1795–1877, herausgegeben von Jakob von Gerlach, Schwerin 1903, Band 1, Vorwort und S. 237–239; Genealogisches Taschenbuch der adeligen Häuser (Brünn: Buschak & Irrgang, ab Jahrgang 10 Friedr. Irrgang) 1878, S. 215.

ALS JUSTIZMINISTER IM GESPRÄCH

Das Tagebuch seines Bruders Leopold, des Generaladjutanten, zeigt, wie oft sein Name 1848 und 1849 für das Justizministerium fiel – und wer ihn jedes Mal zurückhielt. Am 6. Oktober 1848, als in Sanssouci über ein Ministerium Brandenburg beraten wurde, »drang der König darauf, Ludwig müßte Justiz-Minister werden, was Rauch und ich aber für unpassend erklärten«. In einer Konferenz vom 21. Oktober waren Massow und Brandenburg dafür, »Ludwig in das Ministerium zu nehmen«, und der Prinz von Preussen sprach »gradezu von einem Ministerium Gerlach als einer späteren Möglichkeit«. Am 3. November nannte Leopold ihn selbst dem König als Justizminister, »was er noch für zu früh hielt«; am 10. November notierte er: »ich halte Ludwig für möglich, sonst aber Bode, Plötz, Bötticher.« Im April 1849, nach dem Rücktritt Rintelens, drängte der Kammergerichtsrat Uhden, »Ludwig dazu zu machen«, und wieder bremste der Bruder: »mir scheint es nicht an der Zeit, jetzt die Trümpfe auszuspielen.« Minister ist er nie geworden. Noch 1862 stand »de Gerlach, à la justice« auf einer Pariser Gerüchteliste, die das Journal de Genève abdruckte.

An der Wertschätzung des Königs lag es nicht. Im September 1848 kam Friedrich Wilhelm IV. »in high spirits« aus der Bibliothek: »Lob von Ludwigs Programm ›muthig, edel, offen und klar‹.« Wie er auf die Umgebung des Königs wirkte, zeigt eine Szene vom Oktober desselben Jahres. Als er mit juristischer Autorität erklärte, die Urwahlen hätten nur für die schon geschehene Wahl Rechtsgültigkeit, antwortete ihm der General von Rauch: »ich bewundere Ihren Muth, bin imponirt von Ihren Deduktionen, halte Sie für zehnmal klüger und unterrichteter als mich, aber überzeugen können Sie mich doch nicht ganz, Sie sind mir ein gefährlicher Mann«. Sein Bruder setzte hinzu: »Er versicherte dies ganz aufrichtig ohne allen Hohn und Spott.« In denselben Wochen strich der König nach Bismarcks eigener späterer Erzählung – er hatte es vom General von Gerlach – auch dessen Namen von einer Ministerliste, mit der Randbemerkung, er könne erst Minister werden, wenn das Bajonett unumschränkt herrschen müsse.

Quellen: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 1, Berlin 1891, S. 193, 211, 218, 226, 233 f., 240 und 312 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570990, Aufnahmen 00201, 00219, 00226, 00234, 00241 f., 00248 und 00320); Journal de Genève, 24. September 1862; Paul Matter, Bismarck et son temps, Band 1, Paris 1905, nach Bismarcks Gedanken und Erinnerungen, Band 1, S. 66.

NACH DEM BRUCH

Aus den sechziger Jahren sind drei Stücke gedruckt: ein Brief vom 25. April 1864, in dem er Bismarck beschwor, Preussen werde sich in das demokratische Bündnis verstricken, seine Grossmachtstellung aufs Spiel setzen und den teuer erkauften Preis des politischen Sieges verlieren; eine Aufzeichnung vom 2. Januar 1865 zur augustenburgischen Frage; und eine vom Juli 1865, in der er dem Ministerium bescheinigte, es sei aus mehreren Güssen und werde in den Kampf kein Herz und keine Seele mitbringen. Auch in der Pressefrage von 1863 ist er belegt, und zwar gegen die Verordnung: Ein solcher Schlag, fürchtete er, werde die Regierung schwächen.

Quelle des Nachtrags: Paul Matter, Bismarck et son temps, Band 1, Paris 1905, und Band 2, Paris 1906. Matter belegt die Stellen einzeln: Leopold von Gerlachs Denkwürdigkeiten, Band 1, S. 211 (Tagebuch vom 6. Oktober 1848); Ludwig von Gerlachs Aufzeichnungen, Band 2, S. 232; Bismarck-Jahrbuch, Band IV, S. 170 f. Digitalisate der Jagiellonischen Bibliothek Krakau, gemeinfrei. Matter referiert auf Französisch; die Sätze stehen hier in eigener Formulierung.

WIE IHN DIE POLEN SAHEN

Eine polnische Quelle zeigt ihn von einer Seite, die in den deutschen Berichten fehlt. Der »Przegląd Poznański«, eine Posener Zeitschrift, druckte 1856 einen Rückblick auf die Session des Landtags unter dem Titel »Die polnischen Abgeordneten in den Berliner Kammern«, mit langen Auszügen aus den stenographischen Berichten in polnischer Übersetzung. Er kommt darin viermal vor, und nicht so, wie man es erwartet.

In der elften Sitzung lag eine Petition der Einwohner von Posen vor, die der Festungsbau in ihrem Besitz beeinträchtigt hatte – es ging um die Häuschen auf Chwaliszewo und Śródka. Der Abgeordnete der Stadt Posen war nicht erschienen; Bentkowski sprach unvorbereitet. Der Bericht hält in vier Worten fest: »P. Gerlach poparł petycyą« – Herr Gerlach unterstützte die Petition. Die Kammer überwies sie dem Ministerium.

Am 8. Februar 1856, in der Debatte über die letzten Wahlen, hielt der Abgeordnete Józef Morawski eine Landkarte hoch und wandte sich mitten in der Rede an ihn persönlich: »Ich bitte Herrn von Gerlach sehr, genau hinzusehen. Das ist ein graphisches Dokument. So hat man die Wahlkreise geteilt.« Und wenig später: »Es freut mich sehr, dass Herr von Gerlach hinsieht.« Der Wahlort sei nicht nach Bromberg in die Mitte des Kreises gelegt, sondern absichtlich nach Nakel verlegt worden, damit die polnische Bevölkerung zehn bis zwölf Meilen fahren müsse.

Im selben Vortrag zitierte Morawski einen Satz von ihm zustimmend – und drehte ihn um: »Mit Recht hat der Abgeordnete von Gerlach gesagt, dass Revolutionen nicht immer auf den Barrikaden beginnen, sondern oft aus den Kabinetten der Staatsmänner hervorgehen.« Was Morawski daraus machte, brachte die Rechte in Aufruhr: Dann sei die Revolution nicht 1789 zu suchen, sondern 1772, bei der Teilung Polens; an jenem Tag sei in ganz Europa der Glaube an das Recht erschüttert worden, und keine zwanzig Jahre später sei ein gekröntes Haupt vom Schafott gerollt. Der Bericht vermerkt starke Bewegung und Rufe »Zur Ordnung!«, den schellenden Präsidenten – und dann dessen Entscheidung: »Der Redner hat nichts Unpassendes gesagt.«

Das vierte Mal steht er auf der anderen Seite. In der 61. Sitzung ging es um den Fonds aus der Aufhebung der Klöster in Westpreussen und im Grossherzogtum Posen. Er räumte den Rechtsgrundsatz ein, hielt aber die finanzielle Seite für nicht so gewichtig: Die Antragsteller seien von der Kirche nicht bevollmächtigt und hätten kein Recht, ein Konkordat zu schliessen; die Kirche, die nicht einmal den Westfälischen Frieden anerkenne, werde sich mit so kleinen Zugeständnissen nicht begnügen.

In seinen Reden in der Ersten Kammer, soweit ihr Text vorliegt – mindestens 272 Wortmeldungen aus den Jahren 1849 bis 1852 –, steht zur polnischen Frage kein Wort. Im Abgeordnetenhaus hat er zu polnischen Sachen gesprochen – und in der Petitionssache auf der Seite der Posener.

Quelle des Nachtrags: Przegląd Poznański, Band 22, zweites Heft, Posen 1856, S. 173, 182 f. und 208; Digitalisat der Jagiellonischen Bibliothek Krakau, gemeinfrei. Der Bericht nennt nur den Nachnamen; ein zweiter von Gerlach sass 1856 nicht im Abgeordnetenhaus. Die polnischen Sätze stehen hier in eigener deutscher Übersetzung.

WIE PARIS IHN SAH

Gustave Vapereaus »Dictionnaire universel des contemporains« war das französische Nachschlagewerk für lebende Zeitgenossen, und er hat einen Artikel über ihn – zu Lebzeiten geschrieben, von einem, der ihn nie gesehen hat, für Leser, denen Preussen fremd war. Schon das ist ein Mass: Von den Gerlachs war einer in Paris nachschlagenswert.

Der Lebensweg steht dort knapp und richtig: 1823 Rat am Gericht zu Naumburg, 1829 Präsident des Gerichts in Halle, 1835 Vizepräsident des Oberlandesgerichts Frankfurt an der Oder, danach Geheimer Justizrat, Mitglied des Staatsrats und des Gesetzgebungskomitees, 1844 erster Präsident des Oberlandesgerichts Magdeburg. Zwei Angaben kommen hinzu: dass er 1842 einen Gesetzentwurf über die Ehescheidung einbrachte, »der die Kammern lebhaft bewegte«, und dass er 1850 dem Erfurter Parlament und 1851 dem brandenburgischen Provinziallandtag angehörte.

Das Urteil ist deutlich, und es ist nicht freundlich. In Magdeburg habe er sich »durch seine feudalen Tendenzen ausgezeichnet«. Nach 1848 sei er in die »sogenannte Gesellschaft der Edelleute« eingetreten – gemeint ist das Junkerparlament – und habe die Neue Preußische Zeitung redigiert »sowie einige andere offen reaktionäre Blätter«. Und dann der Satz, um dessentwillen sich das Nachschlagen lohnt: Er sei »das Haupt der Kreuzpartei« geworden, deren Einfluss »die preußische Politik in der orientalischen Frage bestimmt hat und die sich Russland ganz ergeben zeigte«; diese Partei, »die vollständige Wiederherstellung des Mittelalters betreibend, hat selbst auf den König gedrückt durch eine unablässige Überwachung, die in den letzten Jahren zu aufsehenerregenden Prozessen geführt hat, in denen der Name des Herrn von Gerlach vorkam«.

Eine Angabe passt nicht. Vapereau schreibt, er habe »um 1825 der liberalen Partei angehört« und sei einer der Redakteure der »Semaine politique« gewesen, sei aber bald zur pietistischen Partei zurückgekehrt, »in die ihn seine Geburt und die Überlieferungen seiner Familie einreihten«.

Quelle des Nachtrags: Gustave Vapereau, Dictionnaire universel des contemporains, Paris 1861, S. 729 f. (Digitalisat im Internet Archive, gemeinfrei); die Übersetzungen sind eigene.

EIN BONAPARTE SAH AUS WIE ER

Im November 1856 hielt sich Prinz Napoleon, der Vetter des französischen Kaisers, einige Tage in Frankfurt auf. Der französische Gesandte gab ihm zu Ehren eine Abendgesellschaft, zu der man in aller Eile jeden Diplomaten lud, den man auftreiben konnte; am nächsten Tag folgte ein Essen im engeren Kreis, bei dem nur England, Österreich, Russland und Preussen vertreten waren. Preussen war Bismarck.

Was er darüber nach Berlin berichtete, steht seit 1883 auch auf Französisch gedruckt: »Eure Exzellenz kennt den Prinzen persönlich; ich will daher nur daran erinnern, wie sehr mich seine Ähnlichkeit mit dem Präsidenten Gerlach getroffen hat, von dem er nicht nur die Züge hat, sondern auch die Gebärden und das Mienenspiel.«

Der Satz ist eine Kuriosität und zugleich mehr. Der Prinz, den man in Paris den roten Prinzen nannte, war alles, was die Kreuzzeitungspartei bekämpfte – Bonapartist, Antiklerikaler, Freund Italiens –, und Bismarck sah in ihm das Gesicht und die Bewegungen des Mannes, der in Berlin an der Spitze der Konservativen stand. Der Bericht erzählt dann weiter, wie der Prinz den ganzen Abend und die halbe Nacht ausschliesslich mit ihm sprach, so auffällig, dass Bismarck es für abgesprochen hielt und den übrigen Gästen langweilig fand.

Quelle des Nachtrags: Correspondance diplomatique de M. de Bismarck (1851–1859), Paris 1883, Band 2, Dokument 56 vom 4. November 1856, S. 206 (Digitalisat im Internet Archive, gemeinfrei; Übersetzung eigen).

WAS DIE GROSSE ENZYKLOPÄDIE ÜBER IHN SCHRIEB

Dreissig Jahre nach Vapereau steht er wieder in einem französischen Nachschlagewerk, diesmal in der »Grande Encyclopédie«, und der Artikel ist kürzer und schärfer. Er beginnt mit dem Vater: »Sohn Leopolds von Gerlach (1757–1813), Kammergerichtspräsident in Berlin« – die Jahreszahlen stimmen auf den Tag genau mit dem, was hier über den Präsidenten steht. Dann: Er sei in den Justizdienst getreten und »mit seinen Brüdern und Goeschel einer der Förderer der pietistischen Bewegung« gewesen, »die ein germanisches Heiliges Reich wiederherstellen wollte«. Als Präsident des Oberlandesgerichts Magdeburg (1844) habe er die Neue Preußische Zeitung gegründet, »die zur Kreuzzeitung wurde«. Und das Urteil in drei Wörtern: »ultrakonservativ und pietistisch, Anhänger des russischen Bündnisses«.

Ein Menschenalter später, im Larousse des zwanzigsten Jahrhunderts, ist der Artikel auf vier Zeilen geschrumpft, aber zwei Angaben sind neu: 1865 sei er zum Geheimen Rat und Hofrat ernannt worden, und 1873 habe er die Maigesetze bekämpft – den Kulturkampf – »und sich gegen die Politik Bismarcks ausgesprochen«. Dass ein französisches Lexikon von 1930 ausgerechnet diese beiden Dinge behielt, sagt etwas darüber, wofür er am Ende bekannt war.

Quelle des Nachtrags: La grande encyclopédie, Paris 1885–1902, Artikel Gerlach; Larousse du XXe siècle, Band 3, Paris 1928–1933 (Digitalisate der Bibliothèque nationale de France, gemeinfrei; Übersetzungen eigen).

DER EHESCHEIDUNGSENTWURF VON 1842

Das französische Nachschlagewerk behauptete, er habe 1842 einen Gesetzentwurf über die Ehescheidung eingebracht, der die Kammern lebhaft bewegt habe. Zwei deutsche Zeitungsmeldungen desselben Jahres zeigen, wie es dazu kam.

Am 21. April 1842 schreibt ein Berliner Korrespondent: »Wie man hört, wird der Präsident von Gerlach, der durch seinen Streit mit den rationalistischen Professoren bekannt ist, nächstens nach Berlin kommen, und zwar auf Ansuchen des Justizministers von Savigny, der sich ihn von seinem Collegen zur Ausarbeitung des Ehescheidungs-Gesetzes erbeten hat.« Der Justizminister musste ihn sich also von dem Minister ausbitten, unter dem er diente – und er holte ihn nicht wegen seiner Verwaltungserfahrung, sondern weil er der Mann des Halleschen Streits war. Für ein Ehescheidungsgesetz suchte man 1842 in Preussen keinen Zivilisten, sondern einen Bekenner.

Zwei Monate später sitzen die beiden zusammen im Gerichtssaal. Ein Berliner Bericht vom 19. Juni: »Vorgestern wohnte der Justizminister v. Savigny mit dem Vicepräsidenten des Oberlandesgerichts zu Frankfurt a. d. O., Herrn von Gerlach, den Sitzungen und öffentlichen Verhandlungen des hiesigen Stadtgerichts fünf Stunden lang bei, und gedenkt daselbst nächstens seinen Besuch zu wiederholen.« Fünf Stunden auf der Zuhörerbank des Berliner Stadtgerichts, der Minister und der Mann aus Frankfurt an der Oder, am 17. Juni 1842.

Der Entwurf, der daraus wurde, ist derselbe, den Paris neunzehn Jahre später noch in seinem Lexikon führte.

Quelle des Nachtrags: Altonaer Mercur vom 21. April und vom 23. Juni 1842 (Zeitungsportal der Deutschen Digitalen Bibliothek); Gustave Vapereau, Dictionnaire universel des contemporains, Paris 1861, S. 729.

WITTENBERG 1849, AUS PARIS GESEHEN

Die »Archives du christianisme au XIXe siècle« waren das Blatt des französischen Protestantismus, und im Oktober 1849 berichteten sie zweimal über ihn – ohne seinen Vornamen zu nennen, denn in Paris genügte ein anderer Hinweis.

Am 13. Oktober, über den Wittenberger Kirchentag: Man sei zu dem Schluss gekommen, »dass die Christen den Grundsatz des entchristlichten Staates nicht anerkennen dürfen, sondern ihn auf jede Weise bekämpfen müssen«. Und dann: »In ungefähr demselben Sinne haben gesprochen Herr von Gerlach, der Bruder des Theologen, Mitglied der Ersten Kammer, einer der Häupter der monarchischen Partei, dem man großen Einfluss auf die Angelegenheiten seines Landes zuschreibt.« Der Theologe, über den ihn die Franzosen einführten, war sein Bruder Otto.

Am 27. Oktober kommt das Blatt darauf zurück und nennt nun die Reihe: »Mehrere derselben Männer, die in Wittenberg die Theorie des christlichen Staates und ihre zahlreichen Folgerungen vertreten haben – die Herren von Gerlach, von Bethmann-Hollweg, Stahl –, liegen jetzt im Streit mit den liberaleren Richtungen eines Teils der Ersten Kammer und sogar des Berliner Kabinetts.« Das ist die Lage des Jahres 1849 in einem Satz, gesehen von aussen: die Partei des christlichen Staates gegen die eigene Kammer und gegen das eigene Ministerium.

Diese zweite Nummer erschien drei Tage nach dem Tod seines Bruders Otto. Sie erwähnt ihn nicht; die Nachricht war noch nicht in Paris.

Quelle des Nachtrags: Archives du christianisme au XIXe siècle, Paris, Ausgaben vom 13. und 27. Oktober 1849 (Digitalisate der Bibliothèque nationale de France, gemeinfrei; Übersetzungen eigen).

DIE HALLESCHE SACHE VON 1830

Was ihn zuerst bekannt machte, ist der unangenehmste Teil seines Lebens. Im Januar 1830 erschienen in der Berliner Kirchenzeitung Aufsätze, die zwei Theologieprofessoren der Universität Halle beim Namen nannten und ihnen den Unglauben vorwarfen. Verfasst hat sie, wie sich bald herumsprach, der Präsident des königlichen Gerichts in Halle.

Was das in Halle auslöste, hat das Pariser Blatt des französischen Protestantismus im selben Jahr aufgeschrieben. Am 4. Februar 1830 wurde ein Anschlag angeheftet, der die Studenten aufforderte, sich in Massen in die Vorlesung des Professors Tholuck zu begeben, »den man zu Unrecht für den Verfasser der Aufsätze hielt«. Der Prorektor Blume, ein Jurist, hielt die Sache für so ernst, dass er Tholuck bat, nicht zu lesen. Tholuck las trotzdem, und »ein entsetzlicher Lärm brach los in dem Augenblick, als Herr Tholuck erschien«.

Das Blatt gibt auch wieder, was den beiden Professoren vorgeworfen wurde. Wegscheider erkläre die Auferstehung Jesu Christi damit, »dass Jesus nur zum Schein gestorben sei«. Und über den zweiten: Gesenius, »der sich durch seine Gelehrsamkeit bei den Studenten großes Ansehen erworben hat und noch mehr Zuhörer hat als Doktor Wegscheider«, äussere wie dieser »einen entschiedenen Unglauben an die Grundlehren und an die Wunder der Heiligen Schrift«; es sei »sehr gewöhnlich, die künftigen Diener des heiligen Wortes Gottes laut und oft ohne Unterbrechung lachen zu sehen während der Vorlesungen des Doktors Gesenius«.

Und dann, ohne Umschweife, der Name: »Man weiß heute, dass der Verfasser der Aufsätze der Evangelischen Zeitung, die so viel Lärm gemacht haben, nicht Herr Professor Tholuck ist, sondern Herr Rat von Gerlach, Präsident des königlichen Gerichts zu Halle.« Weiter versichere man, der König von Preussen habe die Aufsätze lesen wollen und seinem Minister befohlen –; hier bricht die Meldung ab.

Ein Richter, der die Professoren seiner eigenen Stadt öffentlich des Unglaubens beschuldigt, während ein Unbeteiligter dafür im Hörsaal niedergeschrien wird: So fing der Ruf an, der ihn ein Leben lang begleitete. Zwölf Jahre später wollte ihn der Justizminister von Savigny genau deshalb haben – weil er der Mann war, »der durch seinen Streit mit den rationalistischen Professoren bekannt ist«.

Wie die Familie das ansah, steht im Tagebuch seines Bruders Leopold, und der stellt sich ohne Umschweife hinter ihn. Am 5. März 1830, mitten im Lärm: »Ich kann offen erklären, daß ich nach reiflicher Ueberlegung mich ganz zu seiner Handlungsweise bekenne. […] Was ist an Ludwig herumgekrittelt worden; am Entschiedensten für ihn ist der Kronprinz. […] Das Ministerium hat sich gegen Ludwig ausgesprochen, der König scheint unzufrieden mit dem Gang des Ministeriums, ohne Königlichen Schutz unterliegt Ludwig.« Sieben Wochen später zieht der Ältere daraus die Folgerung für sich selbst. Am 23. April 1830: »Seit der Geschichte mit Ludwig in Halle und der Art, wie das Ministerium diese Sache aufgenommen, […] bin ich aus meinem Traum geweckt worden, der mich, um es einmal so auszudrücken, in die Ministerial-Partei eingeschläfert hatte.« Der Streit des jüngeren Bruders hat den älteren zum Gegner des Ministeriums gemacht. Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 1, Berlin 1891, S. 51 f. (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570990, Aufnahmen 00059 und 00060).

Quelle des Nachtrags: Archives du christianisme au XIXe siècle, Paris, Jahrgang 1830 (Digitalisat der Bibliothèque nationale de France, gemeinfrei; Übersetzungen eigen). Die französische Zeitschrift nennt das Berliner Blatt einmal »Gazette de Berlin« und einmal »Gazette Évangélique«.

WORAUF DER AUFTRAG VON 1842 ANTWORTETE

Warum Savigny gerade ihn wollte, hat noch einen zweiten Grund, und der liegt in der Familie. Drei Jahre vorher hatte sein jüngster Bruder Otto, der Pfarrer an der Berliner Elisabethkirche, sich geweigert, geschiedene Personen zu trauen, und war damit gegen seine Vorgesetzten und gegen das Ministerium hart geblieben; 1839 veröffentlichte er eine kirchenrechtliche Untersuchung darüber, ob die evangelische Kirche in Preussen die Wiederverheiratung Geschiedener zulasse.

Der Streit lag also 1842 nicht nur in der Luft, sondern im eigenen Haus. Der Pfarrer hatte im Einzelfall verweigert; der Richter sollte den Fall allgemein regeln.

Quelle des Nachtrags: Allgemeiner Anzeiger und Nationalzeitung vom 19. August 1839; Verbundkatalog K10plus zum Druck von 1839.

»MEIN REICH IST VON DIESER WELT«

Wie die französischen Protestanten die Zeitung sahen, steht in einem Satz vom 12. Juni 1852. Es ging um die preussischen Massregeln gegen die Freikirchen. Die Kreuzzeitung, »deren Hauptredakteure der Präsident Gerlach und der Professor Stahl sind«, zeichne sich »in traurigster Weise in diesem Kreuzzug gegen die Freiheit der Religion und des Kultus aus und mische die Politik so sehr in die Religion, dass man versucht wäre zu glauben, sie habe eine neue Bibel, in der geschrieben steht: ›Mein Reich ist von dieser Welt‹«.

Das ist die Umkehrung des Wortes aus dem Johannesevangelium, und es war ein schwerer Vorwurf, den ein protestantisches Blatt einem anderen machen konnte. Derselbe Bericht erwähnt, ein Mann, »den niemand der Feindschaft gegen die Staatskirche seines Landes beschuldigen wird«, habe sich öffentlich von der Zeitung getrennt und gegen ihre religiösen Grundsätze Verwahrung eingelegt.

Quelle des Nachtrags: Archives du christianisme au XIXe siècle, Paris, Ausgabe vom 12. Juni 1852 (Digitalisat der Bibliothèque nationale de France, gemeinfrei; Übersetzung eigen).

DIE THEOKRATISCHE UND HALBRÖMISCHE PARTEI

Vier Jahre nach dem Satz von der neuen Bibel kommt dasselbe Pariser Blatt noch einmal auf die Zeitung zurück, und diesmal steht der Name in einer Dreierreihe. Am 22. November 1856 heisst es: »Die Kreuzzeitung, Organ der Herren Stahl, Hengstenberg, Gerlach und der ganzen theokratischen und halbrömischen Partei«.

»Halbrömisch« ist der schwerste Vorwurf, den französische Protestanten kannten: Sie sahen in der preussischen Hochkirchlichkeit eine Annäherung an Rom. Dass sie ihn gegen eine Zeitung erhoben, deren Redakteure sich als Bollwerk des lutherischen Bekenntnisses verstanden, zeigt, wie weit die Sicht von aussen und die Sicht von innen auseinanderlagen.

Quelle des Nachtrags: Archives du christianisme au XIXe siècle, Paris, Ausgabe vom 22. November 1856 (Digitalisat der Bibliothèque nationale de France, gemeinfrei; Übersetzung eigen).

DER SCHWAGER AUS TRIEGLAFF

Was ihn mit Trieglaff verband, war mehr als Freundschaft. Ein Stettiner Archivar, der 1903 den Aufsatz »Bismarck in Pommern« schrieb, zählt den Kreis um Adolf von Thadden auf und nennt an erster Stelle »die Schwäger Thaddens, Ludwig v. Gerlach, der Appellationsgerichts-Präsident, und der spätere Oberpräsident Ernst Senfft v. Pilsach«.

Dreissig Jahre später erklärt dieselbe Zeitschrift, woher diese Schwägerschaft kam. Reinold von Thadden-Trieglaff veröffentlichte 1932 das Lebensbild seines Urahnen Heinrich von Oertzen auf Trieglaff – geboren 1771 in Mecklenburg, mit vierzehn Jahren Junker bei den Kürassieren in Treptow an der Rega, dann Landwirt, durch Heirat mit der sechzehnjährigen Trieglaffer Erbtochter Henriette von Mellin Herr des Gutes, nach 1806 auf Betreiben Schills Landrat des Greifenberger Kreises, 1811 in die pommersche Regierung zu Stargard berufen, im Herbst 1813 als Generaladjutant ins Hauptquartier Bülows getreten, gefallen am 18. Oktober 1813 beim Sturm auf Paunsdorf in der Völkerschlacht bei Leipzig. Der Rezensent fügt hinzu: »Seine drei Töchter haben dann später in Verbindung mit ihren Ehegatten Senfft, Thadden und Gerlach und durch ihre Beziehungen zu dem jungen Bismarck einen bekannteren Namen als der Vater erhalten.«

Eine dieser drei Töchter war Auguste von Oertzen »aus dem Hause Trieglaff«, die er 1825 heiratete und die schon im Jahr darauf starb. Die Ehe dauerte vier Monate; die Schwägerschaft, die aus ihr folgte, hielt ein halbes Jahrhundert.

CARDEMIN, MAI 1845

Wann er Bismarck kennenlernte, lässt sich auf den Monat bestimmen. »Den Präsidenten Ludwig v. Gerlach lernte Bismarck im Mai 1845 in Cardemin kennen«, schreibt der Stettiner Aufsatz. »Sie gerieten dort sofort in der ›blauen Stube‹ in einen lebhaften Streit über die Frage, ob und welche Religion der Staat haben solle.«

Der Junker von Kniephof äusserte dabei »ganz liberale Ansichten« – und war auf einen Gegner gestossen, an dem sich reiben liess: »An dem geistreichen Präsidenten hatte er aber einen gewandten Widerpart gefunden, mit dem es sich gut disputieren liess.« Die beiden setzten das Gespräch in jenen Tagen in Trieglaff und Schwirsen fort; Thaddens Vetter, Graf Wartensleben, nahm dabei Bismarcks Partei und teilte dessen Furcht vor einer Hierarchie.

Wie Bismarck selbst über diese Zusammenkünfte dachte, zeigt ein Brief an seine Schwester vom April 1845, wenige Wochen vorher: »Übermorgen bin ich zu einem ästhetischen Tee in Cardemin mit Lektüre, Gebet und Ananasbowle.« Und wie der Präsident sie später beurteilte, hat er selbst aufgeschrieben: »Ich habe die Erinnerung von den damaligen Gesprächen mit Bismarck, dass er immer gegen den christlichen Glauben sprach, aber wie einer, der die eigenen Gedanken los werden will und sich freuen würde, widerlegt zu werden.«

Von ihm stammt auch die Nachricht über den Namen, den das Andachtszimmer in Trieglaff trug. Es war ein dreifenstriger Raum zu ebener Erde, nach dem Hof hinaus; Thadden nannte es, nach Mortimer in Schillers »Maria Stuart« und mit »ernstem ehrerbietigem Scherze«, wie Ludwig Gerlach mitteilt, »der Puritaner dumpfe Predigtstube«.

Er hatte in diesem Haus einen guten Blick für Menschen. Schon im Juli 1843 bemerkte er dort »voller Staunen«, dass Marie von Thadden, die spätere Frau von Blanckenburg, mehr Sinn für Theater und Kunst hatte, als die Frömmigkeit ihrer Verwandten guthiess.

DER BRIEF VOM 17. DEZEMBER 1846

Das wichtigste Dokument über Bismarcks religiöse Wendung ist an ihn gerichtet. Im Herbst 1846 verlor Adolf von Thadden binnen weniger Wochen seinen Sohn, seine Frau und seine Tochter Marie von Blanckenburg. Am 17. Dezember schrieb Moritz von Blanckenburg aus Zimmerhausen an den Präsidenten:

»Ich möchte stets Gott loben für seine Barmherzigkeit, dass Er mir Otto Bismarcks Herz so recht geschenkt hat in diesen Trauertagen als Frucht, als erste Freudenernte der Tränensaat. Ich habe einen Brief bekommen, dass gerade Mariechens Tod ihn eigentlich herumgeholt hat. … Nun ist er freilich wie Nikodemus, der bei der Nacht kommt, und darum müssen wir schonend mit ihm verfahren; aber ich bitte auch dich, diese Menschenseele nicht zu vergessen.«

Der Verfasser des Aufsatzes datiert Bismarcks Bekehrung mit diesem Brief – gegen die spätere Erzählung Robert Keudells, der sie noch in die Lebzeit der Frau von Blanckenburg verlegte. Seine Gegenprobe ist wiederum ein Gerlachsches Papier: das Tagebuch des Präsidenten, das am 4. Oktober 1846, dem Todestag der Frau von Thadden, notiert: »Moritz sagt von Bismarck, er forsche beständig und wolle gern glauben, könne aber nicht.«

Von ihm stammen auch die Aufzeichnungen über die letzten Stunden Henriette von Thaddens. Die Sterbende rief nach Bismarck – »Mariechen, ist Otto Bismarck hier?« – und sagte, als die Tochter verneinte, mit Blick auf ein Duell, das er eben hatte: »Nun, dann schreibe ihm – es ist ja schrecklich – ob er in dem Duell bleibe oder der andere, das ist ganz gleich – er mag es immer Pietismus nennen, daraus mache ich mir nichts.«

Quelle des Nachtrags: Herman von Petersdorff, Bismarck in Pommern, in: Baltische Studien, Neue Folge Band VII (Stettin 1903), S. 194 ff.; Erich Winguth, Besprechung von Reinold von Thadden-Trieglaff, Heinrich von Oertzen auf Trieglaff (Greifenberg 1932), in: Baltische Studien, Neue Folge Band XXXV (1933), S. 383 f.

ZWEI BÜCHER ÜBER IHN

In den dreissiger Jahren erschienen zwei Arbeiten, die ihn zum Gegenstand haben; beide wurden in der pommerschen Landeszeitschrift besprochen.

Die erste ist eine Einzeluntersuchung: Gustav Kramer, Die Stellung des Präsidenten Ludwig von Gerlach zum politischen Katholizismus (Breslau 1932, Heft 10 der von Ernst Kornemann herausgegebenen »Historischen Untersuchungen«). Der Rezensent lobt die »außerordentliche Belesenheit in Gerlachs Schrifttum« und kommt zu einem zwiespältigen Urteil: Auf der theologischen wie auf der politischen Ebene sei für Gerlachs Ideal vor 1866 vielleicht die Möglichkeit der Verwirklichung vorhanden gewesen, »er selber aber in seiner dogmatischen Enge nicht der Mann«, sie zu ergreifen.

Die zweite ist eine Gruppenschau: Hermann Witte, Die pommerschen Konservativen. Männer und Ideen 1810–1860 (Berlin und Leipzig 1936). Witte unterscheidet zwei Generationen. Zur älteren zählt er ihn selbst, Senfft von Pilsach, Thadden-Trieglaff und die von Below; zur jüngeren Bismarck, Roon, von Blanckenburg und Kleist-Retzow. Die ältere habe sich in den Freiheitskriegen ausgezeichnet, sei »von tiefer Religiosität« gewesen und habe sich »im praktischen Leben durch ein geradezu vorbildliches soziales Verhalten« hervorgetan; ihre Staatslehre gehe auf Haller zurück, und sie sei so wenig preussisch gewesen, dass ihr selbst Friedrichs des Grossen Erwerbung Schlesiens als unberechtigte Annexion galt.

Quelle des Nachtrags: Besprechungen in Baltische Studien, Neue Folge Band XXXV (1933), S. 383 f., und Band XXXVIII (1936).

STETTIN, 1936

Der Weg seiner Papiere hat eine Station mehr. Ein Archiv-Sonderheft der pommerschen Landeszeitschrift zählt im April 1938 auf, welche Adelsarchive das Stettiner Staatsarchiv in den Jahren zuvor als Depositum aufgenommen hatte, und nennt unter der Repositur 38d drei Gerlachsche Hinterlegungen: v. Gerlach-Parsow (1931), v. Gerlach-Nordhausen (1929) und v. Gerlach-Berchtesgaden (1936). Zur letzten setzt der Bericht eine Klammer, die keinen Zweifel lässt, worum es sich handelt: »mit den für die allgemeine preußische Geschichte höchst bedeutenden Nachlässen der Gebrüder Ludwig, Leopold und Otto v. Gerlach und wichtigen Korrespondenzen aus der Zeit der preußischen Erneuerung zu Anfang des vorigen Jahrhunderts – vor allem Beymes«.

Die Papiere der drei Brüder lagen also von 1936 an in Stettin. Ein Depositum bleibt Eigentum dessen, der es hinterlegt; zurückholen konnte die Familie es jederzeit. 1954 kam der Bestand auf Betreiben von Hans-Joachim Schoeps an die Universität Erlangen (so die Seite des Gerlach-Archivs der Universität und die Bestandsbeschreibung in Kalliope); zwischen beiden Daten liegt der Krieg, und was in diesen Jahren mit den Kisten geschah, sagt keine der hier benutzten Quellen.

Bemerkenswert ist auch, was mit hinterlegt wurde: Korrespondenzen aus der Zeit der preussischen Reformen, »vor allem Beymes«.

Quelle des Nachtrags: Adolf Diestelkamp, Das Staatsarchiv Stettin seit dem Weltkriege, in: Monatsblätter der Gesellschaft für Pommersche Geschichte und Altertumskunde, 52. Jahrgang Nr. 4 (April 1938), S. 77.

DER UNFALL

Die Hallische Zeitung berichtete am 21. Februar 1877 aus Berlin: »Der Abg. Dr. v. Gerlach hatte am Freitag Abend das Unglück, an der Linkstraßenecke von einem Postwagen überfahren zu werden. Der Wagen ging ihm über Arm und Kopf, er fiel so unglücklich, daß ihm der Oberarm gebrochen und der Kopf schwer verletzt wurde. Gestern ist Herr v. Gerlach an den Folgen der erlittenen Verletzungen gestorben.« Die Kölnische Zeitung hatte den Tod schon am 19. Februar gemeldet, und der Vizepräsident Klotz zeigte ihn am selben Tag dem Abgeordnetenhaus an. Dasselbe Blatt fasst die parlamentarische Laufbahn zusammen: 1849 bis 1851 Erste Kammer, 1852 bis 1858 Zweite Kammer, 1873 wieder im Abgeordnetenhaus als Hospitant der Zentrumsfraktion, am 10. Januar 1877 Reichstagsmandat im Wahlkreise Osnabrück. Zu den Hochzeiten: Die erste fand nach seinen eigenen Aufzeichnungen in Vahnerow statt, wo Frau von Oertzen mit der Braut wohnte – »Am 24. November kam ich zur Hochzeit in Vahnerow an« –, nicht in Trieglaff, wie das Handbuch von 1893 schreibt; die zweite setzt das Handbuch in das Jahr 1828, Verlobung und Hochzeit fielen aber in das Jahr 1829. Auguste von Oertzen starb am 6. April 1826 in Naumburg. Seine Ernennung zum Vizepräsidenten in Frankfurt an der Oder wurde bereits am 24. Dezember 1834 aus Berlin gemeldet; das Amt trat er 1835 an. Sein Grab auf dem Domfriedhof II in Berlin-Mitte ist erhalten. Der Nachlass (Bestand ER, 1.926 Verzeichnungseinheiten) liegt im Gerlach-Archiv Erlangen, darunter 159 Briefe Leopolds von 1852 bis 1860 und 216 Briefe an den Neffen Jakob.

Quellen: Hallische Zeitung 21. Februar 1877, S. 2; Kölnische Zeitung 19. Februar 1877, S. 5; Neue Zeitung, Hamburg, 24. Dezember 1834, S. 2 (Zeitungsportal der Deutschen Digitalen Bibliothek); Aufzeichnungen aus seinem Leben und Wirken, Bd. 1, 1903 (Kapitel 1825 und 1829); Handbuch des Preußischen Adels, Bd. 2, 1893, S. 256; Wikimedia Commons, Grabfoto 2016 (CC BY-SA 3.0).

Wie der Unfall aussah und wie die Urteile auseinandergingen, zeigen die Wiener Blätter jener Woche. »Die Presse« berichtete aus Berlin, ein Rad des Postwagens sei ihm über Stirn und linken Oberarm gegangen; er sei unter schweren Schmerzen, aber bei vollem Bewusstsein gestorben. Seine letzte öffentliche Rede galt der ersten Lesung der Zeughausvorlage; für die zweite Beratung des Kultus-Etats hatte er sich bereits zu Wort gemeldet. Und die Urteile: Die »Neue Freie Presse« nannte ihn eine Mischung aus Junkertum, Bürokratie und Pietismus, während die katholische »Gemeinde-Zeitung« den Nachruf der Kölnischen Volkszeitung abdruckte, der ihn einen Patrioten im besten Sinne nannte – zwei Blätter derselben Stadt, derselben Woche. Quellen: Die Presse (Wien), 21. Februar 1877, S. 9 (ANNO_apr18770221); Neue Freie Presse, 22. Februar 1877, S. 2 (ANNO_nfp18770222); Gemeinde-Zeitung (Wien), 24. Februar 1877, S. 3 (ANNO_gem18770224); Grazer Volksblatt, 23. Februar 1877, S. 6 (ANNO_gre18770223), alle Österreichische Nationalbibliothek, ANNO.

Am 3. September 1863 beging er sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum; der König verlieh ihm dazu den Stern zum Roten Adlerorden zweiter Klasse. Vier Jahre später, im Juni 1867, stieg er in Prag im Gasthof »Zum blauen Stern« ab – die Fremdenliste führt ihn schlicht als »Herr von Gerlach, Präsident, von Magdeburg«. Quellen: Prager Zeitung, 8. September 1863 und 8. Juni 1867.

Was zwischen Abschied und Urteil lag, steht in der Genfer Presse genauer als in der preussischen. Im August 1874 reichte er sein Abschiedsgesuch ein, und es wurde angenommen. Einen Monat später, am 11. September 1874, verurteilte ihn das Kreisgericht Wohlau in Schlesien in Abwesenheit wegen seiner Schrift gegen die Zivilehe zu zweihundert Talern Geldstrafe, ersatzweise sechs Wochen Haft; das Journal de Genève meldete es tags darauf aus Wohlau und schrieb von »six mois de prison«, sechs Monaten. Acht Jahre zuvor hatte er schon erfahren, wie es ist, ohne Zeitung dazustehen: 1866 verschlossen sich ihm die Spalten aller Blätter, selbst die der Kreuzzeitung, und er musste sein Programm als Broschüre drucken lassen – »das literarische Ereignis des Tages«, schrieb die Gazette de Lausanne im Oktober, er erkläre darin der Regierung den Krieg. Zu seinem Dienstjubiläum am 3. September 1863 hatte dasselbe Blatt ihn noch »einen der Gründer der Kreuzzeitung« genannt; Justizminister Graf zur Lippe überbrachte in Magdeburg persönlich die Glückwünsche des Königs. Quellen: Journal de Genève, 19. August und 13. September 1874, je S. 3; Gazette de Lausanne, 9. September 1863, S. 3, 4. Oktober und 15. November 1866, sowie 26. Februar 1877, S. 2.

ZWEIMAL FÜR DIE PRESSEFREIHEIT

Dass ausgerechnet der Führer der Kreuzzeitungspartei zweimal für die Pressefreiheit eintrat, ist zweifach bezeugt. Den Antrag vom April 1857, den er mit Hermann Wagener einbrachte, beschreibt weiter unten ein eigener Abschnitt nach dem Staats-Anzeiger und weiteren Blättern. Sechs Jahre später traf ihn die Frage als Richter. Nach Bismarcks Presseverordnung vom 1. Juni 1863 wurden die Redakteure angeklagt, die gegen sie protestiert hatten, darunter Hoppe in Magdeburg; als die Sache an das Appellationsgericht kam, führte er den Vorsitz und begründete den Freispruch: »Der Angeklagte befand sich, als er die Preß-Verordnung angriff, in seinem Recht; denn sie ist ein Eingriff in sein, wie aller Preußen Recht auf Freiheit der Presse.« Erzählt hat es eine Berliner Korrespondenz des Frankfurter Journals wenige Tage nach seinem Tod (Luxemburger Wort, 27. Februar 1877, S. 2).

Wie sein Begräbnis wirkte, hat Paris vierzehn Jahre später aufgeschrieben. Als Windthorst 1891 ein Staatsbegräbnis erhielt, stellte Le Temps dagegen die Trauerfeier, die 1877 in aller Eile und im Schatten für Ernst von Gerlach gehalten worden sei – und bei der kein Staatsmann erschien.

Ein zweites Pariser Blatt sagte am Tag darauf, was fehlte: bei jenem »armseligen Begräbnis« sei kein einziger Staatsmann erschienen. Und schon dreizehn Jahre zuvor hatte ein drittes die Rechnung aufgemacht: Der alte Herr von Gerlach, »dessen Schüler Herr von Bismarck ist« und der 1848 an der Spitze seiner Partei das Königtum gerettet habe, sei »mit dem Titel eines Reichsfeindes gestorben« – das deutsche Wort steht mitten im französischen Satz. Dass die beiden Begräbnisse gegeneinandergehalten wurden, ist die Beobachtung der Zeitungen.

Quellen: L'Observateur français vom 21. März 1891, S. 1; Le Constitutionnel vom 12. Dezember 1878, S. 1 (Gallica).

Quellen: Luxemburger Wort, 27. Februar 1877; Le Temps (Paris), 20. März 1891; Galignani’s Messenger, 16. und 17. September 1874 (Digitalisate von Delpher, eluxemburgensia und Gallica).

Wie weit die Nachricht seines Todes lief, zeigt Norwegen: Mindestens sieben norwegische Blätter brachten im Februar und März 1877 einen Nachruf. Das Morgenbladet in Christiania meldete am 25. Februar, er sei am Abend des 17. Februar auf der Strasse überfahren worden, und hielt fest, dass er wenige Tage vor seinem Tod die hannoverschen Partikularisten gegen die Berliner Zeughausvorlage unterstützt habe. Quelle: Morgenbladet (Christiania), 25. Februar 1877 (Nasjonalbiblioteket).

EINE REDE, IN LONDON GEDRUCKT

Eine seiner Kammerreden ist ins Englische übersetzt und in London verlegt worden, und zwar bei dem ersten Hause der Stadt.

»The Law of Marriage. The Speech of Baron von Gerlach, in the Prussian Chamber, on the Marriage Law«, mit einem Vorwort von Henry Drummond, erschien 1857 bei John Murray in der Albemarle Street, dreiundzwanzig Seiten im Oktav. Murray war der Verleger Byrons und später Darwins; wer dort erschien, wurde in England gelesen.

Henry Drummond, der das Vorwort schrieb und nach dem Zeugnis des Unterhauses auch die Übersetzung besorgte, war Bankier, Abgeordneter für West Surrey und einer der Gründer der katholisch-apostolischen Gemeinde. Dass gerade er sich der preussischen Ehegesetzgebung annahm, ist kein Zufall: Die Frage, ob der Staat oder die Kirche über Ehe und Scheidung zu befinden habe, wurde in beiden Ländern zugleich verhandelt, und die englische Hochkirche sah in dem preussischen Streit den eigenen.

Die Vorgeschichte reicht weiter zurück. Schon 1842 war sein Sondervotum in der Gesetzkommission gedruckt worden, zusammen mit denen Sethes und von Grolmans, über den im September und Oktober beratenen Entwurf eines Ehescheidungsgesetzes. Die Londoner Ausgabe von 1857 setzt diese Linie fort.

Vier Bibliotheken führen den Druck: die British Library, die National Library of Scotland und die National Library of Wales mit zwei Exemplaren; im deutschen Verbundkatalog K10plus steht er unter der Nummer (DE-627)1970073845.

Quellen des Nachtrags: Katalogsätze der British Library (alma990013970110109251), der National Library of Wales (alma99306385102419 und alma995080406202419), der National Library of Scotland (alma9910963863804341) und des K10plus, MARC-Feld 264: London, J. Murray, 1857.

DER AUFRECHTE RICHTER

Der Londoner Spectator hat ihn über zwanzig Jahre hinweg beobachtet, und sein Urteil hat sich in dieser Zeit umgekehrt.

Im April 1854, während des Krimkrieges, stand er noch auf der falschen Seite: In der Debatte über die Kriegsanleihe habe »die Rechte, vertreten durch von Gerlach, für Russland gesprochen«. Zehn Jahre später klingt es anders. Im April 1864, im Streit um Schleswig, schrieb dasselbe Blatt, die deutschen Professoren würden schon noch zugeben, was »der aufrechte Richter von Gerlach ihnen kürzlich gesagt hat« – dass das Recht auf Schleswig eine Frage mit mindestens zwei Seiten sei.

Im Kulturkampf wurde er den Engländern zur Merkwürdigkeit und dann zum Zeugen. Im Januar 1873 vermerkte der Spectator, gegen die Kirchengesetze sei im Abgeordnetenhaus nur eine einzige protestantische Rede gehalten worden, die des Herrn von Gerlach. Im August desselben Jahres hiess es kühler, die Erklärung eines so entschiedenen Protestanten werde als Ergebnis persönlicher Wunderlichkeit behandelt und habe weder im Landtag noch im Lande Gewicht.

Dann kam das Urteil von 1874, und der Ton schlug um. Am 26. September 1874 schrieb das Blatt unter der Überschrift »Eine Woche Kulturkampf in Preußen«: »Der ehrwürdige von Gerlach, mehr als der Russell Gurney des preußischen Konservatismus, über sechzig Jahre lang Diener der Krone, über dreißig Jahre lang Präsident des Appellationsgerichts zu Magdeburg, hat kürzlich eine Schrift gegen das obligatorische Zivilehegesetz veröffentlicht. Wie ein englischer Hochkirchlicher es täte, empfand er die Zivilehe als Herabsetzung der lutherischen Kirche. Wir wollen seine Befürchtungen hier nicht erörtern. Wir haben nur festzustellen, dass er für dieses sonderbare Vergehen vor Gericht gestellt, zu dreihundert Talern Geldstrafe oder sechs Wochen Gefängnis verurteilt worden ist und dass – wahrhaft lächerlich zu berichten – die anstößige Schrift eingezogen und vernichtet werden soll. Es ist der Geist der alten spanischen Inquisition, der über das neue Deutsche Reich gekommen ist.« Beim Betrag irrt das Blatt: Das Wohlauer Erkenntnis lautete auf zweihundert Taler. Russell Gurney war Recorder von London und ein bekannter hochkirchlicher Jurist; das Blatt setzt ihn als Mass und findet, der Preusse überrage es.

Drei Wochen später, am 17. Oktober 1874, kam es noch einmal darauf zurück: Wenn ein Protestant von solchem Rang »abgesetzt und bestraft wird, weil er maßvolle Einsprüche gegen die neue Gesetzgebung schreibt«, dann sei einem evangelischen Pfarrer, der dasselbe täte, erst recht nicht zu helfen.

Die Höhe der Strafe steht fest. Am 11. September 1874 verhandelte das Königliche Kreisgericht zu Wohlau in Schlesien; er war geladen, erschien nicht und schickte auch keinen Verteidiger, so dass in Abwesenheit geurteilt wurde. Staatsanwalt Schulze, der die Schrift bei einem Wohlauer Buchhändler hatte beschlagnahmen lassen, trug die Anklage vor; den Spruch verkündete Kreisgerichtsdirektor Goedel. Eine Woche später druckten die Zeitungen die veröffentlichten Gründe, und deren letzter Satz lautet: »Der Angeklagte ist § 131 Strafgesetzbuches schuldig befunden, zu 200 Thlr. Geldbuße event. 6 Wochen Haft und den Kosten verurtheilt worden. Gleichzeitig ist aus § 41 Strafgesetzbuches die Vernichtung der vorhandenen Druckexemplare, Platten und Formen angeordnet worden.« Zweihundert Taler also, ersatzweise sechs Wochen Haft. Die deutschen Blätter von Dresden bis Würzburg nennen übereinstimmend diese Zahl, ebenso Galignani's Messenger in Paris und die Stockholmer Fosterlandet; die dreihundert Taler des Londoner Spectator stehen allein. Ein Rechtsmittel legte er nicht ein – er bestätigte das im Oktober einem Berichterstatter der Germania selbst und bedauerte dabei nur, nicht wie die katholischen Bischöfe für seine Überzeugung leiden zu können. Quellen des Nachtrags: Berliner Börsen-Zeitung, Morgen-Ausgabe Nr. 437 vom 20. September 1874, S. 6 (Staatsbibliothek zu Berlin, Zefys SNP2436020X-18740920); Düsseldorfer Volksblatt, 15. September 1874, S. 2 (nach der Schlesischen Zeitung); Echo der Gegenwart, Aachen, 16. September 1874, S. 5; Dresdner Anzeiger, 13. September 1874, S. 18; Fränkisches Volksblatt, Würzburg, 14. September 1874, S. 2; Bayerischer Kurier, München, 15. September 1874, S. 2; Augsburger Postzeitung, 23. September 1874, S. 3; Hallische Zeitung, 2. Oktober 1874, S. 14 (sämtlich Zeitungsportal der Deutschen Digitalen Bibliothek).

Quellen: Galignani's Messenger vom 16. September 1874, S. 3; Le Progrès libéral vom 19. September 1874, S. 1; Les Tablettes des Deux Charentes vom 19. September 1874, S. 3 (sämtlich Gallica).

Seinen Tod im Februar 1877 hat der Spectator nicht vermeldet.

Quellen des Nachtrags: The Spectator, London, 15. April 1854, S. 7; 16. April 1864, S. 4; 25. Januar 1873, S. 2; 23. August 1873, S. 8; 26. September 1874, S. 7; 17. Oktober 1874, S. 7. Übersetzungen eigen.

EIN ABEND BEI BUNSEN

Am 26. August 1852 stand er unangemeldet in einem Londoner Salon.

Der preussische Gesandte Bunsen schrieb am Tag darauf aus Abbey Lodge im Regent’s Park an seine Frau: Er habe abends mit dem Ägyptologen Lepsius, mit Charles Buxton und mit Graf Henckel beisammengesessen, »und wer wird gemeldet? Der Präsident von Gerlach, der den Minister von Raumer hierher begleitet hat, ›um das englische Unterrichtswesen zu prüfen‹. Der Letztere kommt heute zu mir.«

Karl Otto von Raumer war seit 1850 preussischer Kultusminister und über die Mutter der Brüder mit ihnen verwandt. Der Appellationsgerichtspräsident begleitete ihn auf einer Studienreise nach England – ein Weg, den zehn Jahre zuvor schon sein jüngster Bruder Otto gegangen war. Im selben Brief kündigt Bunsen eine Besprechung mit Lord Malmesbury über die Neuenburger Sache an: In demselben Londoner Haus liefen an demselben Tag die preussische Schulfrage und der Neuenburger Konflikt zusammen.

Quelle des Nachtrags: Frances Baroness Bunsen, A Memoir of Baron Bunsen, London 1868, Band II, S. 291 (Brief vom 27. August 1852). Übersetzung eigen.

Den Spruch druckte auch die Stockholmer Zeitung Fosterlandet am 28. November 1874: zweihundert Taler oder sechs Wochen Gefängnis wegen der Schrift »Die Civilehe und der Reichskanzler«. Vier Monate später bekam er von Bismarck persönlich Antwort. Am 16. März 1875 sagte Bismarck im preussischen Haus der Abgeordneten einen Satz, den Dagens Nyheter am 22. März im Wortlaut brachte: Früher sei auch Herr von Gerlach dieser Ansicht gewesen. Quellen: Fosterlandet (Stockholm), 28. November 1874; Dagens Nyheter, 22. März 1875 (Kungliga biblioteket).

WIE IHN EIN FREMDER SAH

Am 27. April 1875 brachte das Helsinkier Morgonbladet auf der ersten Seite eine Reihe unter dem Titel »Lichtbilder aus dem Landtag: von Gerlach, Bismarck, Gneist«. Der Verfasser hatte ihn im Abgeordnetenhaus sitzen sehen und beschrieb, wo: mitten zwischen Reichensperger und Windthorst-Meppen, als Hospitant des Zentrums. Dazu gab er einen Lebenslauf, der Geburtstag, Geburtsort und den Vater als Oberbürgermeister richtig hat, und einen Satz, den in Preussen so niemand geschrieben hätte: Es habe eine Zeit unter Friedrich Wilhelm IV. gegeben, da sei der preussische Staat von diesem Mann und seinen beiden Brüdern geleitet worden, der eine Theologe, der andere General.

Anderthalb Jahre zuvor hatte dasselbe Blatt am 24. Dezember 1873 Bismarcks Rede gegen ihn im Kulturkampf auf Schwedisch gebracht, mit dem Urteil des Kanzlers, Gerlach ändere seine Meinung, sobald jemand sie teile. Und als er starb, brachte Åbo Underrättelser am 15. März 1877 einen Nachruf: achtzig Jahre, die Magdeburger Präsidentschaft »bis vor zwei Jahren«, Stahl, die »Rundschau«, der Bruch mit Bismarck 1866. Vom Unfall zwei Tage vor dem Tod steht dort nichts.

Quellen: Morgonbladet (Helsinki), 27. April 1875, S. 1, und 24. Dezember 1873; Åbo Underrättelser, 15. März 1877 (Kansalliskirjasto, digitale Sammlungen).

Auch das Baltikum meldete seinen Tod. Die Rigasche Zeitung druckte am 10. beziehungsweise 22. Februar 1877 den Nachruf der Berliner »Post« vollständig ab; die Revalsche Zeitung nannte fünf Tage später die Todesart – vom Postkarren überfahren – und das Reichstagsmandat Osnabrück. Ein Berliner Bericht vom 19. Februar bestätigt den Sterbetag und ergänzt die Tageszeit: nachmittags. Quellen: Rigasche Zeitung Nr. 33, 10./22. Februar 1877; Revalsche Zeitung, 15./27. Februar 1877.

Selbst in Madrid schrieb man über ihn. Die Zeitung La España brachte am 3. März 1877 auf der ersten Seite einen Nachruf und würdigte ihn als Bundesgenossen des Zentrums gegen Bismarck: Die deutschen Katholiken, hiess es dort, beweinten ihn wie einen der Ihren. Dasselbe Blatt hielt fest, dass er in den Feldzügen von 1813, 1814 und 1815 dreimal verwundet worden war. Eine Angabe ist allerdings falsch: La España macht ihn zum Minister des Jahres 1852 – das war er nie. Quelle: La España (Madrid), 3. März 1877, S. 1 (Biblioteca Nacional de España, Hemeroteca Digital).

ZWEI TAGE NACH DEM ATTENTAT

Am 7. Mai 1866 schoss Ferdinand Cohen-Blind in Berlin auf Bismarck; am 8. Mai sagte der König in Potsdam, die Aufgabe der Diplomatie sei erschöpft. Am 9. Mai stand in der Kreuzzeitung eine Rundschau aus seiner Feder, die sich »mit vollster Entschiedenheit gegen die kriegerische Politik des Grafen Bismarck« wandte, in der Herzogtümerfrage wie in der Bundesreform: »Der Krieg gegen Österreich wäre das größte Unrecht, das allgemeine Stimmrecht der politische Bankrott.« Sieben Wochen später fiel die Entscheidung bei Königgrätz. Wie weit dieser Widerspruch trug, zeigt der Ort, an dem er nachgedruckt wurde: noch am selben Tag in Preßburg, auf derselben Spalte wie das Attentat und die Potsdamer Königsrede. Quelle: Preßburger Zeitung Nr. 107 vom 9. Mai 1866, S. 1 (difmoe.eu).

Wie Bismarck ihn las, erzählt eine Geschichte aus dem Jahre 1872, die nicht verbürgt ist. Ein Korrespondent der Weser-Zeitung berichtete, das eigene Exemplar des Kanzlers von Gerlachs Broschüre über die Politik des Jahres 1866 sei auf jeder Seite mit Rotstiftnoten gefüllt gewesen; über die letzte Seite gehe ein langer Strich, und darunter stehe das Wort »Blech«. Für den Vorgang gibt es keinen zweiten Zeugen. Er zeigt aber, wie die Schrift damals gelesen wurde. Quelle: Preßburger Zeitung Nr. 31 vom 8. Februar 1872, S. 3 (difmoe.eu).

WIE DIE GEGENSEITE SEINEN ABSCHIED SAH

Als 1874 sein Rücktritt als Präsident des Magdeburger Appellationsgerichts gemeldet wurde, schrieb ein liberales Blatt einen Nachruf auf seine Laufbahn, der nichts beschönigt – und gerade deshalb aufbewahrt gehört. Mit ihm scheide »ein Stück altpreußischer Reaktion aus dem öffentlichen Leben«. Der fast achtzigjährige Mann sei noch in jüngster Zeit im Landtage als Wortführer der versteinertesten Reaktion aufgetreten und habe »die traurige Auszeichnung gehabt, von dem Fürsten Bismarck mit scharfen Worten zurechtgewiesen zu werden«. Die preussische Geschichte werde stets in wenig beneidenswerter Weise der Wirksamkeit gedenken, die er in den fünfziger Jahren »im Verein mit seinen Brüdern, dem Generaladjutanten des Königs Friedrich Wilhelm IV. und dem Pastor zu St. Elisabeth, als einflußreiches Mitglied einer Hofkamarilla, sowie als langjähriger hervorragender Mitarbeiter der Kreuzzeitung gegen jede freisinnige Regung« ausgeübt habe. Und zuletzt habe er »als protestantischer Ehrengast des Zentrums im Ultramontanismus ein Asyl für seine überlebte rückschrittliche Staatsweisheit gefunden«. Der Satz ist gehässig; er ist zugleich der kürzeste Abriss dessen, was die drei Brüder zusammen bedeuteten, und er kommt von jemandem, der sie bekämpft hat. Quelle: Tagesbote (Brünn), 25. August 1874, Bericht aus Berlin vom 19. August (difmoe.eu).

Bis nach Island ging die Nachricht von seinem Tod. Skírnir, die Jahresschrift der Isländischen Literaturgesellschaft, führte ihn 1877 in ihrem Totenrückblick und erklärte ihn den Lesern mit drei Kennzeichen: Führer der Junkerpartei in Preussen, streng königstreu, Gründer und Leiter der Kreuzzeitung – »eigentlich Neue Preußische Zeitung geheißen, die wegen eines Kreuzornaments auf der Titelseite lange so genannt wird«. Der Verfasser kannte das Blatt also, oder er hatte gute Vorlagen. Sein Urteil ist geteilt und ohne Umschweife: Der Mann sei mit grossen Gaben ausgestattet gewesen und von grösstem Mut, habe aber stets unbeugsam in der Reihe der Rückschrittsmänner gestanden. Die Klammer nennt erst den Todestag, den 18. Februar, dann Tag und Jahr der Geburt, den 7. März 1795; beides stimmt. Quelle: Skírnir, 51. Jahrgang 1877, S. 118 (Digitalisat Tímarit.is, Seite 2001134).

EIN ANTRAG FÜR DIE PRESSEFREIHEIT, 1857

Ein Vorgang vom April 1857 passt schlecht in das Bild, das man sich von ihm macht. Im Abgeordnetenhaus lag ein Antrag des Abgeordneten Mathis zur Presse vor; er wurde mit 153 gegen 102 Stimmen abgelehnt. Angenommen wurde dagegen ein Abänderungsantrag, den er zusammen mit Hermann Wagener eingebracht hatte: Die Staatsregierung solle »die verfassungsmässige und gesetzliche Freiheit der Presse, soweit erforderlich, im Wege der Gesetzgebung sicher stellen« und insbesondere die in Anspruch genommene Befugnis, Konzessionen auf dem Verwaltungswege zu entziehen, so regeln, »daß eine Appellationsinstanz mit Suspensiveffect hergestellt werde«. In namentlicher Abstimmung ging er mit einer einzigen Stimme durch: hundertsechsundzwanzig gegen hundertfünfundzwanzig. Der Vorgang ist breit bezeugt – der Königlich Preußische Staats-Anzeiger meldete ihn am 22. April, das Prager Blatt »Bohemia« am selben Tag mit beiden Namen, und ein halbes Dutzend bayerischer Blätter brachte ihn zwischen dem 22. und dem 25. April im gleichen Wortlaut. Der Mann, der die Kreuzzeitung machte, hat also für den Rechtsweg gegen behördliche Zeitungsverbote gestimmt und ihn durchgesetzt. Quellen: Königlich Preußischer Staats-Anzeiger, 22. April 1857; Bohemia (Prag), 22. April 1857; Regensburger Zeitung, Kemptner Zeitung, Bayerisches Volksblatt, Augsburger Postzeitung, Neue Münchener Zeitung und Bayerische Landbötin, 22. bis 25. April 1857 (sämtlich Bayerische Staatsbibliothek, MDZ); Temesvarer Zeitung, 25. April 1857, und Kronstädter Zeitung, 9. Mai 1857 (ANNO).

Am 16. März 1875 sprach er gegen die Kirchengesetze – nicht im Reichstag, der in diesem Frühjahr gar nicht tagte, sondern im preussischen Haus der Abgeordneten, dem er seit 1873 als Hospitant der Zentrumsfraktion angehörte. In dessen einunddreissigster Sitzung stand der Entwurf »betreffend die Einstellung der Leistungen aus Staatsmitteln für die römisch-katholischen Bisthümer und Geistlichen« in erster Beratung, das spätere Sperrgesetz. Nach August Reichensperger, dem Kultusminister Falk und dem Professor von Sybel nahm er als Gegner des Gesetzes das Wort; er war achtzig Jahre alt, las stark vom Manuskript ab und bat das Haus um Nachsicht. Bismarck, der während Sybels Rede den Saal betreten hatte, antwortete unmittelbar und gab ihm den eigenen Wahlspruch zurück: Der Vorredner kenne ihn lange genug, um zu wissen, dass auch er Gott zu gehorchen glaube, wenn er seinem König diene – »dem er seinerseits ja auch früher gedient hat unter der Devise: mit Gott für König und Vaterland; jetzt sind die Drei ihm auseinander gekommen, wie es scheint, und er sieht Gott getrennt von König und Vaterland.« Quellen des Nachtrags: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Preußischen Hauses der Abgeordneten, Session 1875, Band II, S. 839, 843 und 849, nachgewiesen in der Geschäftsübersicht des Preußischen Hauses der Abgeordneten 1875, S. 21 (MDZ bsb11309225, Bild 1391); Horst Kohl, Die politischen Reden des Fürsten Bismarck, Band 6, Stuttgart 1893, S. 247–249 (MDZ bsb11635438, Bilder 281–283); Sitzungsverzeichnisse des Reichstags, 2. Legislaturperiode (reichstagsprotokolle.de).

Die Pariser Blätter druckten den Auftritt in ganzer Länge, und sie haben die Antwort vollständiger als die deutschen. Nachdem er gesagt hatte, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen, nahm Bismarck den Satz an und riet dem Vorredner, ihn zu erweitern: Er möge Gott mehr gehorchen als dem Menschen, das heisse: mehr als Herrn von Gerlach selbst. Das Protokoll vermerkt Heiterkeit. Und wenn der Vorredner sich von der Tyrannei befreien wolle, die Herr von Gerlach über ihn ausübe, werde er sich wohl dabei befinden. Dasselbe Blatt nannte ihn vier Tage später »den achtzigjährigen Führer der altkonservativen Partei und eine der Grössen des orthodoxen Protestantismus« und beschrieb Bismarck als jemanden, der »seinem einstigen Freund und Kampfgefährten« antwortete.

Quellen: Journal des débats politiques et littéraires vom 19. März 1875, S. 2, vom 23. März 1875, S. 2, und vom 24. März 1875, S. 1 (Gallica). Zweiundzwanzig Jahre später, im August 1897 in Friedrichsruh, sprach derselbe Bismarck anders über ihn: »Die Gerlach und Stahl sind heutzutage nicht mehr anzutreffen. Die hatten wirklich noch ihre Ideale vom konservativen Staatswesen und gingen ihnen nach; heutzutage hat die Streberei alles verdrängt.« Quelle: Siebenbürgisch-Deutsches Tageblatt, 21. März 1875 und 20. August 1897 (ANNO).

Seinen Namen trug die Gruppe auch im gewöhnlichen Sprachgebrauch. »Fraction Gerlach« schreibt die Temesvarer Zeitung am 31. Oktober 1858, »Gerlach'sche Fraktion« die Kronstädter Zeitung am 8. Dezember desselben Jahres und noch einmal am 14. Januar 1859. Und er kommt an einer Stelle vor, an der man ihn nicht sucht: In einem Brief aus Leipzig vom Juni 1866, den ein Czernowitzer Feuilleton 1911 unter neu aufgefundenen Nietzsche-Briefen abdruckte, schreibt der einundzwanzigjährige Friedrich Nietzsche über die preussische Lage, »wenn der alte Gerlach mit einigen westfälischen Borneos gegen den Bund mit der gekrönten (Victor Eman.) und nicht gekrönten Demokratie schimpft«. Einen Monat zuvor, am 9. Mai, war seine Rundschau gegen Bismarcks Krieg erschienen. Quellen: Temesvarer Zeitung, 31. Oktober 1858; Kronstädter Zeitung, 8. Dezember 1858 und 14. Januar 1859; Czernowitzer Allgemeine Zeitung, 11. April 1911, Feuilleton »Neue Nietzsche-Briefe« (sämtlich ANNO).

ER WOLLTE 1854 GEHEN, UND MAN LIESS IHN NICHT

Im Februar 1854 bat er um seine Entlassung. Das Gesuch und der Bescheid liegen im Geheimen Staatsarchiv, und der Aktentitel sagt beides in einem Satz: »Das Entlassungsgesuch des Appellationsgerichts-Chefpräsidenten v. Gerlach und seine Ablehnung, Febr., März 1854«. Er blieb also im Amt, weil man ihn nicht gehen liess – und blieb es noch zwanzig Jahre, bis 1874. Einen Monat zuvor, im Januar 1854, hatte ihm wegen einer beschlagnahmten Nummer der Kreuzzeitung eine Anklage gedroht, und er hatte angekündigt, dann sofort den Abschied zu fordern. Es war zugleich der Winter, in dem sich Preussen im Krimkrieg zwischen Westmächten und Russland entscheiden musste und in dem sein Bruder Leopold am Hofe für Russland stritt. Digitalisiert ist die Akte nicht. Quelle: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. HA Rep. 84a Nr. 50322.

MAGDEBURG, 31. MÄRZ 1848

Was er im Revolutionsfrühling in Magdeburg tat, hat sein Bruder Leopold in einem einzigen Satz festgehalten, der wie ein Protokoll klingt:
»Ludwig war in Magdeburg durch ein Billet des Oberpräsidenten Bonin aufgefordert worden, die Stadt zu verlassen; er hatte sich geweigert und erhielt nun einen Befehl von Bornemann nach Berlin zu kommen, wird nicht angenommen, schreibt diesem, er würde wieder abreisen, wird zu ihm bestellt und findet ihn im Bette, dieser beschwört ihn Magdeburg zu verlassen. Ludwig weigert sich und erhält als er nach Hause kommt, den Auftrag ein Projekt zu einer Hypotheken-Ordnung zu bearbeiten, er antwortet, er würde das in Magdeburg thun, reist ab und Niemand thut ihm etwas zu Leide.«
Im Herbst wurde es ernster. Am 15. November 1848 kamen »ängstliche Nachrichten aus Halle« und »eben solche aus Magdeburg«, und der Bruder schrieb einen Satz, wie er sonst in diesem politischen Buch nicht vorkommt: »Ich selbst wurde für Ludwig besorgt und dachte nur, wie ich ihn zuletzt hier gesehen hatte; daran schloß sich der Gedanke des Todes und des Alleinstehens hier auf Erden.« Am Tag darauf: »Brief von Ludwig, der mich beruhigt.«
Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 1, Berlin 1891, S. 150 und 242 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570990, Aufnahmen 00158 und 00250).

VOR DER ERSTEN KAMMER STAND EIN FEHLSCHLAG

Am 3. Februar 1849 notierte sein Bruder Leopold: »Ludwig kam gestern von seinem fruchtlosen Versuch, im Posenschen gewählt zu werden, zurück.« Sechs Wochen später war es geschafft; am Abend des 16. März 1849 dankte der König in Charlottenburg dem Generaladjutanten für einen Brief und war »sehr erfreut über Ludwigs Wahl zur ersten Kammer«.
Fünf Jahre darauf sass er in der anderen Kammer, und an einem Abend im November 1854 sassen beide Kammern bei seinem Bruder am Tisch: »Gestern Abend war Ludwig als Mitglied der zweiten Kammer und Karl Gerlach als Mitglied der ersten Kammer bei uns.«
Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 1, Berlin 1891, S. 282 und 306, und Band 2, Berlin 1892, S. 251 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570990, Aufnahmen 00290 und 00314; bsb11570991, Aufnahme 00263).

DIE URKUNDE VOM 17. MÄRZ 1850

Die Stiftungsurkunde der Kreuzzeitung wurde erst unterschrieben, als das Blatt längst erschien, und sein Bruder Leopold war dabei. Am 17. März 1850: »In Berlin war ich am Abend mit Ludwig, Voß und Kleist bei Wagner, wo wir die Urkunde über die Stiftung der Kreuz-Zeitung vollzogen. Die Zeitung hat 6000 Abonnenten aber immer noch ein kleines Deficit.« Im selben Atemzug steht seine Kritik an dem Blatt, dessen Rundschau er schrieb: »Ludwig warf der Zeitung vor, der Preußischen Ministerial-Politik gegenüber mit zu wenig Pietät und zu vielem Übermuth zu agiren.«
Was ihn die Rundschau kosten konnte, zeigt der Januar 1854. Eine Nummer wurde beschlagnahmt, eine Klage gegen ihn drohte, und er erklärte, er werde »sofort, sowie die Anklage gegen ihn erhoben würde, den Abschied fordern«, denn die Klage gehe der Sache nach vom Justizminister aus. »Die Wuth in den Polizei-Berichten gegen Ludwig und die Kreuz-Zeitung geht in das Lächerliche«, notierte der Bruder am 24. Januar. Am Rande steht dabei eine weitere Angabe: »1842 wollte der König Ludwig zum Präsidenten des Ober-Censurgerichts machen.«
Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 1, Berlin 1891, S. 446, und Band 2, Berlin 1892, S. 99–102 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570990, Aufnahme 00454; bsb11570991, Aufnahmen 00111–00114).

ZWEI BRÜDER, ZWEI LEHREN VOM KÖNIGTUM

Sie galten als eine Person. »Eben deshalb verwechselte man sie oft später«, schreibt die Einleitung der Denkwürdigkeiten, »lobte den General für parlamentarische Reden, die sein Bruder Ludwig gehalten hatte« – und der General hatte daran seine Freude: »Ludwig und ich werden durcheinander geworfen, was mir stets eine besondere Freude ist« (Juli 1855). In der Sache aber war der Unterschied grundsätzlich, und der Ältere hat ihn dreimal aufgeschrieben.
Am 3. Februar 1849: »Bei dem Nachhausegehen bekämpfte ich Ludwigs und Stahls Constitutionalismus, indem ich Ludwig die Aufgabe eines irgend vernünftigen Wahlgesetzes stellte, die er nach seiner Manier aber abwies.« Am 7. Januar 1850, auf der Fahrt nach Potsdam: »Unterwegs erklärte ich mich noch gegen Stahls Constitutionalismus und Ludwigs unpersönliches Königthum, während ich meinen Servilismus bis auf das Stiefelputzen ausdehnte.« Und am 30. Januar 1853, nach einem Diner der Rechten, bei dem auf beide getrunken worden war: »Es ist für mich schmerzlich, daß ich mit Ludwig zwei reelle Differenzen habe: 1. seine Anschauung von der Obrigkeit und namentlich von dem Könige und 2. sein Katholisiren.«
Der König selbst hat den Unterschied im April 1854 auf zwei Wörter gebracht. Als sich der französische Gesandte über die Gerlachs beschwerte, nannte er »Ludwig einen Ideologen, mich einen vortrefflichen Mann«.
Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 1, Berlin 1891, S. 2, 282 und 403, und Band 2, Berlin 1892, S. 5, 133 und 332 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570990, Aufnahmen 00010, 00290 und 00411; bsb11570991, Aufnahmen 00017, 00145 und 00344).

DER ÄLTERE BRUDER ÜBER DIE LETZTEN JAHRE

Im Alter wird der Ton zwischen den beiden gelöster und schärfer zugleich. Im Juli 1859, über das immer gleiche Leben am Hof: »Und so geht es ein wie alle Tage, so daß Ludwig mich ein Petrefakt nennt, was nicht sterben kann.« Im Mai 1860, nach einem Wiedersehen in Berlin: »Ludwig war […] sehr clever, ganz der Alte. […] Ich soll ihn endoctriniren, er will aber nicht sehr eifrig endoctrinirt sein.« Und im selben Monat, über einen Brief, den er schreiben wollte: »An Ludwig will ich über das Alles schreiben, obschon ich mich vor seinen Antworten fürchte.«
Politisch standen sie zuletzt näher beieinander als je. Am 31. März 1860: »Mit Ludwig war ich in der Politik ganz einig. Er sagte, er wolle lieber mit Bennigsen und Consorten gegen, als mit sogenannten Conservativen und Royalisten für Bonaparte.«
Neun Monate später, am 10. Januar 1861, starb der Bruder. Die Tochter, die den Band herausgab, schreibt über den Abend zuvor: »Abends fing er an irre zu reden, die Rose war ins Gehirn getreten. Sein Bruder, der Präsident Ludwig von Gerlach, hat ihn nicht mehr gesprochen.«
Quelle: Denkwürdigkeiten aus dem Leben Leopold von Gerlachs, Band 2, Berlin 1892, S. 685, 719, 727, 729 und 770 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb11570991, Aufnahmen 00697, 00731, 00739, 00741 und 00782).

WIE DIE SCHWEIZERISCHE FORSCHUNG SEIN VERHÄLTNIS ZUR SCHWEIZ SIEHT

Zwei Sätze aus schweizerischen Fachzeitschriften sagen, was er dort suchte und was es ihm eintrug. Der erste steht 1941 in der Besprechung von Edgar Bonjours Buch »Die Schweiz und Deutschland in ihren politischen und kulturellen Beziehungen während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts« (Basel 1940): »Ernst Ludwig von Gerlach glaubte in der Schweiz die Reste altdeutscher Staatlichkeit gefunden zu haben.« Der Satz steht dort unmittelbar hinter dem Freiherrn vom Stein, der auf seinen Schweizerreisen Treue, Sittlichkeit, ruhige Besonnenheit und geordnete Freiheitsliebe als Züge des ursprünglichen deutschen Charakters wiederzufinden meinte.

Der zweite Satz gilt dem Verdacht, unter dem die Brüder in den Jahren des Sonderbundskriegs standen. Werner Näf schreibt 1921: »Anderseits galt jeder religiös Strenggläubige als Parteigänger der politisch Konservativen; in dem strengen Pietismus witterte man Katholizismus; Graf Anton Stolberg, Thile, die Brüder v. Gerlach standen in diesem Rufe.« Gegen diese Lesart haben sie sich gewehrt: Auf derselben Seite hält Näf fest, der preussische Gesandte von Sydow und »die Brüder Gerlach insbesondere« hätten nicht aufgehört, bei jeder Gelegenheit zu betonen, in der Schweiz gehe es durchaus nicht um konfessionelle Gegensätze – der Sonderbundsgeneral Salis-Soglio sei ja selbst Protestant.

Quellen des Nachtrags: Besprechung von Edgar Bonjour, Die Schweiz und Deutschland in ihren politischen und kulturellen Beziehungen während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Basel 1940, in: Zeitschrift für schweizerische Geschichte 21 (1941), S. 282; Werner Näf, Der schweizerische Sonderbundskrieg als Vorspiel der deutschen Revolution von 1848, in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde 19 (1921), S. 1 und 55 (Digitalisate e-periodica, ETH-Bibliothek Zürich, pid szg-005:1941:21::296 und bzg-002:1921:19::63).

NEUN STIMMEN, UND EINE DAVON SEINE

Am 24. September 1849 stimmte die Erste Kammer über den Artikel 38 ab, der die Lehen und die Familienfideikommisse aufheben sollte. Der Antrag, den Artikel ganz zu streichen, war seiner. Das Protokoll der dreiundvierzigsten Sitzung hält beides fest, das Ergebnis und den Namen: »Anwesend gewesen sind 125 Mitglieder; davon haben mit „Nein“ geantwortet 114, mit „Ja“ 9, und 2 haben sich der Abstimmung enthalten. Der Antrag des Abgeordneten von Gerlach, den Art. 38 zu streichen, ist also abgelehnt worden.« Die neun stehen mit Namen in den Spalten des Berichts: von Bethmann-Hollweg, von Canitz, von Daniels, von Gerlach, Graf von Hochberg, Graf von Limburg-Styrum, von Manteuffel, Graf von Schweinitz und Uhden. Es ging um die Rechtsform, auf der der hinterpommersche Besitz der Familie stand: Parsow und Schwemmin waren Familienfideikommiss.

Wie weit die Abstimmung lief, zeigt eine niederländische Zeitung. Die Opregte Haarlemsche Courant brachte am 28. September einen Berliner Bericht vom 25., der dieselben neun Namen aufzählt und den Landrat von Manteuffel an ihre Spitze stellt. Nur die Gegenzahl stimmt dort nicht.

Quellen: Verhandlungen der Ersten Kammer, Stenographische Berichte 1849,2, Dreiundvierzigste Sitzung am 24. September 1849, S. 839 (Bayerische Staatsbibliothek, bsb10813953, Aufnahme 00438); Opregte Haarlemsche Courant vom 28. September 1849 (Koninklijke Bibliotheek Den Haag, Delpher, ddd:010515481:mpeg21:a0003).

WO SEINE SPALTE EINGEORDNET WURDE

Seine Spalte in der Kreuzzeitung hiess »Rundschau«, und ein belgischer Nationalökonom hat sie zwei Jahre nach seinem Tod in die Geschichte des Sozialismus eingeordnet. In der Revue des deux mondes vom 1. Januar 1879 heisst es, die rückwärtsgewandteste Spielart des konservativen Sozialismus sei »vom Präsidenten von Gerlach vertreten worden, der unter dem Namen Rundschau die soziale Frage im Blatt der Feudalen behandelte, der Kreuzzeitung«. Der Verfasser setzt hinzu, Ferdinand Lassalle habe ihm geantwortet, und druckt aus dieser Antwort ab: Angesichts der organischen Kraft der Grossindustrie sei es ebenso unmöglich, ihren Aufschwung aufzuhalten, wie die Bäche daran zu hindern, in den Fluss zu münden.

Quelle: Émile de Laveleye, Le socialisme contemporain en Allemagne, in: Revue des deux mondes vom 1. Januar 1879, S. 664–666 (Bibliothèque nationale de France, Gallica, ark:/12148/bpt6k355245).

IN PARIS KARIKIERT, 1854

Berühmt genug war er, um in Paris zur Figur zu werden. Am 17. März 1854 stellte Le Charivari, das Blatt Daumiers, dem französischen Publizisten Coquille einen preussischen an die Seite und nannte ihn beim Namen: Der preussische Coquille heisse Gerlach – und sei überdies Graf, was der französische nicht einmal als Baron von sich sagen könne. Graf war er nicht. Woran sich der Spott entzündete, sagt derselbe Absatz: Gerlach habe behauptet, nichts sei der Sitte und den guten Sitten zuträglicher, als öffentlich die Peitsche zu geben. Drei Jahre zuvor hatte er in der Ersten Kammer gegen den Strafgesetzbuch-Entwurf gesprochen und die abgeschaffte körperliche Züchtigung verteidigt: »Man hätte an die Erfahrung denken sollen, daß wohl nie so viel Schläge gefallen sind, als seit Abschaffung der Prügelstrafe.« Das Blatt schliesst, die beiden seien zwei Köpfe unter einer Mütze und dächten über alles gleich – ausser über Russland.

Quellen: Le Charivari vom 17. März 1854, S. 1 und 2 (Bibliothèque nationale de France, Gallica, ark:/12148/bpt6k30618558); Verhandlungen der Ersten Kammer, Stenographische Berichte, Zweiundvierzigste Sitzung am 12. April 1851.

ZITIERT IM BRITISCHEN UNTERHAUS

Die Londoner Ausgabe blieb nicht liegen. Im Sommer 1857 beriet das Unterhaus die Divorce and Matrimonial Causes Bill, aus der das englische Ehescheidungsrecht hervorging, und in fünf Wortmeldungen zwischen dem 30. Juli und dem 19. August fällt sein Name. Lord John Manners, Abgeordneter für Leicestershire, führte ihn am 30. Juli ein: »Doubtless many hon. Gentlemen were familiar with the remarkable speech of Baron Von Gerlach, which had been translated by the hon. Member for West Surrey (Mr. Drummond).« – Gewiss sei vielen ehrenwerten Herren die bemerkenswerte Rede des Barons von Gerlach bekannt, die der Abgeordnete für West Surrey, Herr Drummond, übersetzt habe.

Die Regierungsbank musste eigens dagegen anreden. Schon am 31. Juli hielt der Solicitor General entgegen, in Preussen werde aus vielerlei und teils geringfügigen Gründen geschieden, während der Entwurf das Scheidungsrecht auf Ehebruch beschränke. Am 18. August berief sich Mr. Wigram auf ihn als Erfahrungszeugen: Seit die Geistlichen sich weigerten, Geschiedene zu trauen, sei die Zahl der Scheidungen in Berlin auffallend zurückgegangen.

Am 19. August aber trug Manners den Satz vor, den derselbe Redner achtzehn Jahre später Bismarck entgegenhalten sollte: »this defiance of the law is sacred; it is the germ of Divine right; it is like what took place in Jerusalem when the Apostles said, We ought to obey God rather than man.« – Dieser Ungehorsam gegen das Gesetz ist heilig; er ist der Keim göttlichen Rechts; es ist wie in Jerusalem, als die Apostel sagten: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Was 1857 in London als Argument für ein Ehegesetz vorgetragen wurde, war 1875 in Berlin der Satz, der ihm Bismarcks schärfste Antwort eintrug. Die Engländer haben ihn zuerst zitiert.

Quellen: Hansard, Parliamentary Debates, House of Commons, 30. und 31. Juli sowie 6., 18. und 19. August 1857 (Historic Hansard des britischen Parlaments). Übertragungen eigen.

EINE GANZE REDE, GEDRUCKT IN SYDNEY

Das Freeman's Journal, die katholische Wochenzeitung Sydneys, druckte am 12. August 1876 auf Seite 7 eine Rede, die er an einem 5. März im preussischen Haus der Abgeordneten gehalten hatte – vollständig, in englischer Übersetzung, eintausendachthundertvierzehn Wörter. Das Jahr nennt die Vorlage nicht; der 5. März 1876 war ein Sonntag.

Er beginnt damit, dem Kanzler ein Wort zurückzugeben. Von einem Krieg gegen den Papst zu sprechen sei nicht seine Erfindung: »That expression at war with the Pope, was not invented by me ; I do not like it at all ; and I should on no account have made use of it, had it not been employed by no less a personage than the High Chancellor himself.« – Der Ausdruck sei nicht von ihm, er möge ihn gar nicht und hätte ihn unter keinen Umständen gebraucht, wenn ihn nicht der Hohe Kanzler selbst benutzt hätte.

Dann sagt er den Satz, der einen Mitbegründer der Kreuzzeitung kennzeichnet: »I tell you plainly, gentlemen, that I, although a Protestant, am extremely glad to see the Church of Rome thus gain strength.« – Er sage es geradeheraus: Obwohl Protestant, sei er ausserordentlich froh, die römische Kirche so erstarken zu sehen. Denn das gebe ihm grösseres Vertrauen in sein Land, und seine Liebe zum Vaterland erwache neu.

Dem Vorwurf, er widerspreche sich, begegnet er mit einer Erinnerung aus seiner Jugend: »When young, I rejoiced at the victory of Leipzig, but at the same time I mourned for my friends and relations who lay weltering in their blood.« – Als junger Mann habe er sich über den Sieg bei Leipzig gefreut und zugleich um Freunde und Verwandte getrauert, die in ihrem Blute lagen. Er war achtzehn, als die Völkerschlacht geschlagen wurde.

Der Schlusssatz ist das Bekenntnis, und er steht vor dem preussischen Abgeordnetenhaus: »It was with this intention that I have taken my place in this House as a member of the Centre, and this is my banner on the field of battle.« – In dieser Absicht habe er in diesem Hause seinen Platz beim Zentrum genommen, und das sei sein Banner auf dem Schlachtfeld.

Dass eine australische Wochenzeitung die Rede des früheren Präsidenten des Magdeburger Appellationsgerichts in voller Länge abdruckte, zeigt, wie weit der Kulturkampf gelesen wurde.

Die Rede wurde deutsch gehalten; hier steht die englische Fassung des Blattes, die Übertragungen sind eigen. Der deutsche Wortlaut steht in den stenographischen Berichten des preussischen Hauses der Abgeordneten. Quelle: Freeman's Journal (Sydney), 12. August 1876, S. 7 (Trove, National Library of Australia, Artikel 115302160; Digitalisierung gefördert durch das Digital Excellence Programme der State Library of New South Wales).

WAS BISMARCK DARAUF ANTWORTETE

Der Geelong Advertiser in Victoria druckte am 4. Mai 1875, was der Berliner Korrespondent der Times von Bismarcks Gegenrede am 16. März 1875 als Wortlaut telegrafiert hatte – und es ist eine Abrechnung.

Bismarck greift genau einen Satz heraus: »I refer to the nuisance of the axiom, in itself perfectly sound — one ought to obey God rather than man.« Dann wendet er den Wahlspruch, den Gerlach selbst mitgeprägt hatte: »The previous speaker, Dr. von Gerlach, has known me long enough to be aware that I accept that maxim in its integrity, and that I believe I am obeying God if I serve the King, whom he himself formerly served, ›with God for King and Fatherland.‹ The three parts of the device now seem to him a little sundered, and he sees God separated from King and Fatherland. (Laughter.)« – Der Vorredner kenne ihn lange genug, um zu wissen, dass er den Grundsatz ganz annehme und Gott zu dienen glaube, indem er dem König diene, dem jener selbst einst gedient habe, mit Gott für König und Vaterland; die drei Teile der Devise schienen ihm jetzt ein wenig auseinandergefallen.

Er verweist auf das Alter des Gegners, das dieser selbst angeführt hatte: »he should have remembered on this point his eighty years to which he referred in his speech«. Er stellt die Frage um: »The question, in truth, with me is, ought one to obey the Pope rather than the King? (Loud cheers.) I see a vast difference between the Pope and God, and this was formerly the case with the last speaker.« – Ob man dem Papst mehr gehorchen solle als dem König; zwischen Papst und Gott sehe er einen gewaltigen Unterschied, und früher sei das auch beim Vorredner so gewesen.

Dann der Vorwurf, die Rede sei gar nicht ans Haus gerichtet gewesen: »All that the previous speaker has said was not intended to convince the House or to be believed, but was addressed to the public. All that otherwise would be punishable if printed can thus be printed with impunity. This explains this fertility of oratory. (Laughter.)« – Was gedruckt strafbar wäre, lasse sich so straflos drucken; das erkläre die Redseligkeit. Der Mann, der das hört, war im September 1874 wegen einer gedruckten Schrift zu zweihundert Talern verurteilt worden.

Und der Schluss, mit dem Wahlspruch zum zweiten Mal: »Each man thinks he knows God better than others, I, for instance, think I know Him better than the previous speaker. … We are simply doing our duty in guarding the independence of the State and the nation against the oppression of Rome and the universal supremacy of the Order of Jesuits, and we are doing it ›with God for King and Fatherland.‹« Die Meldung vermerkt, wie das Haus reagierte: »(Vehement applause, with hisses from the Centre.)« – lebhafter Beifall, und Zischen aus dem Zentrum, der Fraktion, bei der Gerlach seit 1873 sass.

Quelle: Geelong Advertiser (Victoria), 4. Mai 1875, S. 3, nach dem Berliner Korrespondenten der Times (Trove, National Library of Australia, Artikel 148775749). Die Zitate stehen englisch wie die Vorlage; die Übertragungen sind eigen. Der deutsche Wortlaut steht in den stenographischen Berichten und ist mit dieser Fassung nicht verglichen.

Sources

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Date of birth
JvG 2015, S. 154–165
Date of death
JvG 2015, S. 154–165

Parents

Siblings (4)

Spouses / partners

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